Gesellschaft

Eroberung der Insel

In Canterbury zeigt sich der Reichtum der Geschichte des Christentums auf engstem Raum Von Georg Blüml
Begegnung Gregors des Großen mit angelsächsischen Sklaven
Foto: Foto: | Begegnung Gregors des Großen mit angelsächsischen Sklaven: Bleiglasfenster der Kirche von Saint Thomas in Canterbury. P. Lawrence Lew OP/Flickr

Non Angli sed Angeli!“ – „Nicht Angelsachsen seid ihr, sondern Engel des Herrn!“ Dieser vom gelehrten Beda Venerabilis überlieferte papale Kalauer steht am Beginn der Gründung des Erzbistums Canterbury und damit der Kirche von England, denn nach dem Abzug der römischen Militärverwaltung zu Beginn des 5. Jahrhunderts hatten germanische Angeln, Sachsen und Jüten den britischen Immobilienmarkt für sich entdeckt und das aufkeimende Christentum aus weiten Teilen der ehemaligen Provinz verdrängt. Nur noch in Irland und im Norden Schottlands konnten sich kleine Gemeinden halten, die nie zum römischen Reich zählten. Dass das eingangs zitierte Wortspiel letztlich sogar zur Christianisierung weiter Teile Deutschlands führen sollte, war Gregorius Anicius, dem es zugeschrieben wird, wohl kaum bewusst. Irgendwann vor 590 flanierte der einer edlen Senatorenfamilie entstammende Herr im Kreise seiner Anhänger über den Sklavenmarkt Roms und entdeckte eine zum Verkauf angebotene Schar von Jugendlichen, deren blondes Haar seine Neugierde erweckte. Nach ihrer Nationalität befragt, gaben sie die geflügelte Antwort, sie seien Angelsachsen.

Die Begegnung scheint Gregorius Anicius zeitlebens in Erinnerung geblieben zu sein, denn nach seiner Wahl zu Papst Gregor dem Großen entsandte er Benediktiner-Missionare in jenes Engel-Land, um das den Römern militärisch verloren gegangene Britannien für die römische Kirche zurückzuerobern. Den missionarischen Oberbefehl erhielt ein gewisser Augustinus (englisch: Saint Augustine, der mit dem gleichnamigen Kirchenvater nicht identisch ist). Doch bereits im heutigen Frankreich packte die Mönche die Panik – grausame Germanen seien die Angelsachsen, die obendrein eine unverständliche Sprache sprächen; das Unternehmen drohte schon zu Beginn zu scheitern. Gregor aber blieb unnachgiebig, beförderte Augustinus zum Abt, zwang die zagende Schar in benediktinischen Gehorsam und schließlich überquerte die vierzigköpfige Mönchs-Mission wohl mit einer Verstärkung durch fränkische Übersetzer im Jahre 597 den Ärmelkanal nach England, das damals in sieben germanische Kleinkönigreiche zerfallen war. König AEthelberht von Kent scheint der tonsurierten Truppe nicht recht über den Weg getraut zu haben, denn obschon er mit einer katholischen Merowinger-Prinzessin verheiratet war, weigerte er sich standhaft, die Männer Gottes in einem geschlossenen Raum zu empfangen.

Angeblich fürchtete er, die „Römlinge“ könnten ihn behexen – wenig glaubwürdig, denn seine fränkische Frau hatte mit ihrem Kaplan Liudhard einen waschechten Bischof in die Ehe gebracht. AEthelberhts Antwort jedenfalls fiel britisch pragmatisch aus – den Wotans-Glauben aufzugeben, sehe er sich zwar augenblicklich noch nicht im Stande, aber gegen benediktinisches Predigen sei nichts einzuwenden. Königin Bertha überließ den Zugereisten zudem ihre Hofkapelle, die mit St. Martin von Tours einem der Hauptpatrone des fränkischen Königshauses gewidmet war. Unmittelbar außerhalb der noch aus Römertagen stammenden Mauern der kentischen Hauptstadt Cantwarabyrig, des heutigen Canterbury, errichteten die Mönche eine nach den Heiligen Petrus und Paulus benannte Abtei. Wie man liest, war ihre Mission ein voller Erfolg. Massenweise ließen sich die Angelsachsen taufen; schließlich auch der religionspolitisch bedächtige König.

Die alte Martinskirche der Königin erwies sich daher bald schon als zu klein, so dass man daran gehen musste, eine verfallene Kirche der alten Römerstadt zu renovieren; die Keimzelle der heutigen Kathedrale, in der Augustinus seinen Sitz als erster Erzbischof nahm. Das Pallium mitsamt den gregorianischen Grüßen überbrachten Justus und Mellitus; der eine wurde Oberhirte im neugegründeten Bistum Rochester, der andere im wiederbegründeten Sprengel London – nachdem AEthelberht seinen dortigen Königsneffen vom Christentum überzeugt hatte. 616, nach dem Tode des Königs, den man wegen seiner Überredungskünste auch als Saint Albert verehrt, wurde es noch einmal eng für den Christusglauben, dann aber war das Kreuz nicht mehr aufzuhalten. 625 bekehrte sich der König von Northumbria aus politischen Gründen, zwei Jahre später auch der Potentat von Ost-Anglia; Wessex folgte 635, nach der Jahrhundertmitte schwenkte auch das Kleinkönigreich Mercia ein.

681 war der Auftrag von Gregor dem Großen erfüllt

Als sich 681 schließlich auch Sussex zu Christus bekannte, war der Auftrag von Gregor dem Großen abgeschlossen und England nur noch von Engeln bewohnt – zumindest auf dem Papier und vor allem in den Klöstern, doch Abwarten und Teetrinken war damit nicht angesagt. Keine hundert Jahre nach der heiliggesprochenen Gründergeneration schwärmten angelsächsische Mönchsagenten in einem Bumerang-Effekt auf den Kontinent zurück. Willibrord bekehrte die Friesen, Wynfrith wurde Apostel der Deutschen; die Willibalds und Wunibalds, die Wittas und Wiwilos rodeten als Äbte und Bischöfe den germanischen Urwald – anders als einst Gregors Gesandte beherrschten ihre Schüler die Sprache der Ureinwohner. Die Germanenmission war aber keine reine Männersache; als Kaderschmiede tat sich die Benediktinerinnenabtei in Wimborne hervor. Von dort aus brachen Thekla, Lioba und Walburga nach Süddeutschland ins östlichste Ende des Frankenreichs auf, um als Schülerinnen der heiligen Äbtissin Tetta eigene Klöster zu gründen.

Auch daheim in Canterbury blieben Metropolitan-Kathedrale und Abtei in engster Verbindung; die Mönche stellten das Domkapitel und wählten mit dem Abt zugleich auch den Erzbischof. Diese Konstruktion führte zu anhaltenden Spannungen zwischen Kirche und Krone, denn der Oberhirte von Canterbury war zugleich der größte Landbesitzer auf den britischen Inseln und der jeweilige englische König hätte das Amt gerne mit einem Günstling besetzt. Jahrhundertelange Rechtsstreitigkeiten waren die Folge, in denen Bestechungsgelder gezahlt und Urkunden gefälscht wurden. Ein Opfer in diesem Kampf um die Machtverteilung wurde Thomas Becket. Während er sich als Lordkanzler noch gut königstreu verhielt, entwickelte er als Erzbischof von Canterbury und Primas von ganz England einen recht eigensinnigen, papsttreuen Kopf; 1170 wurde ihm dieser noch am Altar abgeschlagen. Endgültig beruhigte sich die Lage erst, nachdem sich die Anglikanische Kirche von Rom abspaltete und sich auch in Canterbury nach einigem Hin und Her die Reformation durchsetzte. Der Schrein des widerspenstigen Erzbischofs, Ziel einer großen Wallfahrtsbewegung, wurde auf Geheiß Heinrichs VIII. zerstört; seine Reliquien zerstreut.

Heute zählt die kleine Martinskirche von Königin Bertha, die älteste im englischen Sprachraum, die ununterbrochen genutzt wird, zum UNESCO Welterbe; zusammen mit den Ruinen der nach ihrem heiliggesprochenen Gründerabt Augustinus umbenannten Peter-und-Pauls-Abtei und ihrer stolzen Nachfolgerin, der erzbischöflichen „Cathedral of Christ Church“. Gegenüber der riesigen Tochterkirche mit ihren zwei Querhäusern und dem 75 Meter hohen Vierungsturm am Übergang von frühgotischem Chor und spätgotischem Langhaus wirkt das aus wiederverwendeten, römischen Ziegeln und Feuersteinknollen errichtete Gotteshaus wie ein Dorfkirchlein. Von Saint Augustine bis zur anglikanischen Church of England – in Canterbury manifestiert sich der Reichtum der Geschichte des Christentums auf engstem Raum. Auch der katholische Glaube kehrte dorthin zurück – 1875 wurde dem ermordeten Thomas Becket eine Kirche geweiht; zwei Straßen von seinem alten Wirkungsort, der protestantisch gewordenen Kathedrale, entfernt. Drei Reliquien des heiligen Widerständlers werden seither im „Rom der Anglikaner“ wieder aufbewahrt. An die für die Missionierung des germanischen Europas so wichtige Episode im echten Rom aber, an die Begegnung Gregors des Großen mit den angelsächsischen Sklaven, erinnert eines der Bleiglasfenster der katholischen Kirche von Saint Thomas of Canterbury in Canterbury.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Martin Luther Denkmal Anger Erfurt
Rezension

Martin Luther: Zu Recht exkommuniziert? Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

500 Jahre nachdem Martin Luther von Papst Leo X. mit der Exkommunikation belegt wurde, bleibt die Diskussion, ob diese Maßnahme rechtens war. Josef Otter geht der Frage kirchenrechtlich nach. 
14.09.2021, 09  Uhr
Urs Buhlmann
Themen & Autoren
Anglikanische Kirche Bischöfe Christentumsgeschichte Church of England England Erzbischöfe Heinrich Jesus Christus Katholische Kirche Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Kirchenväter Mönche Reformation der christlichen Kirchen Sankt Lioba Schule Bad Nauheim UNESCO Äbtissinen und Äbte

Kirche

Einsame Kirche am Meer
Vatikanstadt

Ins Niemandsland der Kirche Premium Inhalt

Kirchenfunktionäre in Europa müssten den Untergang des Christentums fürchten, wenn Afrika und Asien nicht zeigen würden, dass Evangelisierung fruchtbar sein kann.
27.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst