Glosse: Die Zeit ist heiß

Freunde der Nacht, wird uns 2019 noch etwas überraschen? Von Burkhardt Gorissen

„Heißzeit“ ist angesagt – wie die Gesellschaft für deutsche Sprache jetzt verkündete, umschreibt der Begriff nicht nur den extremen Sommer, sondern bildet mit der lautlichen Ähnlichkeit zu „Eiszeit“ Grund genug, das „Wort des Jahres“ 2018 zu werden. Ist die Jury mit Werbefachleuten besetzt, die nach Vermarktungsmöglichkeiten für Eiscreme bei den Eskimos suchen? Irrtum, es handelt sich um Sprachwissenschaftler, und die wissen, dass die Sprache in unserer Gender-sensiblen Epoche so fit daherkommen muss,wie ein Osterhase mit Nikolausbart. Nun gut, Anlass zu Diskussionen bietet das seit 1977 regelmäßig gekürte „Wort des Jahres“ immer mal wieder, egal, ob es um den „Besserwessi“ oder die „Abwrackprämie“ geht. „Heißzeit“ jedenfalls erfüllt alle Kriterien des neuen Deutschland: klimakatastrophentauglich und so schlicht, dass es in jeden zoomorphen Propagandakoffer passt. Das ist in Zeiten des naturwissenschaftlichen Prekariats auch unbedingt nötig, schließlich hat am Wochenende der Klima-Gipfel in Kattowitz die Katastrophe festgeschrieben. „Heißzeit“ aber auch in Brüssel, wo der an Ischias leidende Euro-Kommissionschef Jean-Claude Juncker endlich ein ernstes Wort mit der Brexit-Duse Theresa May sprach und Kommissions-Protokoll-Chefin Pernilla Sjölin die lange blonde Mähne durchwuschelte. Freunde der Nacht, wird uns 2019 noch etwas überraschen? Die Nächte werden kälter, leise rieselt der Schnee, „Heißzeit“ ist angesagt.

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