Eine „Irrlehre“, aber fortschrittlich

Die winzige Schar der Lutheraner hat in Russland ein wechselvolles Schicksal erlebt. Von Friedemann Kohler (dpa)

Ein Sonntagsgottesdienst in der evangelischen Peter-und-Paul-Kathedrale in Moskau. Erzbischof Dietrich Brauer, mit 34 Jahren schon Oberhaupt der kleinen evangelisch-lutherischen Kirche im größten Land der Erde, predigt auf Russisch. Glaubensbekenntnis und Vaterunser werden aber auch auf Deutsch gebetet. Von den Fenstern im Altarraum blicken die Apostel Petrus und Paulus und die Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon auf die Gemeinde. Luthers Reformation, begonnen 1517, hat bis ins entfernte Russland hinein gewirkt. Gegen die große Mehrheit orthodoxer Christen waren die Protestanten hier zwar immer eine Kirche nationaler Minderheiten, der Deutschen, Finnen, Esten oder Letten. Trotzdem haben 500 Jahre Protestantismus das Riesenreich spürbar beeinflusst. „Lutheraner waren immer präsent seit der Reformation“, sagt Brauer in einem Gespräch der Deutschen Presse-Agentur.

Zum Gedenkjahr finden in Russland viele Veranstaltungen statt. Als erste Träger der neuen Lehre kamen Diplomaten und Soldaten ins Moskauer Reich, wie die Religionswissenschaftlerin Oxana Kuropatkina berichtet. Der theologisch beschlagene Zar Iwan der Schreckliche diskutierte 1570 öffentlich mit Jan Rokita, einem Pastor der Böhmischen Brüder. Natürlich verdammte der orthodoxe Herrscher die lutherische Irrlehre in Grund und Boden, aber er nahm sie ernst. „Das Luthertum wurde gleich als etwas Progressives verstanden, als Häresie, aber fortschrittlich“, sagt Kuropatkina. Der von westlichen Ideen begeisterte Zar Peter der Große ordnete 1721 sogar die Spitze der russisch-orthodoxen Kirche nach evangelischem Vorbild: Er setzte den sogenannten Heiligen Synod als kollektive Führung ein. Das Gremium gibt es bis heute; erst seit 1917 wird es nicht von einem Beamten, sondern wieder vom Patriarchen – dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche – geführt. Zarin Katharina II., aufgewachsen als Prinzessin von Anhalt-Zerbst und lutherisch erzogen, rief deutsche Siedler ins Land. Viele von ihnen zählten zu den Mennoniten oder anderen protestantischen Freikirchen. Selbst orthodoxe Bischöfe empfahlen ihren Schäfchen, Schriften von Johann Arndt (1555–1621) zu lesen, eines Gründervaters der frommen evangelischen Richtung des Pietismus. Baltendeutsche Lutheraner dienten am Zarenhof in St. Petersburg. Bis zu Nikolaus II. waren alle Zaren ehrenhalber auch Oberhaupt der lutherischen Kirche.

Das änderte sich in der kirchenfeindlichen Sowjetunion: Die Russlanddeutschen wurden als mögliche Helfershelfer Hitler-Deutschlands verfolgt, ihre letzten Kirchen wurden 1938 geschlossen, die Pastoren ermordet. Die Wiedergeburt der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden begann mit dem Ende der Sowjetunion, als die Russlanddeutschen mit ihrer nationalen Identität auch ihre geistlichen Wurzeln wiederentdeckten. Doch so rasch die Gemeinden anfangs wuchsen, so groß waren auch die Verluste durch die millionenfache Ausreise nach Deutschland. Derzeit zählt die Evangelisch-lutherische Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien 24 000 Mitglieder, wie der Lutherische Weltbund berichtet.

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