Geschenkelieferant für Präsident Abbas

Die bedeutendsten Töpfer Jerusalems sind Armenier

Jerusalem (DT) Was haben Saarbrücken und Jerusalem miteinander zu tun? Keine Städtepartnerschaft, aber eine Art Geschäftspartnerschaft. Dank einer Saarbrücker Erfindung sieht der Jerusalemer Keramikingenieur Neshan Balian der Zukunft etwas gelassener entgegen. Die Methode der „digitalen Keramik“ samt dessen Entwickler, dem Saarbrücker Ingenieur Michael Zimmer, lernte Balian auf einer Konferenz in England kennen. Seitdem sind in der Jerusalemer Nablus-Straße „Zimmer-Toner“ im Einsatz und zaubern Digitalbilder auf Fliesen. „Wir sind die ersten im Nahen Osten, die damit arbeiten“, versichert der Armenier Neshan Balian stolz. Die deutsche Technik kommt immer wieder bei Kundenwünschen aus Übersee zum Einsatz. Da soll ein Urlaubsbild die Fliesen in einem Badezimmer auf Hawai oder Frankfurt zieren – Balian erfüllt den Wunsch, in jeder Größe. „Mittlerweile macht dieser Geschäftsbereich 25 Prozent des Gesamtumsatzes aus”, gibt der 50-Jährige Einblick in die Auftragslage des Traditionsbetriebes. Der hat schon vieles gesehen – goldene Zeiten und schwere Zeiten. Und immer wieder Krieg.

Begonnen hat alles vor über achtzig Jahren. Die britische Mandatsmacht forderte 1917 drei armenische Töpfer aus Kutahya in der Türkei, dem damaligen Zentrum der dekorativen Töpferei an: Ohannessian, Karakashian, Balian – letzterer der Großvater von Neshan. Anlass war der besorgniserregende Zustand des Felsendoms, genauer: dessen bröckelnde Fliesen. Diese sollten von den Armeniern instand gesetzt werden. „Sie hatten Glück! Da sie kamen, entgingen sie dem armenischen Genozid“, verweist Neshan Balian auf den Massenmord an seinem Volk. Die drei Töpfer machten sich im fernen Jerusalem an die Arbeit. Doch konnten sie diese nicht fertigstellen. „Sowohl Rohmaterial als auch die Gelder der Briten und der islamischen Waqf-Stiftung gingen aus.“ Was tun? Zurück wollte keiner. Also blieben sie und Ohannessian begann mit einer kleinen Töpferei in der Altstadt Jerusalems, der Felsendom Fliesenwerkstatt. Hier arbeiteten alle drei Töpfer zusammen und stellten vorwiegend Teller, Schüsseln und Vasen her – „in der Tradition des türkisch-islamischen-Kutahya-Stiles“, erklärt Balian. 1922 trennte sich sein Großvater sowie der alte Karakashian von Ohannessian. Gemeinsam gründeten die beiden die sogenannte Palästinensische Töpferei. Unter einem Dach lebten die beiden Töpferfamilien Tür an Tür und führten den Betrieb gemeinsam – bis 1964. „Alle hatten ein großes Ego“, erklärt Neshan Balian die Gründe für die fortan getrennten Wege der Balian- und Karakashian-Familien. Letztere begann in der Via Dolorosa ein eigenes Geschäft, die Jerusalem Pottery. Balian jedoch behauptet sich bis zum heutigen Tage am angestammten Ort, in der Nablus-Straße gegenüber dem amerikanischen Konsulat. „Es ist eine ziemliche Leistung, dass wir immer noch da sind“, bekennt Balian nicht ohne Stolz. Was das heißt, wird klar, wenn man die Jahrzehnte an sich vorbeiziehen lässt: die Jahre des palästinensisch-arabischen Aufstandes 1936–39, der Krieg 1947–1949, der Sechs- Tage-Krieg 1967, die beiden Intifadas – „und die Besteuerung“, fügt Balian an, als ob es sich hier auch um einen Krieg handelte. „Wenn Du vergisst, zweihundert Shekel zu bezahlen, werden daraus zehntausend!“, klagt der Töpfereiinhaber über die Praktiken der Jerusalemer Stadtverwaltung. Nur die Jahre zwischen 1948 und 1967, als Jerusalem jordanisch besetzt war, seien „goldene Zeiten“ für den Betrieb gewesen.

Dessen Markenzeichen sind die Kacheln und deren Motive – Gazellen, Hirsche, Pfaue, und Fische, entworfen von Neshan Balians Mutter Marie. Nach der israelischen Besetzung Jerusalems 1967 wurde Balians Werkstatt durch Ausstellungen in Israel und den Vereinigten Staaten sowie durch Bücher international bekannt. In dieser Zeit erst wurde der Begriff armenische Töpferei geprägt, obwohl Balian im Stil seiner Keramikkunst neben armenischen auch palästinensische, persische und türkische Elemente entdeckt. In Armenien dagegen stoße man auf einen ganz anderen Stil. Fühlt er sich als Armenier? Er, der neben armenisch fließend arabisch, hebräisch, englisch und französisch spricht – wie angeblich fast alle Armenier Jerusalems – bejaht die Frage. Und ergänzt: „Ich bin auf der Seite der Palästinenser, der underdogs, der Außenseiter und Verlierer, und fühle mit der israelischen Mutter, die ihren Sohn verloren hat.“

Und schon ist man mitten im Thema Politik, was der Autor des Beitrages vermeiden wollte. „Die politische Lage durchdringt hier jeden Bereich des Lebens“, versichert Balian. Der Mauerbau verbaue seinen palästinensischen Kunden aus Ramallah buchstäblich den Weg nach Jerusalem. Die Folgen auf die Geschäftsbilanz „tun uns weh“, bekennt der dreifache Familienvater. Das vergangene Jahr ist, was den lokalen Markt betrifft, schlecht gewesen.

„Der Töpfer hat die

Ausschreibung

gewonnen, die alten dreisprachigen Keramik-Straßenschilder in der Altstadt zu erneuern“

Palästinenser aus dem besetzten West-Jordanland können Jerusalem, das laut Völkerrecht auch besetztes Gebiet ist, nur mit Passierscheinen erreichen und Juden aus West-Jerusalem oder Israel trauen sich oft nicht in den östlichen Teil Jerusalems. Kein Wunder, dass Palästinenser nur 20 Prozent der Kundschaft stellen. Etwa 30 Prozent sind Israelis, die Hälfte aber Touristen und Pilger. „Die instabile, unsichere politische Lage trifft und betrifft uns“, bekennt der sympathische Töpfer. Trotzdem hat er Grund zur Freude: Er hat die Ausschreibung gewonnen, die alten dreisprachigen Keramik-Straßenschilder in der Altstadt zu erneuern. Was ihn zudem freut, und sich ebenfalls positiv auf die Geschäftsbilanz auswirkt ist die Tatsache, dass sein Geschäft als einziges den palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas mit Geschenkartikeln beliefern darf.

Neshan Balian und seine Mitarbeiter fertigen alles selber. Den weißen Ton beziehen sie aus Italien, da der israelische keine ausreichend gute Qualität aufweist. Seit fünfzig Jahren dreht Abed Vasen, Teller und Becher. „Er ist hier großgeworden“, erzählt Balian. Geht der einmal in Ruhestand, hat Balian ein Nachwuchsproblem. Einen Einheimischen auszubilden, hält er für nicht sinnvoll. „Der würde nach einigen Jahren gehen und eine eigene Werkstatt aufmachen.“ Deshalb denkt Balian, einen Töpfer aus Sri Lanka, Bangladesh oder der Türkei anzuwerben.

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