Berlin

Gewundene Wege zu Gott

Zwei Männer, zwei ungewöhnliche Lebensläufe: Im Juni wurden sie in Berlin unter Corona-Bedingungen zu Priestern geweiht.

Berliner Prister
Angekommen am Altar: Dominik Zyla und Thomas Kaiser. Foto: Foto:

Dominik Zyla ist schon daran gewöhnt, dass Menschen in Deutschland nach der Aussprache seines Nachnamens fragen. „Dschywa“ wiederholt der dunkelhaarige Mann mehrmals. Als es gelingt, lächelt er. Auch die Frage, warum er als Priester ausgerechnet in dem Land lebt, das so eine schmerzvolle Geschichte mit seiner Heimat Polen verbindet, hat der 44-Jährige offenbar schon oft beantwortet. Das sei eben Gottes Weg für ihn, sagt er routiniert, „eine Gottesfügung. Ich komme zurecht mit den Deutschen“, erklärt Dominik Zyla. „Ich habe da keine Vorurteile, weil die Dinge, die passiert sind, jetzt Vergangenheit sind.“

Deutsche wissen oft wenig über Polens Geschichte

Er finde es allerdings schade, dass viele Deutsche so wenig wissen über die Geschichte Polens. Dass die Nachbarstaaten Polen mehrfach unter sich aufgeteilt hatten, sei vielen Deutschen nicht bewusst. Und auch nicht, welche Gräueltaten während der deutschen Okkupation Polens im Zweiten Weltkrieg geschahen. „Das war schlimmer als die deutsche Besatzung in Frankreich oder Holland, davon weiß man hier wenig“, sagt Zyla und seufzt.

Ein schwieriges Thema. Dabei fühlt er sich wohl in seiner Herz-Jesu-Gemeinde im Südwesten der Hauptstadt. Hier in Berlin-Zehlendorf ist das Bildungsbürgertum zu Hause. Inzwischen sind es auch viele Familien aus Spanien, Portugal, afrikanischen Staaten und eben Polen. „Die Gemeinde ist bunt“, sagt Dominik Zyla. Das gelte im Übrigen auch für andere katholische Gemeinden in Berlin. Diese katholische Vielfalt sei mit ein Grund dafür, dass er sich in der Stadt zu Hause fühlt.

Stimmungsvolle Weihe trotz Corona

Am 13. Juni wurde Dominik Zyla zusammen mit vier anderen Männern im Erzbistum Berlin zu Priestern geweiht. Ein Mitschnitt auf dem Portal Youtube, der inzwischen immerhin 5 200 Mal angeklickt wurde, zeigt, wie die Zeremonie in Corona-Zeiten vor sich ging. Immer wieder musste sich Erzbischof Heiner Koch vor dem Handauflegen die Hände desinfizieren. Und die Männer mussten andauernd ihren Mundschutz an- und wieder ablegen. Trotzdem war der Akt stimmungsvoll. Die Kirche war voll, aber gleichzeitig auch leer, weil die anwesenden Familien den Corona-Sicherheitsabstand zwischen sich ließen. Eine ungewöhnliche Situation, die Dominik Zyla trotzdem genossen hat. „Die Pandemie hat mir geholfen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf diesen Moment, in dem Gott mir die Gnade schenkt, als Priester geweiht zu werden“, sagt er.

Hinter Zyla liegt ein weiter Weg. Das ist typisch für Männer, die sich heutzutage für das Priesteramt entscheiden. Früher war es üblich, dass Männer schon nach der Schule diese Richtung einschlugen. Heute haben viele die Dreißig oder Vierzig überschritten. Dieses Plus an Lebenserfahrung mag ihnen dabei helfen, Menschen aus ihrer Gemeinde besser zu verstehen, die sich in einer schwierigen Situation an ihren Geistlichen wenden.

Nur Gott gibt Erfüllung und inneres Glück

Mit neun Jahren, zu seiner Erstkommunion, habe er bereits daran gedacht, Priester zu werden, erzählt Dominik Zyla. Doch obwohl er in Polen in einer katholischen Familie aufgewachsen ist, hielt er seinen Wunsch damals für abwegig. „Ich habe mir gesagt: Nein, das ist zu schwierig. Das ist verrückt. Das versteht keiner“, erinnert er sich. „Deswegen wollte ich mein eigenes Leben schaffen: Familie, ein Haus, eine Arbeit.“ Als junger Mann sei er „in Alkohol, Drogen, Sexualität eingetreten. Das Ganze hat mich von Gott getrennt. Aber Gott war treu zu dieser Berufung.“

Zyla studierte Öffentliche Verwaltung, nahm einen Job im Hafen der polnischen Stadt Swinemünde an. Den gab er 2007 auf, um ins Priesterseminar einzutreten. Schon kurz nach der Jahrtausendwende hatte er sich für den Neokatechumenalen Weg entschieden. Diese Bewegung innerhalb der katholischen Kirche geht auf den spanischen Geistlichen Kiko Argüello zurück. Die Mitglieder wollen ihre Glaubenserfahrungen mit anderen Menschen teilen und sie so für die Kirche gewinnen.

Auch jetzt, nach seiner Priesterweihe, trifft sich Dominik Zyla in Berlin weiter mit Anhängern des Neokatechumenalen Wegs. Seinen Zick-Zack-Weg zum Priesteramt kommentiert er so: „Ich habe ganz liberal gelebt und die Regeln der Kirche missachtet. Ich habe alles ausprobiert und gesehen: Das bringt kein Glück! Das bringt eine innere Leere. Nur Gott gibt Erfüllung und inneres Glück!“

Thomas Kaiser: Sohn einer evangelischen Mutter

In der Sankt-Nikolaus-Gemeinde in Berlin-Reinickendorf ist Thomas Kaiser tätig, der ebenfalls im Juni zum Priester geweiht wurde. Kaiser ist ein zurückhaltender Mann von 39 Jahren, ebenfalls mit einer besonderen Geschichte. Seine Mutter ist evangelisch, erzählt er. Doch in der DDR-Zeit sei sie aufgefordert worden, ihren Glauben zu verbergen. Das war so üblich bei pädagogischen Berufen – Thomas Kaisers Mutter arbeitete in einem Kindergarten. „Einmal hat sie mich zur Seite genommen und hat mit mir das Vaterunser gebetet, um mir zu zeigen, was ein Gebet ist“, erinnert er sich. „Aber sonst gab es bei uns zu Hause keine Berührungspunkte mit dem Glauben.“

Diese fand Thomas Kaiser über die Musik. Als Jugendlicher stieß er zufällig auf eine Zeitungsanzeige. Die evangelische Gemeinde hatte einen Gospelchor gegründet und suchte Mitstreiter. Er ging hin – ließ sich mit 20 Jahren evangelisch taufen und studierte in Greifswald Kirchenmusik. Auf einer Fahrt zum ökumenischen Männerorden von Taizé in Frankreich öffnete sich eine weitere Tür für ihn. „Beim ersten Betreten der Kirche hatte ich einen kurzen Augenblick eine Gotteserfahrung, so würde ich es nennen“, sagt Kaiser. „Für einen ganz kurzen Augenblick spürte ich eine Liebe oder eine innere Wärme, die mein Leben verändert hat. Ich bin als anderer Mensch wieder zurückgekehrt.“

Ein katholisches Heimatgefühl gefunden

Nach diesem Erlebnis habe er in seiner evangelischen Gemeinde „irgendetwas vermisst“– und es in der katholischen Gemeinde von Greifswald gefunden, wo er vertretungsweise Orgel spielte. „Heimatgefühl“ nennt es Thomas Kaiser: „Im Nachhinein weiß ich, dass es mit der Gegenwart von Christus im Tabernakel zutun hat.“ 2007 konvertierte er – und begann den langen Weg zum Priesteramt. Er studierte Katholische Theologie in Bamberg und Erfurt.

Thomas Kaiser hat eine Wohnung im Norden Berlins und lebt ein modernes Leben: Er verabredet sich mit Freunden zum Joggen, unternimmt Radtouren auf dem Mauerweg, der den ehemaligen Verlauf der deutsch-deutschen Grenze markiert. Vor der Pandemie ging er auch gern mal zu einem Konzert der Heavy-Metal-Band Iron Maiden.

Egal, ob solche harten Klänge oder eine Bachkantate – Musik hat es ihm nach wie vor angetan: „Sie geht mir nahe und macht mich innerlich sehr lebendig. Und ich denke, dass Gott diesen Weg bei mir gefunden hat, um mich Stück für Stück durch das Leben zu führen.“

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