Land der Verheißung

Israel, mein Schicksal

Seit ihrer Jugend lassen Christa Behr die Themen Judentum und Nationalsozialismus nicht los. Ihre Berufung ist Israel, wo sie sich für die Beziehung zwischen messianischen Juden und Christen einsetzt.
Christa Behr vor ihrem Haus in Jerusalem
| Christa vor ihrem Haus in Jerusalem, Alt-Malha, das ihr eine befreundete Gräfin finanzierte.
Christa Behr vor ihrem Haus in Jerusalem
| Christa vor ihrem Haus in Jerusalem, Alt-Malha, das ihr eine befreundete Gräfin finanzierte.

Die 30 Jahre in Israel waren eine sehr gesegnete Zeit, aber nicht immer einfach. Ich würde mir noch einen größeren Durchbruch in der Beziehung zwischen Christen und messianischen Juden, also Juden, die Christus als Messias angenommen haben, aber weiterhin jüdische Traditionen und Feiertage leben, wünschen und mehr Verständnis in den Kirchen für Israel, das Volk Gottes. Nicht im Sinne von symbolischen Gesten und Anerkennungen, sondern übernatürlich, im Sinne von Apostelgeschichte Kapitel 10, wo der Heilige Geist auf die Heiden-Christen fiel und Gott damit ein Zeichen setzte, dass nun auch die anderen Völker durch Jesus Christus in den Bund mit dem Gott Israels aufgenommen sind.“ Ein hehrer Wunsch, den die 1953 geborene Christa Behr zu ihrem 30-Jahre-Jubiläum äußert, so würde man denken. Nicht so für die seit 30 Jahren in Israel lebende Christa, die die erste Österreicherin evangelischer Konfession ist, die ein religiöses Visum für Israel bekam. Sie hat in ihrem Leben unzählige Male das übernatürliche Eingreifen Gottes erlebt.

Beten auf dem Berg Zion

Der Tag beginnt bei Christa früh, besonders am Mittwoch, denn da trifft sie sich – wenn keine coronabedingten Lockdowns sind – mit ihrer Gebetsgemeinschaft auf dem Berg Zion im Dormitio-Kloster zum 7.00 Uhr-Gebet. Die Mitglieder beten für das Land Israel, für Versöhnung und dass Christus die Wunden heilt, die durch den Holocaust dem jüdischen Volk zugefügt wurden. Sie beten für Umkehr in den christlichen Kirchen Deutschlands und Österreichs, was die tragische und schuldbeladende Vergangenheit gegenüber dem jüdischen Volk betrifft. All dies sind Christas Lebensthemen, für die sie sich seit Jahrzehnten einsetzt.

Christa Behrs Arbeit im „Land der Verheißung“ geht eine lange Anlauf- und Vorbereitungszeit voraus. Schon während ihrer Jugend in den 60er Jahren empfindet Christa Scham über die deutsche Schuld am jüdischen Volk im Zweiten Weltkrieg, über ihre Verfolgung und Vernichtung in den Konzentrationslagern. Sie schreibt: „Als Jugendliche habe ich von der schrecklichen Schuld Deutschlands gehört: zu Hause, in der Schule oder auch durch Filme im Fernsehen. Daher lehnte ich alle nationalen Gefühle ab und wollte die deutsche Nationalhymne auch aus diesem Grund nicht auswendig lernen.“

Eine Freundin rät ihr, die Berufung erst zu prüfen

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Die ausgebildete Gemüsegärtnerin, die in einem protestantischen Haushalt aufwuchs, bekehrt sich während einer Evangelisationsveranstaltung in München. Daraufhin geht Christa nach Salzburg, um sich auf einer evangelischen Bibelschule als Religionslehrerin und Gemeindeschwester ausbilden zu lassen. Die nächsten sechs Jahre übt sie ihren neuen Beruf in einer evangelischen Kirche in Oberösterreich aus. Dort freundet sie sich mit Katholiken an und lernt den ortsansässigen katholischen Kaplan Kurt Waldhör kennen. Es entsteht ein übergemeindlicher Gebetskreis, der eine „kleine Erweckung“ erlebt. Viele Jugendliche bekehren sich. Zur gleichen Zeit hört Christa einen christlichen Vortrag über die große Schuld Deutschlands gegenüber Israel. Der Vers des Propheten Sacharia „Wer mein Volk antastet, tastet meinen Augapfel an“, spricht sie besonders an. „Ich fing an zu weinen“, schreibt sie, „und wünschte mir nichts sehnlicher, als einen Beitrag zu leisten, damit diese schrecklichen Wunden geheilt werden, die wir dem jüdischen Volk zugefügt haben.“ Prompt schreibt Christa den Vortrag von der Kassette auf Papier nieder und hält ihn selbst, wo immer sich eine Tür öffnet. 1981, während ihres zweiten Israelbesuchs, hat sie den Eindruck, dass Gott sie nach Israel ruft.

Eine Freundin rät ihr, die Berufung erst einmal zu prüfen. Sie ist nämlich gerade erst nach Salzburg gezogen. Was Christa verunsichert, ist, dass sie während ihrer Besuche in Israel auf viele Menschen trifft, die glauben, sie hätten einen Ruf von Gott für das Land. Ganz konkret bittet sie Gott daher um eine Antwort auf die Frage, warum er sie nach Israel sendet. Christa erhält eine Antwort aus dem Johannesevangelium, wo es heißt, dass Christus für sein jüdisches Volk und die „verstreuten Kinder Gottes“ sterben wird. Durch diesen Vers wurde ihr bewusst, was ihre Sendung ist: sich für die Einheit von messianischen Juden und Christen einzusetzen.

30 Jahre in Israel

1991, zehn Jahre nach ihrem Ruf nach Israel, ist es so weit: Mitten im Golfkrieg sagt Christa Österreich auf Wiedersehen und zieht nach Jerusalem. In den letzten 30 Jahren, die die Österreicherin nun in Israel verbrachte, ist viel passiert. Ein Meilenstein und eine Gebetserhörung war ihr großes, verwinkeltes Haus in Jerusalem. Dem vorangegangen war wieder eine Verheißung in Form eines Bibelvers und der davon unabhängige Traum von Christas Freundin, der österreichischen Gräfin Marie-Agnes von Clary und Aldringen, die träumte, jemandem in Jerusalem ein Haus zu kaufen. Das Match war perfekt: Die Gräfin finanzierte ihrer Freundin das Haus.

Jedes Volk hat eine spezielle Verantwortung

Seit fast 30 Jahren ist das Haus im Stadtteil Alt Malha nun ein Ort der Begegnung, in dem Christa Gäste aus aller Welt beherbergt, zahlreiche Gebetstreffen abhält und in dem die Volontäre ihres Vereins, der vom israelischen Sozialministerium anerkannt ist, wohnen. Diese können für ein Jahr bei Christa leben und Holocaust-Überlebenden und bedürftigen Menschen zuhause und in Altenheimen in Jerusalem und Migdal am See Genezareth ganz praktisch helfen. Dem Verein ist es ein Anliegen, „Antisemitismus in der Vergangenheit und Gegenwart zu konfrontieren und zur Umkehr, zu Versöhnung und Wiederherstellung der Beziehungen mit Israel beizutragen“. Zu den Mitbegründern des Vereins gehören auch drei Holocaustüberlebende, deren Geschichten in einem Buch erschienen sind. Eine davon ist Ruth Zacks, die in Oskar Schindlers Email-Warenfabrik dem Holocaust entkam. Darüber hinaus veranstaltet „Die Gemeinschaft vom Berg Zion“ seit 1993 jedes Jahr Gebetsreisen zu den ehemaligen Konzentrationslagern in Polen. Christen aus vorwiegend deutschsprachigen Ländern sind der Einladung gefolgt und haben zusammen mit Teilnehmern aus Israel diese Orte des Schreckens besucht.

Da während der strengen Lockdowns keine Volontäre einreisen durften, ist Christa nun fast ganz allein in ihrem Haus. Fast, da ihr sieben Katzen, von denen manche mehr Haus-, manche mehr Straßenkatzen sind, Gesellschaft leisten. Wie steht Christa Behr mittlerweile zu nationalen Gefühlen? „Unsere nationale Identität zieht uns zur Verantwortung“, sagt Christa. „Jedes Volk hat eine spezielle Verantwortung, die sich aus der jeweiligen Geschichte ergibt. Das ist auch der Grund, warum ich so viele Bußgottesdienste in Deutschland und Österreich veranstalte.“

Mehr über Christa Behr und ihren Dienst in Israel erfährt man auf ihrer Homepage www.christabehr-jerusalem.com.

 

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