Holz begleitet den Menschen von der Wiege bis zur Bahre

Ein Besuch im Hunsrücker Holzmuseum Morbach – Zurzeit Sonderschau „Funus – Wenn der Totenvogel ruft“

Morbach (DT) Still ist der November im Morbacher Wald. Nur ein Käuzchen ruft aus den Fichten hervor. Dunkelgrün säumen die Bäume den Hunsrück, das bergige Land zwischen Mosel und Rhein. In den Niederungen breiten sich derweil die Stoppelfelder aus, etwa im Drohnbach-Tal. Dort wartet der „Große Herrgott“ von Rapperath – ein Andachtsort mit zwei kleinen Kapellen. Herbwürzig weht die Luft aus dem nahen Wald zu ihnen herüber.

Der herzhafte Duft schlägt auch Besuchern entgegen, die wenige Kilometer weiter das Holzmuseum in Morbach-Weiperath betreten. Die Schau erzählt von den grünen Schätzen der Region, dem Biostoff Holz und davon, wie er das Leben prägt. „Bis heute arbeiten viele Leute in der Holzindustrie“, sagt Museumsdirektor Michael Pinter. „Zudem war Morbach früher eine Hochburg der Schnitzkunst.“ Die Einheimischen danken es dem Wald auf ihre Weise: 20 Jahre lang haben die Leute für ihr Museum gekämpft. Mit 100 ehrenamtlichen Helfern unterhalten sie es nun und schicken Interessierte auf seinen Holzweg.

Am Eingang gehen die Besucher durch die Hälften einer längs geteilten Fichte in die Ausstellung hinein. Zuerst in einen Raum, wo die Späne verschiedener Hölzer in Gläsern zur Riechprobe bereitliegen: Douglasie duftet etwa wohlig-warm, Zedern fast so edel wie ein Parfum. Der nächste Raum erzählt von der „Verwandlung des Baumes“. An dessen Jahresringen lässt sich nicht nur sein Alter ablesen, sondern auch, zu welcher Zeit es große Dürren oder zuviel Regen gab. Andere Räume informieren über die Waldarbeit, die Holzernte und den Abtransport des Materials: Von den Fuhrwerken für die dicken Stämme über den Hundskarren für das Reisig bis zur Hotte – einem Flechtkorb, den der Knecht schwer mit Holz bepackt auf dem Rücken getragen hat. Erfahren lässt sich auch, wie das Holz im Alltag eingesetzt worden ist. Etwa zum Bau der Kinderwiege oder als Bleichmittel im Haushalt: Asche aus Buchenholz diente Frauen als ätzende Lauge bei der großen Wäsche.

Im Kleinen wie im Großen hat das Hunsrück-Holz stets zum Leben dazu gehört – und auch zum Sterben. Im Museum erinnert daran derzeit eine Sonderschau mit dem Titel „Funus – Wenn der Totenvogel ruft“. Gemeint war der Schrei des Käuzchens: Wenn es aus dem Wald kam und ein Haus mit grellem „Ku-witt“, „Ku-witt“ umflog, stand dort ein Sterbefall kurz bevor, fürchteten die Leute einst. „Komm-mit“, „komm-mit“ haben sie verstanden. Und noch mehr hatte der Tod mit dem Wald zu tun: Aus dem Holz der Bäume hat der Schreiner ebenso die Särge gezimmert wie das Kreuz fürs Grab gefertigt. „Zugleich übernahm der Schreiner auch die Arbeit des Bestatters“, fügt Direktor Pinter hinzu. Ein oder zwei Särge mussten zu dem Zweck stets fertig ausgeschlagen sein: Dafür wurden Hobelspäne im Sarg verteilt und am Kopfteil dicker aufgefüllt. An den Seiten wurde starkes, weißes Papier mit Klammern befestigt und ein Spitzenkissen auf die Kopffläche gelegt. Zum Aufbahren schaffte der Bestatter überdies Holzböcke und einige Bretter herbei, die mit einem schwarzen Tuch zum Katafalk verhüllt wurden. Bis zum Tag der Beerdigung stand darauf der Sarg mit dem Toten.

Noch in den fünfziger Jahren ist die Totenlade in vielen Dörfern auf einer Leichenkutsche zum Friedhof gebracht worden, von Pferden mit geschwärzten Hufen gezogen. Solch eine Kutsche aus edlem, nachtdunkel lackiertem Holz und mit silbernen Beschlägen ist auch das Prunkstück im ersten Teil der Funus-Schau. Der zweite Abschnitt zeigt indes, wie mancher Handwerker heute die Nähe von Leben und Tod ins Moderne übersetzt: Zum Beispiel mit der „Life-Box“ – einer Designer-Kommode fürs Wohnzimmer. Zieht man aus ihr die Schubladen heraus, lässt sie sich später als Sarg für die letzte Ruhe verwenden.

Wen indes das Leben lockt, braucht nach der Schau nur eine Treppe tiefer zu gehen. Aus dem Spielzimmer schallt ihm lautes Lachen entgegen: Kleine und große Besucher versuchen ihr Geschick an der Kugelbahn und am Tischfußball aus Holz. Zudem lockt die urige Gaststube des Museums mit Apfel- und Streuselkuchen sowie einer heißen Schokolade. Sie dampft empor wie der Nebel, der sich im Herbst immer dichter über den Hunsrück legt. In dessen Wäldern herrscht jetzt eine tiefe Ruh‘.

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