Wien

Habsburgs Erbe

Das Oberhaupt der kaiserlichen Familie Österreichs wird 60: Karl von Habsburg ist mehr als Ottos Sohn und Kaiser Karls Enkel.

Papst Benedikt XVI., Kardinal Christoph Schönborn und  Karl von Habsburg
Papst Benedikt XVI. und Kardinal Christoph Schönborn fühlten sich Otto von Habsburg und seinem Sohn Karl seit langem eng verbunden. Foto: OR

Karl: Was für ein Name für einen Habsburger! Karl hieß der erste Kaiser im Abendland nach dem Untergang Roms in den Wirren der Völkerwanderung; gekrönt vom Papst am Weihnachtstag des Jahres 800 in Rom. Karl hieß jener polyglotte und vielsprachige, fromme und eigenwillige Habsburger an der schwierigen Schwelle des Mittelalters zur Neuzeit, in dessen Reich die Sonne nicht unterging. Karl hieß auch der letzte regierende Monarch Österreich-Ungarns, der jung und doch zu spät 1916 Kaiser und König des bereits todgeweihten Vielvölkerreiches im Herzen Europas wurde, der erfolglos um den Frieden rang, verleumdet und verkannt aus seiner Heimat verjagt wurde – und von Papst Johannes Paul II. 2004 seliggesprochen wurde.

Otto von Habsburg mit Sohn Karl auf dem Arm vor Gemälde  von Vater Kaiser Karl
Drei Generationen: Otto von Habsburg mit Sohn Karl auf dem Arm und Vater Kaiser Karl im Hintergrund. Foto: Archiv

Unerschüttert katholisch

Vieles von den Anschauungen, den Werten und der Persönlichkeit dieser drei Karls spiegelt sich im heutigen Chef des Hauses Habsburg, der am 11. Januar 1961 in Starnberg, im bayerischen Exil, geboren wurde, aber seit Jahrzehnten in Österreich wohn-, wenn auch nicht sesshaft ist. Die bewusste Verbundenheit mit den Päpsten seiner Zeit, die unerschütterliche Katholizität, verbunden mit einer stets wachen Aufmerksamkeit für fremde Traditionen, Religionen und Werte, die Vielsprachigkeit und Weltläufigkeit, ein fast manisches Interesse für Geschichte und Geografie, ein ausgeprägter Sinn für Familie und Verantwortung – all das war Karl von Habsburg in die Wiege gelegt.

Krone und Zepter fanden sich in der Wiege dagegen nicht. Seine Eltern, der Kaisersohn Otto von Habsburg und seine Frau Regina, geboren als Prinzessin von Sachsen-Meiningen, lebten am Starnberger See im Exil. Fünf Töchter waren ihnen bereits geschenkt worden, aber erst jetzt, als mit dem erstgeborenen Sohn die Nachfolge an der Spitze der weitverzweigten kaiserlichen Familie gesichert war, schlug der älteste Sohn Kaiser Karls kraftvoll ein Kapitel österreichischer Geschichte zu, um ein neues zu eröffnen: Am 31. Mai 1961 – wenige Wochen nach Karls Geburt – verzichtete Otto von Habsburg, den Vorgaben der österreichischen Republik entsprechend, auf alle Herrschaftsansprüche. Es sollte noch Jahre dauern, bis die politische Klasse Österreichs ihm und seinen Kindern die Einreise in die Heimat erlaubte.

Aufgewachsen in Bayern

So wuchs Karl von Habsburg, der später (1996–99) österreichischer Europaabgeordneter werden sollte, in Bayern auf, während sein 1912 in Österreich geborener Vater Otto von 1979 bis 1999 bayerischer Europaabgeordneter war. Das war schon ein Bild: Vater und Sohn nebeneinander im Straßburger Vielvölkerparlament, beide mühelos zwischen fünf Sprachen wechselnd, beide emsig fleißig, der eine für Bayern und der andere für Österreich! Gemeinsam ist den beiden Habsburgern nicht nur die Liebe zur bayerischen wie zur – im weitesten Sinn – österreichischen Heimat, sondern auch der leidenschaftliche Einsatz für die Einigung Europas.

Karl von Habsburg
Drei Jahre saß Karl von Habsburg für Österreich im Europäischen Parlament, neben seinem Vater Otto. Foto: EP

Ab den 1950er Jahren warb Otto von Habsburg für europäische Lösungen und Wege; 1973 wurde er Internationaler Präsident der Paneuropa-Union, in der Nachfolge Richard Coudenhove-Kalergis, mit dem er bereits während des Zweiten Weltkriegs in den USA zusammengearbeitet hatte. Sohn Karl engagierte sich jung in der Paneuropa-Bewegung, zunächst in Bayern, später in Österreich, wo er bis heute Präsident dieser Bewegung ist und – ganz in den väterlichen Fußspuren – für mehr Europa in der Außen- und Sicherheitspolitik wirbt. Als Friedensgemeinschaft, nicht als bloßen Binnenmarkt sieht der Habsburger die EU, weshalb er stets leidenschaftlich für ihre Erweiterung eintrat.

Neigung zum Abenteuer

Dass er dabei nicht nur mit jenen Völkern sympathisiert, die einst dem Reich seiner Vorfahren angehörten und mitunter bis heute eine gewisse Nostalgie zeigen, bewies Karl von Habsburg spätestens 2014 bei einem Besuch in Serbien: Ein Jahrhundert nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs, der Urkatastrophe Europas, reisten Karl und sein in Ungarn lebender Bruder Georg nach Belgrad, um ein Zeichen der Versöhnung zu setzen. Kein leichtes Unterfangen, zumal der damalige Staatspräsident Tomislav Nikolić ein enger Gefolgsmann des serbischen Kriegsverbrechers Vojislav Šešelj war, während Karl von Habsburg in den jugoslawischen Erbfolgekriegen (1991–95) Kroatien, Bosnien und den Kosovo humanitär wie politisch unterstützt hatte.

Eine gewisse Neigung zum Abenteuer, eine stille Leidenschaft für die Gefahr waren dem Weitgereisten seit jeher eigen. So besuchte er Anfang der 1980er Jahre als Student die gegen die Sowjetunion kämpfenden Mudschaheddin in Afghanistan, ein Jahrzehnt später die Kampfgebiete Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas. Beide Schauplätze haben ihn im Einsatz für die Friedensidee Europa bestärkt und zugleich sein Interesse für den Schutz von Kulturgütern geweckt. Hier wie da nämlich richtete sich der Krieg nicht nur auf die Eroberung eines Territoriums, sondern auch auf die Vernichtung sichtbarer Identität.

In einem Buch, das der Chefreporter der „Kronen Zeitung“, Christoph Matzl, jetzt über Karl von Habsburg veröffentlichte, schildert der Kaiserenkel, wie er 1991 die Vernichtung eines kroatischen Friedhofs durch serbische Panzer beobachten musste: „Ich verstand sofort, dass hier vor allem eines versucht worden war: die Erinnerung an Menschen auszuradieren, die Identität von Minderheiten durch die Vernichtung ihrer Kultur zu zerstören.“ Seither setzt sich Karl von Habsburg für den Schutz bedrohter Kulturgüter ein.

Kulturgüter schützen

Seit 2008 arbeitet er in führender Position für „Blue Shield“, eine internationale, der Unesco zugeordnete Organisation für den Schutz von Kulturgütern in Kriegen, bewaffneten Konflikten und Katastrophen mit Sitz in Den Haag. Es zieht ihn geradezu in die Gefahrenzonen: immer wieder nach Syrien und Libyen, in den Jemen oder nach Mali. 2014 schilderte er im Interview mit dieser Zeitung seinen gefahrvollen Besuch im von Islamisten verwüsteten Timbuktu: „Auf dem Altar lagen Gebetbücher und eine Statue der Gottesmutter, der die Radikalislamisten das Gesicht herausgeschnitten hatten. Das Kreuz auf der Kirche wollten die Dschihadisten offenbar herunterbrechen, aber es war zu stabil – jetzt hängt es so windschief wie das Kreuz auf der ungarischen Stephanskrone.“

Der letzte Träger der hier beiläufig erwähnten Stephanskrone war Karl von Habsburgs Großvater: der irdisch betrachtet glücklose, von der Kirche aber seliggesprochene Kaiser Karl, der als Karl IV. auch König von Ungarn war. In solche Geschichte eingebunden, ja hineingeboren zu sein, ist nicht nur Privileg, sondern Verantwortung – und oft auch Last. Zumal in Österreich, wo der Name Habsburg zwar nicht mehr so stark wie vor sechs Jahrzehnten, doch immer noch reichlich polarisiert.

„Meine Herrn, es ist gar nicht leicht, ein guter Kaiser zu sein.“ Bruno Kreisky

Gebannt wartete die Republik einst darauf, wie der greise Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) in einer gemeinsamen ORF-Fernsehdebatte den Kaiserenkel wohl ansprechen würde. „Herr Fähnrich“, sagte die rote Legende schließlich zum jungen Habsburger, seinen militärischen Rang nennend. Thema der Sendung war übrigens Kaiser Franz Joseph, den der rote Kanzler am Ende gegen allerlei Historiker-Kritik in Schutz nahm, indem er altersweise und erfahrungssatt sinnierte: „Meine Herrn, es ist gar nicht leicht, ein guter Kaiser zu sein.“

Haare in der Suppe

Dass es mitunter auch gar nicht leicht ist, ein guter Kaiserenkel zu sein, bekam Karl von Habsburg immer wieder zu spüren: In Österreich suchen manche mit republikanischer Leidenschaft nach kaiserlichen Haaren in der Suppe. Da ist dann oft kein Karo zu klein und keine Mottenkiste zu tief. Sein Engagement für Kulturgüterschutz, für die Rechte von bedrohten Volksgruppen und religiösen Minderheiten oder für eine Reform der Europäischen Union wird in Österreich leichter übersehen als irgendein Schmuckstück, das bei der Einreise aus der Schweiz in seinem Gepäck gefunden wurde, oder ein Adelstitel auf seiner Internetseite. Als ob einer, der Habsburg heißt, ein „von“ bräuchte, um historisch nicht restlos ignoranten Zeitgenossen zu zeigen, aus welchem Stall er stammt.

Otto von Habsburg stellte, hochbetagt, selbst noch jene Weichen, die in einem Kaiserhaus ohne Reich und Macht eben so zu stellen sind: Im Jahr 2000 machte er seinen Erstgeborenen zum Souverän des Ordens vom Goldenen Vlies – eine Rolle, die er selbst sieben Jahrzehnte ausgeübt hatte, länger als der legendäre Kaiser Franz Joseph.

Viele große Herrscher Europas waren Großmeister dieses Ordens. Darunter einige mit Namen Karl: Herzog Karl der Kühne von Burgund, Kaiser Karl V. und König Karl II. von Spanien. Großmeister des spanischen Zweigs ist heute König Felipe VI. von Spanien, während Karl von Habsburg dem internationalen Zweig vorsteht. Der 1430 in Brügge gegründete Orden ist eine katholische und ritterliche Version jener Friedensidee, die die europäische Einigung auch heute inspirieren könnte. Wie eben auch das Haus Habsburg, an dessen Spitze der nunmehr 60-Jährige in der Nachfolge seines Vaters Otto von Habsburg steht.

 

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