Curahasi/Peru

Ein Experiment zwischen Mensch und Gott

Der Chirurg Klaus-Dieter John wirkt wie ein Siegertyp. Er hat es tatsächlich geschafft, seinen Kindheitstraum von einem Missionskrankenhaus unter den Armen zu verwirklichen – und das ganz ohne Förderungsgelder vonseiten der UNO oder Zahlungen einer Regierung.

Ehepaar John hat sein Lebenswerk erreicht
Das Ehepaar John hat sein Lebenswerk erreicht: Ein Hospital für die Quechua-Indianer in den Anden. Das Gebäude mit dem Kreuz ist die Krankenhaus-eigene Kirche, in der jeden Morgen Gottesdienst gefeiert wird. Foto: Klaus John

Die Lebensgeschichte des beinah 60-Jährigen liest sich fast wie ein Märchen: Aufgewachsen in einer evangelisch-freikirchlichen Wiesbadner Bäckerfamilie, liest er früh Abenteuerberichte aus exotischen Ländern. Am meisten fasziniert ihn die Geschichte des Dschungeldoktors und Missionars Paul White. Der ehrgeizige Klaus-Dieter plant deshalb bereits im Gymnasium, Medizin zu studieren.

Zuvor aber lernt der Schulsprecher seine große Liebe, die lebhafte und charmante Martina, kennen. Es ist, als habe eine unsichtbare Hand die beiden zusammengeführt: Auch sie möchte Medizin studieren und dann als Ärztin in ein Entwicklungsland gehen. Die beiden studieren Medizin in Mainz und belegen ihre erste Famulatur in Ghana. Ihre Zwischenbilanz: Die Missionskrankenhäuser, die sie dort besuchten, funktionieren wesentlich besser als die staatlichen Kliniken.

Rund um den Globus

Es sollte nicht bei diesem einen Auslandsaufenthalt bleiben. Der zukünftige Chirurg schafft tatsächlich das fast unmögliche, nämlich sein letztes Ausbildungsjahr in den USA zu verbringen. Auf die Hochzeit von Klaus und Martina folgen Jahre des eifrigen Studierens und Arbeitens. Beide machen neben dem deutschen medizinischen Staatsexamen auch das amerikanische und arbeiten für ihren Facharzt in Krankenhäusern rund um den Globus, unter anderem an der amerikanischen Elite-Universität Yale und Harvard.

Dazwischen besuchen sie 1992 das erste Mal die Kulturstätte der alten Inkas in Peru und lernen ihre Nachfahren, die Quechua-Indianer, kennen. Die Nachfahren der Inkas leiden unter großer gesellschaftlicher Diskriminierung. So leben zum Beispiel in der Region Apurímac, in der später das Missionskrankenhaus der Johns entstehen wird, über 80 Prozent der Indianer in bitterer Armut, über 30 Prozent sind Analphabeten. 1997 geht das Ehepaar gemeinsam mit ihren zwei Kindern als offizielle Missionsärzte nach Ecuador. Sie leben von Spenden großzügiger Menschen, die ihre Tätigkeiten unterstützen.

Ein eigenes Missionskrankenhaus

Fünf Jahre später beginnen sie mit der Planung ihres eigenen Missionskrankenhauses in der 2 600 Meter hoch gelegenen Stadt Curahasi inmitten der Anden, zusammen mit acht Mitstreitern, die den Trägerverein bilden. Sie entscheiden sich, das Hospital auf den Namen „Diospi Suyana“ zu taufen.

Das bedeutet in der Sprache der Quechua-Indianern „Wir vertrauen auf Gott“ und „Gott wartet auf Dich“. Dank der vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter, zum Beispiel einem pensionierten Bauingenieur aus Deutschland, der extra für zwei Jahre nach Curahasi reist, verläuft der Bau der Klinik zügig. Im Jahr 2007 öffnet sie ihre Tore. Die Eröffnung gestaltet sich als riesiges Volksfest, dass von den nationalen Fernseh- und Radiosendern übertragen wird. Die First Lady bezeichnet die Einrichtung in ihrer Rede als eine „Kathedrale der Liebe“. Die Erfolgsgeschichte des John'schen Vorhabens geht weiter: Mit den Jahren wird die Klinik um eigene Zahn- und Augenmedizingebäude erweitert, 2014 kommt eine Schule für 700 Kinder dazu, 2016 ein Medienzentrum. Für ihr Engagement wird das Ärztepaar mit einem deutschen Bundesverdienstkreuz geehrt. Manch einer wird sich fragen: Ist dieser außergewöhnliche Lebenslauf die einzige Verwirklichung eines Traums? Gibt es gar keine Risse, gar kein Leiden, das eigentlich jede menschliche Biografie aufzuweisen hat?

In seinem jüngst erschienenen Buch „Auf dem Wasser laufen“ beschreibt Klaus-Dieter die unzähligen Hindernisse und Anfeindungen, die er, seine Familie und Mitstreiter in „Diospi Suyana“ zu durchlaufen hatten. Die schlaflosen Nächte, die Niederlagen. „Ich bin vom Typ her eher jemand, der sich Sorgen macht“, gesteht John beim Gespräch mit der „Tagespost“.

Staatliche Kontrolle

Die Sorgen kamen jüngst im Zuge der Corona-Pandemie. Letzten März wurde ein Gesetzesentwurf verfasst, laut dem es in Zeiten von Covid-19 dem Staat erlaubt sein solle, die Kontrolle über den gesamten medizinischen Privatsektor Perus zu übernehmen. Trotz eines ausgehandelten Vertrags, der den Schutz des Krankenhauses vor staatlichen Eingriffen sicher stellt, kam es Ende Mai wieder zu Forderungen von Funktionären, die es ermöglichen sollen, „Diospi Suyana“ mit den Patienten des Staates zu füllen. Dank des unermüdlichen Handelns des Ehepaars war es ihnen gelungen, die Unterstützung der Öffentlichkeit für sich zu gewinnen. Sogar der Premierminister nahm sich Zeit, sich von ihnen persönlich die Vorfälle rund um das Hospital anzuhören. Obwohl der Fall zugunsten des Krankenhauses ausging, muss die Familie John in einem Land, das immens unter Korruption leidet, stets auf der Hut sein.

„Ich kann Mutter Theresa, die jahrelang Nächte der Glaubens erlebte, sehr gut verstehen.“ Klaus-Dieter John

Ist das Werk der Johns purer Zufall gepaart mit harter Arbeit oder ein einziges, großes Wunder Gottes? Klaus und Martina würden letzteres behaupten. Doch trotz all der erhörten Gebete und übernatürlichen Zeichen ist Klaus-Dieters Begleiter stets der Zweifel an Gott. „Ich kann Mutter Theresa, die jahrelang Nächte der Glaubens erlebte, sehr gut verstehen“, meint er. Der Chirurg bezeichnet sein Hospital als ein „umfangreiches Experiment mit Gott“ und widmet sein neuestes Buch „all jenen, die an Gott zweifeln“.

Ein Schmerz in seinem Leben ist, dass sein mittlerer Sohn, der in Deutschland Medizin studiert, sich zum Atheismus bekennt. „In Diskussionen mit meinem Sohn sage ich: Entweder haben Dawkins und Hitchens recht – dann ist das Universum eiskalt und sinnlos“, erzählt John. „Oder der Mann am Kreuz hat Recht – dann ist mein Leben unendlich viel wert.“

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