Glosse: Deep Dialogue vs. Deep Learning

„Lascio ch'io pianga“ ist vielleicht eine der berühmtesten Arien von Georg Friedrich Händel. Von Benedikt Winkler

„Lascio ch'io pianga“ ist vielleicht eine der berühmtesten Arien von Georg Friedrich Händel. Darin heißt es: „Lass mich beweinen mein grausames Schicksal und beseufzen die (verlorene) Freiheit.“ Was kann denn aus dem Silicon Valley Gutes kommen, fragen sich manche, die der Digitalisierung skeptisch gegenüberstehen. Wird uns Google von der „Diktatur der Freiheit“ erlösen? Oder wird es Gott sein, der nicht müde wird, seinen abtrünnigen Schafen hinterherzulaufen, die im Pluralitätsangebot der Postmoderne nach letztgültigen und ewigen Wahrheiten wie der bedingungslosen Treue Gottes zu den Menschen suchen? Macht die Wahrheit frei oder die Freiheit wahr?

Das kybernetische Menschenbild des Silicon Valley ist so einfach wie trügerisch. Es will aus uns satte, zufriedene und vor allem optimierte Menschen machen. An die Stelle Gottes rückt die Allwissenheit der Künstlichen Intelligenz. Wenn wir komplett vermessen sind, dann können wir in einer perfekt auf uns zugeschnittenen Matrix leben, in der uns optional Angelina Jolie oder Georg Gänswein als Hologramm erscheinen, uns morgens wecken und uns Ernährungstipps und Lifestyle-Ratschläge geben. Eine komische Vorstellung, oder? Hauptsache es wird nicht langweilig und es kommen keine Unlustgefühle auf – so lautet das Credo der Kybernetiker.

Während die Datensammelwut im Silicon Valley keine Grenzen kennt und Maschinen a la „Deep Learning“ selbstständig lernen, steht viel auf dem Spiel. Kardinal Reinhard Marx, der als Prophet nicht zum Berg, sondern gelegentlich ins Tal der Kybernetiker reist, fragt sich zu Recht: Werden wir in Zukunft nur noch Entscheidungen abnicken, die intelligentere Maschinen für uns errechnet haben? Wer weiß, vielleicht können die Maschinen ja bedarfsorientiert alle Menschen auf dem Planeten Erde satt machen – das ließe sich leicht abnicken. Ob die Maschinen allerdings so programmiert werden, dass ihnen ein guter Kern innewohnt, und der ganze Mensch im Blickfeld bleibt, das lässt sich bezweifeln.

Das beginnt schon bei der Partnersuche, wenn wir uns in diversen Apps bewerten wie Amazon-Artikel. Online-Partnerbörsen versprechen die „große Liebe“, die irgendein geschäftstüchtiger Psychologen-Opa und sein Algorithmus für uns errechnet. Trauriger Verdacht: „Die perfekte Mischung aus Gemeinsamkeiten und konstruktiven Gegensätzen“ ist nur eine automatisierte Metapher für die gleiche Einkommensklasse der Suchenden, die jede Spontanität, mit der uns Gottes menschgewordene Liebe überraschen möchte, im Keim erstickt. Ja, wir brauchen dringend „weise Menschen mit tiefen Gedanken“, die bestenfalls epistemische Demut in den Köpfen und Liebe im Herzen haben, die der Künstlichen Intelligenz der Maschinen überlegen ist. Denn es gibt immer etwas Einzigartiges und Eigenartiges, ein Mensch zu sein – das ist unsere Würde, die wir nicht durch ein menschengemachtes Rechtssystem verliehen, sondern von Gott geschenkt bekommen haben. „Ich glaube, dass das Wesen des Menschen nie ganz erfasst werden kann von informationsverarbeitenden Algorithmen“, sagte der irische Kurienbischof Paul Tighe kürzlich in einem Interview mit der Tagespost.

In Wolfgang Amadeus Mozarts „Requiem“ wird übrigens auch geweint, aber nicht über die (verlorene) Freiheit wie in Händels Arie, sondern über die Hoffnung, die wir haben dürfen, eines Tages als Sünder vor Gott zu stehen, der uns Heil und Versöhnung anbietet.

„Tränenreich ist jener Tag, an welchem auferstehen wird aus dem Staube, zum Gericht der Mensch als Schuldiger.“

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