Fasten ist mehr als ein Trend

Wer nur aus Lifestyle- und Wellness-Gründen Verzicht übt, verpasst das Wesentliche. Von Burkhardt Gorissen
Hindu-Festtage in Nepal
Foto: dpa | In vielen Religionen ist das Fasten mit Reinigungsriten verbunden.

Fastentraditionen kennt fast jede Religion. Moses fastete vor dem Empfang der Gesetzestafeln auf dem Sinai, Buddha übte sich in Askese unter dem Bodhi-Baum, und nach muslimischer Lehre fastete Mohammed am Tag vor der „Herabsendung des Korans“.

Im Christentum gibt es zwei längere Fastenzeiten, von Sankt Martin bis Weihnachten und die allbekannten 40 Tage vor Ostern. Dummerweise fallen beide genau in die Zeit, in der auf Lebensmittelregalen rotwangige Nikoläuse oder schieläugige Grinsehasen mit unübersehbarer Präsenz unsere Blicke auf sich ziehen. Sie strahlen wie Ottifanten auf Schokoladenurlaub in unseren wintergrauen Alltag und tröten immerzu: „Kauf mich!“. Kaum ist der Damm gebrochen, rufen die anderen süßen Versuchungen. Egal, ob hasenförmige Prachtpralinés oder klebrige Fruchtgelee-Eier, irgendwas bleibt hängen, wenn es nicht die Zahnplomben sind, dann doch die Kilos um die Hüfte. So enden viele gute Fastenvorsätze an der Supermarktkasse.

Auch früher war es nicht leicht, Opfer zu bringen

Vielleicht war es früher, als es noch nicht so viele zuckersüße Versuchungen gab, leichter. Wahrscheinlich nicht. Enthaltsamkeit ist nicht verbunden mit Selbstsucht, sondern mit Selbstzucht. Das klingt in unseren Ohren geradezu martialisch. Die Zeiten wandeln sich vielleicht, der Weg zur Selbstdisziplin bleibt der gleiche.

Verzichtsregeln waren auch vor Jahrtausenden ein unverzichtbarer Bestandteil der meisten Stammeskulturen und antiken Mysterienbünde. Als Mittel innerer Reinigung wurden sie ebenso angewendet wie zur Überwindung erdverbundener Leiblichkeit. Immer ging es darum, spirituelle Kräfte zu stärken und Egoismen zu überwinden. Keine Weiterentwicklung durch Trägheit, kein Initiationsritual ohne vorherige Askese. Die dionysischen und eleusinischen Kulte, die Schule des Pythagoras oder der Mithraskult, sie alle verfügten über ein reiches Arsenal an Fastenvorschriften, die Essensregeln ebenso umfassten wie sexuelle Enthaltsamkeit, Glaubensformeln ebenso wie Gebete. Alles diente zur Einkehr, zur inneren Reinigung. Immer damit verbunden: der Wille zur Umkehr. Doch das wirklich heiligmäßige Fasten finden wir nur im Christentum. Hier geht es um mehr als darum, Entwicklungsstufen zu erklimmen. Es geht ums Ganze. In Buße und Läuterung liegt die vollkommene Hinwendung zu Gott. Um es mit Papst Benedikt XVI. zu sagen: „Selbstlosigkeit, die den Menschen frei macht, wird nur erreicht in der Geduld der täglichen kleinen Verzichte auf sich selbst“.

Die Dauer der Fastenzeit ist kein Zufall. Das Volk Israel wanderte 40 Jahre durch die Wüste, bis es das Gelobte Land erreichte. Jesus fastete 40 Tage, ebenfalls in der Wüste. Schon im zweiten Jahrhundert übten sich Christen vor dem Ostersonntag in weltlicher Entsagung. Im Jahr 325 legte das Konzil von Nicäa den Ostertermin fest und schrieb ein vorangehendes 40-tägiges Fasten vor. Strenge Vorschriften regelten den Ablauf. Gebete und Almosen spielten eine große Rolle, zeitweise bestand die Ernährung nur aus einem Kanten Brot und nichts als Wasser. Doch was heute fingerzeigartig als mittelalterliche Foltermethode diskriminiert würde, war alles andere als das. Erstens war die Ernährung ohnehin bescheiden und zweitens war der Alltag nicht von Hektik und Stress bestimmt. Stille, Einkehr und Fasten konnten also in Alltag integriert werden, ohne zu Verwerfungen zu führen. Die strikten Vorschriften wurden mit der Zeit jedoch drastisch abgemildert. Seit einem apostolischen Erlass von Papst Paul VI. von 1966 ist für den Gläubigen Abstinenz nur noch an Aschermittwoch und Karfreitag angesagt. An diesen Tagen sollte nach Möglichkeit nur eine fleischlose Mahlzeit auf den Tisch kommen. Diese Reduktion nimmt natürlich nicht den Aufruf zum 40-tägigen Fasten hinweg. Und was das Fleisch anbelangt: man sieht, der Veganismus ist durchaus keine Erfindung der Postmoderne. Bei der Mutter Kirche findet sich wie so oft das Original.

Eine durchkommerzialisierte Form des guten alten Fastens bietet dagegen die boomende Wellnessbranche an. Moderne Pilgerstätten schießen wie Pilze aus dem Boden, um einer zu Übergewicht und Völlegefühl neigenden Gesellschaft die Illusion zu verkaufen, etwas für die Gesundheit zu tun. Und zwar de luxe! Schließlich hat man einen gewissen Verwöhnstatus erreicht, der nach einer 4-Sternen Superior Fastenresidenz verlangt. In Sachen Gesundheit sitzt im Land der Currywurst der Euro eben immer noch locker. Was dem einen das Zuballern im Ballermann auf Mallorca, sind dem anderen die „eight dimensions of wellness“ im Fastenhotel. Aus „Ich will Spaß“ wird, „Ich will SPA“. Beauty statt Blödeln. Entgiften statt vergiften. Heilfasten statt Kampftrinken.

Da Qi-Gongt ein Metallschalen-Guru mit seiner Klangschalentherapie dermaßen Good-Vibrations in die Bodies der gewellneässten Knubbelbären, dass einem der Tinnitus vergeht, bis die Kasse klingelt. Da entschlackt der entzuckerte Diäter bei vitalisierenden harmonischen Aroma-Sauerstoffbädern und ganzheitlichen Magnet-Resonanz-Stimulationen, dass er nur so mit den Ohren schlackert. Ultraschall zum Fettabbau inklusive. Aufgepasst, die Gurkenscheiben sind nicht zum Essen da, sondern haben einen ganzheitlichen Revitalisationseffekt für die darbende Gesichtshaut. Und selbstverständlich kostenfreies W-LAN in allen Zimmern. Rund-um-die-Uhr-Betreuung von Heil- und Chiropraktikern, Ergo- und Ego-Therapeuten gehört ebenso zum Programm wie das Salarium. Salarium? Schon richtig gelesen: Salarium. Da scheint keine künstliche Sonne, da wird künstlich ein Mikroklima erzeugt, wie es in Salzstollen vorherrscht. Wer eine gesalzene Rechnung fürchtet oder es per se einfacher haben will, der halte sich an die Bibel.

Denn Fasten ist eigentlich ganz einfach. Und kostet nicht viel, sondern spart vielmehr Geld. Und das kann man dann denen geben, die Hunger leiden – nicht in Luxushotels, sondern in Hütten und Slums und Favelas. Die nicht mal eine Mahlzeit für den Tag haben. Nicht mal eine Handvoll Reis. Nicht mal die Krumen, die wir achtlos in den Müll werfen.

Gewiss, Empathie und Luxus sind ein Gegensatzpaar, das gegensätzlicher nicht sein könnte. Lazarus lässt grüßen. Fasten kann auch ein anderes Wort dafür sein, dass man seinen Nächsten liebt.

In der Tat tun wir gut daran, unsere Alltaggewohnheiten zu durchbrechen, um zur Besinnung zu kommen. Einfach mal auf Gewohnheiten verzichten, auf das Smartphone oder den Computer. Enthaltsamkeit, werden wir dann schnell lernen, ist die Mutter der inneren Ruhe! Wie viele der Nachrichten brauchen wir wirklich? Müssen wir drei Apps pro Sekunde nutzen und hundert Selfies am Tag verschicken? Ein Blick auf unser Alltagsmanagement zeigt, wie sehr wir uns in Nebensächlichkeiten verlieren. Genau darum ist Fasten weitaus mehr als eine willkommene Diät für den „Bruder Esel“. Vor allem üben wir dabei, uns darauf auszurichten, worauf es ankommt, auf Gott. Denn Fasten ist auch ein Versöhnungsangebot unseres Schöpfers, der uns immer wieder aufs Neue mit sich versöhnen will. Fasten ist die Gnade des ewigen Ostern. Hingabe, Gebet und Befreiung zugleich.

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