Ein gänzlich eigenes Design für die letzte Reise

Die Modeschöpferin Afra Banach kreiert moderne Leichenhemden – Auch ihr eigenes Totenhemd liegt schon im Kleiderschrank

Dortmund (DT) Wer auf Reisen geht, packt sorgsam und überlegt die passende Kleidung in seinen Koffer. Den warmen Norwegerpulli für den Nordseetrip, den schicken Anzug für die Dienstfahrt, leichte Shirts für einen lauschigen Toskantrip. Eine Reise indes gibt es, an die die meisten Menschen weder denken geschweige denn überlegen, welches Kleidungsstück ihnen hierbei am Herzen liegen könnte, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wie gekleidet Mann und Frau zu ihrer letzten Reise ins Jenseits aufbrechen möchten, darüber machen sich die wenigsten schon im Diesseits Gedanken.

Afra Banach hat darüber viel nachgedacht. Als die damals angehende Modedesignerin 1997 ein Thema suchte für ihre Abschlussarbeit an der Fachhochschule Pforzheim, wollte sie zunächst eine Kollektion für die „neuen Alten“ entwerfen. „Von den Lebenden bin ich schließlich irgendwann zu den Toten gekommen“, erinnert sich die Dortmunderin. Sie recherchierte in Bestattungsunternehmen und stellte fest: Die Bestattungswäsche, wie sie der Fachjargon benennt, ist nicht nur sehr stark uniformiert und standardisiert. Sie hat sich auch vom Design in den vergangenen fünfzig Jahren kaum verändert. „Totenhemden waren und sind auch heute noch zum Großteil eine Imitation der Festtagskleidung der fünfziger Jahre, bei den Frauen mit Rüschen, bei den Männern mit Kragen und Fliege“, weiß Afra Banach. Dass die handelsüblichen Leichenhemden zudem nur unvollständig sind, da sie am Rücken lediglich bis zu den Schulterblättern reichen, störte die junge Frau damals ebenso wie die ihnen fehlende Individualität. Als erste Diplomandin in Deutschland widmete sie so den Leichenhemden ihre Abschlussarbeit als Modedesignerin. Am Ende stand nicht nur eine Darstellung der Bestattungskleidung in Deutschland und Europa in theoretischer Absicht, sondern auch eine eigene Leichenhemd-Kollektion.

Grundsätzlich unterscheidet sich diese von den gängigen Totenhemden dadurch, dass sie nicht die Tageskleidung nachahmt, sondern selbstständig, speziell und zeitgemäß ist. Fünf Modelle, die sich in ihrer Gestaltung und in der Wahl der Materialien Baumwolle, Filz und Seide unterscheiden, hat Afra Banach entworfen. Sie alle eint schlichte Schönheit und die weiße Grundfarbe, die an das Taufkleid erinnert: Ein Gewand ziert ein großer, roter Stern, ein anderes ein Gedicht, das nächste ist mit getrockneten Blütenblättern versehen, ein anderes mit hauchdünnem, netzartigem Gewebe, das fünfte mit kleinen schwarzen Symbolen, den Totenschiffen. Mit den aufwändigen Dekorationen wolle sie ihre persönliche Wertschätzung für die Toten zum Ausdruck bringen, sagt Afra Banach, deren Kollektionskonzept auch auf dem Gedanken einer offenen Aufbahrung des Toten beruht. „Ich denke, dass durch diesen Abschied, durch das Sehen und Berühren eines Verstorbenen, der Trauerprozess ein kleines Stück erleichtert werden kann“, meint die Designerin, die angesichts dieses schweren Themas gleichwohl eine angenehme Leichtigkeit ausstrahlt.

Ganz im Gegensatz zu Ländern wie den Niederlanden oder Griechenland empfindet die Designerin die Bestattungskultur in Deutschland nach wie vor als eher konservativ. Ein erster Umbruch sei erkennbar, sagt sie, aber dieser habe eben sein ganz eigenes Tempo. Dass jedoch gerade die Leichenhemden heutzutage wieder verstärkt in den Mittelpunkt rücken, hat auch rechtliche Gründe. Denn mehr und mehr Kommunen wie auch Krematorien verbieten aus Gründen des Umweltschutzes das Bestatten der Toten in deren Alltagskleidung.

Heute, zehn Jahre nach Abschluss ihrer Diplomarbeit als Modedesignerin, kleidet Afra Banach Menschen nicht mehr an, sondern vornehmlich mit einem maßgeschneiderten äußeren Erkennungszeichen aus. Obwohl sie nach ihrer zweiten Ausbildung zur Grafikdesignerin mittlerweile mehr mit Papier und PC statt mit Stoff und Schere arbeitet, begleitet und kreiert sie ein Kleidungsstück nach wie vor: das Leichenhemd. Sie stellt es in Bestattungsunternehmen, Hospizen, Museen und auf Fachmessen aus und verkauft es auch über das Internet.

Die meisten ihrer Kunden sind Privatpersonen im Alter rund um die 50 Jahre, die sich bewusst mit ihrer letzten Reise auseinandersetzen. Und die Zahl derer, die bereits zu Lebzeiten Vorsorge treffen, nehme ständig zu. Einige Kunden kommen bei ihr vorbei und lassen sich ein ganz persönliches Hemd anfertigen, beispielsweise mit dem Lieblingsgedicht oder der Lieblingsblume versehen. „Oft entstehen dabei sehr persönliche Gespräche, die meine Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Vergänglichkeit immer wieder anregen“, sagt die Dortmunderin.

Dem alten Brauch, sich das Totenhemd schon zu Lebzeiten zuzulegen, ist die 39-Jährige selbst längst auch gefolgt. Ihr eigenes letztes Hemd liegt im Kleiderschrank. Und sie hat niedergeschrieben, wie sie gerne einmal beerdigt werden möchte. Diese letzten Dinge geregelt zu haben bringe eine gewisse Gelassenheit und vereinfache es den Verwandten, in einer solch schwierigen Situation richtig und vor allem dem Wunsch des Toten entsprechend zu handeln: „Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit nimmt ein Stück von dem Schrecken, den wir vor dem Sterben haben. Und sie bewirkt, dass man den jetzigen Augenblick mehr genießt. Das ist ein schönes, beruhigendes Gefühl.“

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