„Es sind halt Kinder“

Edeltraud und Wolfgang Dorsch waren Pflegeeltern – Ein Beispiel für viele – Jugendämter suchen noch mehr Eltern

Würzburg (DT) Im Wohn- und Esszimmer des Ehepaars Dorsch ist der Tisch reichlich für das Abendessen gedeckt: Vollkornbrot, Camembert, Salami und Schinken, Eier, Tomaten und Gurken, Orangen, Mandarinen und Bananen türmen sich auf dem Esszimmertisch. Die Tischkerze flackert, während draußen der Regen an die Fensterscheiben klatscht. Edeltraud Dorsch in ihrer weißen Strickjacke reagiert voller Begeisterung auf das Thema Pflegefamilie. „Früher arbeitete ich in einem privaten Kinderheim, doch als es geschlossen wurde und ich außerdem schon drei eigene Kinder hatte, beschloss ich aufzuhören“, erzählt sie. Eine Mutter, die ihr Kind im Kinderheim hatte, hatte die heute 55-Jährige damals gefragt, ob sie denn dann nicht privat auf ihre zwei Töchter aufpassen könne, weil sie als Lehrerin weiterarbeiten wolle? Edeltraud Dorsch sagte ja. Und damit begann 1976 die jahrzehntelange Karriere der Pflegefamilie Dorsch. Dass sie für diese Arbeit eine Pflegeerlaubnis brauchen – davon erfuhren die Dorschs erst später aus der Zeitung.

Diese Tagespflege, bei der Pflegeeltern die Kinder nur tagsüber betreuen, wird oft auf privatem Weg vereinbart, sodass die Zahl der bei den Jugendämtern offiziell erfassten Pflegekinder in Deutschland wohl wesentlich geringer ist als die tatsächliche Zahl betreuter Kinder bei Pflegeeltern. So registrierte die Dortmunder Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendhilfestatistik im Jahr 2007 zwar offiziell 60 130 Pflegekinder in deutschen Pflegeverhältnissen, die Dunkelziffer dürfte aber bei rund 100 000 Kindern liegen. Deutschland liegt damit im internationalen Vergleich im oberen Drittel. Nach den Angaben dieser Statistik sind die meisten Kinder höchstens drei Jahre alt, wenn sie in Pflegefamilien untergebracht werden. Vielfach geschieht das schon kurz nach der Geburt. Es gibt dabei Kinder, die werden auf bestimmte Dauer bei einer Pflegefamilie untergebracht, weil die leiblichen Eltern die Erziehung in dieser Zeit nicht leisten können. Manchmal entstehen so tiefere Bindungen zwischen Pflegekind und Gastfamilie, sodass manche Kinder, wenn es das Jugendamt gutheißt, überhaupt nicht mehr zu ihren Eltern zurückkehren. Andere Kinder kommen nur stundenweise zu ihren Pflegefamilien, die damit die Erziehung durch die leiblichen Eltern unterstützen. Manchmal aber müssen Pflegefamilien auch kurzfristig einspringen, weil zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter überraschend ins Krankenhaus muss oder weil die Situation in einer Familie eskaliert, und das Kind dann für eine bestimmte Zeit bei einer anderen Familie untergebracht wird. Und schließlich gibt es Pflegeeltern, die das Pflegekind adoptieren, nachdem die leiblichen Eltern in eine solche Adoption eingewilligt haben.

Pflegeeltern sollten nicht zu alt für die Pflegekinder sein

Das alles haben auch die Dorschs erlebt. Wievielen Kindern waren sie Heimat und Familie auf Zeit? „Die genaue Zahl weiß ich doch nicht mehr“, überlegt Edeltraud Dorsch. Zwischen 25 und 30 Kinder können es schon gewesen sein, die sie bis zum Jahr 2005 aufgenommen haben. Die meisten ihrer Schützlinge blieben allerdings nur, bis sie drei Jahre alt waren. „Doch es gab auch Ausnahmen: Manche gingen schon in die Schule und lebten noch bei uns“, erzählt Wolfgang Dorsch. Eines der Pflegekinder feierte sogar seinen 18. Geburtstag in der Familie.

Die Jugendämter suchen händeringend Pflegefamilien. Während immer weniger Familien sich zur Verfügung stellen, steigt der Bedarf, weil immer mehr Familien zerbrechen. Überforderte Eltern, Alkoholprobleme, Süchte und vernachlässigte Kinder sind die Folgen – die Kommunen wissen oft nicht mehr, wohin mit den Kindern, denen solche Verhältnisse nicht mehr zugemutet werden können. Dabei ist das Verfahren für eine Pflegefamilie recht unkompliziert. Nach einer Bewerbung bittet das Jugendamt das Ehepaar, das bis zu 35 bis 40 Jahre älter als die Pflegekinder sein kann, zum Erstgespräch. Als nächstes macht das Jugendamt einen Hausbesuch bei den Bewerbern und daraufhin trifft man sich zum Abschlussgespräch im Jugendamt. Zuletzt besuchen die kommenden Pflegeeltern ein Vorbereitungsseminar, in dem sie für ihre Aufgabe ausgebildet werden. Pflegeeltern brauchen Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse der Kinder, die zu ihnen kommen. Sie müssen Verständnis haben für deren Lebensumstände und vertrauensvoll mit dem Jugendamt – und auch den leiblichen Eltern – zusammenarbeiten können. Die Pflegeeltern müssen auch gesicherte finanzielle Verhältnisse vorweisen können. Für die Pflege schießt der Staat je nach Alter des Pflegekindes eine Pflegegeld zwischen 650 und 900 Euro zu. Auch Alleinstehende können Kinder in Pflege nehmen, wenn sie über eine ausreichend stabile Persönlichkeit und ein soziales Netzwerk verfügen.

Die sozial und kirchlich engagierten Pflegeeltern Dorsch wissen über die Arbeit der Jugendämter Gutes zu berichten. „Das Amt macht es einer Familie wirklich nicht schwer mit der Aufnahme eines Pflegekindes, besonders wenn sie einen kennen“, so Edeltraud Dorsch. Die Pflegefamilie hatte jedoch ebenso viel Glück: „Wir hatten nie Probleme mit den Eltern der Kinder, weil wir sie akzeptiert und ihnen immer viel Respekt entgegengebracht haben. Auch mit den Großeltern, die – wie man hört – häufig ein Recht auf ihre Enkel anmelden, oder mit weiteren Verwandten gab es nie Schwierigkeiten“, sagt Edeltraud Dorsch. „Wir hatten vorwiegend deutsche Kinder, aber auch zwei kurdische, ein koreanisches und solche mit Elternteilen aus der Türkei oder sogar Puerto Rico“, ergänzt ihr Mann, der auch bei den Maltesern schon seit 44 Jahren ehrenamtlich aktiv ist.

Die eigenen Kinder haben die Gäste in der Familie akzeptiert

Was ist aus den Pflegekindern eigentlich geworden? Zwar gebe es nur mit sehr wenigen Kindern und Eltern noch Kontakt, doch es kam auch schon mal vor, dass er einen Maler bestellt habe und plötzlich stand ein ehemaliges Pflegekind, das Lehrling in der Firma war, vor ihm, erinnert sich Wolfgang Dorsch. „Da war die Freude groß“, meint seine Frau. „Eigentlich weiß man aber nichts vom späteren Schicksal der Kinder. Manche sehe ich zwar noch ab und an beim Einkaufen, aber sonst nicht mehr.“

Allzu eng können die Verbindungen auch gar nicht werden. Auch wenn es den Anschein hat, dass ein Pflegekind wie selbstverständlich zur Familie gehöre, bleibt es doch immer ein besonderes Kind – ein Kind mit zwei Familien. Das verunsichert die Kinder. Pflegeeltern müssen darüber viel mit diesen Kindern sprechen.

Was bei Familie Dorsch gut war: Die eigenen vier Kinder haben die Aufnahme von Pflegekindern mitgetragen. „Da gab es nie Probleme, unsere sind so aufgewachsen und kannten es nicht anders. Kinder müssen lernen, dass sie nicht alleine sind. Sie müssen zum Beispiel lernen zu teilen“, glaubt Frau Dorsch. Ihr Mann nickt und meint, dass bei den eigenen Kindern zwar das Bewusstsein herrschte, sie seien nicht alle „aus einem Stall“. Doch neue Pflegekindern seien immer wie Geschwister aufgenommen worden.

Apropos Geschwister: Edeltraud Dorsch hat immer gern Geschwisterkinder aufgenommen, weil sie die Kinder nicht trennen wollte. „Kinder gehören zusammen oder man nimmt sie gar nicht.“ Für die resolute Familienmutter gilt immer ein Leitspruch: „Wenn man Kinder aufnimmt, sollte man sie wie die eigenen behandeln.“ Deshalb hat das Paar seine Pflegekinder und eigenen Kinder alle gleich erzogen, immer auch den katholischen Glauben mit ihnen gelebt. „Sonntags gingen wir immer in die Kirche und Tischgebete sowie Abendgebete wurden auch gesprochen“, erzählt Wolfgang Dorsch.

Wolfgang und Edeltraud fühlten und fühlen sich von ihrem Glauben für ihre Ehrenämter in Kirche, Kindergarten, bei den Maltesern und als Pflegeeltern motiviert. „Jesus hat doch gesagt, wer eines dieser Kinder aufnimmt, der nimmt mich auf“, zitiert Edeltraud Dorsch die Bibel. Schon als Jugendliche habe sie immer die Kinder des Dorfes um sich geschart. „Ich wollte schon immer Kinder hüten, das war mein Lebensinhalt. Auch unsere Oma hat sich immer an den Kindern erfreut.“ Mit einem wehmütigen Lächeln meint sie außerdem: „Ich habe halt den falschen Beruf gewählt. SOS-Kinderdorf-Mutter oder Bereitschaftspflegemutter hätte ich werden sollen!“ Zwar sei ihr Mann während den Pflegschaften noch berufstätig gewesen und habe seine Frau unter der Woche nur indirekt unterstützen können, doch am Wochenende sei er für die Familie dagewesen. „Wenn notwendig, was ja zum Glück nicht oft war, habe ich die Kinder auch mal gewickelt“, lacht er.

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