Drag Queens am Dreikönigsfest

Spanien streitet wegen der Teilnahme von LGBT-Aktivisten am Dreikönigsumzug. Von Andrea Schultz
Spanien diskutiert die Teilnahme von Transvestiten bei den traditionellen Weihnachtsfeiern.
Foto: IN | Toleranz oder doch eher Instrumentalisierung?: Spanien diskutiert die Teilnahme von Transvestiten bei den traditionellen Weihnachtsfeiern.

Das Dreikönigsfest ist in Spanien nach wie vor nicht nur ein kirchlicher, sondern auch ein gesetzlicher Feiertag. Was damit zusammenhängt, dass nicht das Christkind, sondern eben die Heiligen Drei Könige den Kindern (und den Erwachsenen) Geschenke bringen. Zu den Traditionen des Landes gehören seit jeher die „cabalgatas“ genannten Festumzüge, in denen am Abend des 5. Januar die Drei Könige mit großem Gefolge durch die von vielen Familien mit Kindern gesäumten Straßen der Städte und Dörfer ziehen.

Seit einigen Jahren ziehen allerdings im Gefolge „Ihrer Majestäten“ die Wagen von allerlei Sponsoren mit. Die Kommerzialisierung der Festumzüge führt dazu, dass beispielsweise Figuren aus Kinder-Fernsehsendungen wie die Schlümpfe und „SpongeBob“ oder auch aus bekannten Filmen, etwa der Star-Wars-Schurke „Darth Vader“ und seine Sturmtruppen ebenfalls zur Begleitung der Heiligen Drei Könige gehören. Seit jedoch in den zwei größten Städten des Landes Madrid und Barcelona linksradikale Parteien die Mehrheit im jeweiligen Stadtrat errangen, hat sich der Dreikönigs-Festumzug zu einer Art Kulturkampf ausgeweitet. So gab es etwa allerlei Proteste, als vor zwei Jahren in Madrid die traditionellen Gewänder der Drei Könige durch hässliche, vom Volksmund als „Duschvorhänge“ bezeichnete Fantasiekleider ersetzt wurden. Viele empfinden solche „Neuerungen“ als Versuch linksgerichteter Politiker, im traditionellen Umfeld ihre politische Agenda durchzusetzen.

Die Ankündigung, dass unter dem Motto „Für Vielfalt“ ein Wagen mit drei LGBT-Aktivisten – der Schauspielerin und Tänzerin Roma Calderón und der Hiphop-Musikerin Dnoé Lamiss sowie einer sogenannten „Drag Queen“ mit dem Namen „La Prohibida“ („Die Verbotene“) – am diesjährigen Festumzug im Madrider Arbeiterviertel Vallecas teilnehmen sollte, verschärfte die Auseinandersetzung in der Politik und in den Medien, zumal ein Plakat mit den drei gekrönten Aktivisten den Eindruck weckte, als würden sie als die Heiligen Drei Könige auftreten.

Zwar stellte sich dies im Nachhinein als falsch heraus, denn der Wagen mit der Regenbogenfahne und der Aufschrift „Für Vielfalt“ war nur einer unter den sechszehn Teilnehmern und die LGBT-Vertreter traten als Märchenfiguren auf. Der Streit war jedoch bereits ausgebrochen, und wurde noch heftiger, als ein Interview mit der „Drag Queen“ bekannt wurde, in dem der als Frau auftretende Mann mit bürgerlichem Namen Luis Herrero bekannte: „Mir ist Weihnachten völlig gleichgültig. Es ekelt mich sogar etwas an.“

„Weihnachten ekelt mich etwas an“

Der Fraktionssprecher der konservativen „Partido Popular“ im Madrider Stadtrat José Luis Martínez-Almeida forderte beispielsweise Oberbürgermeisterin Manuela Carmena auf, Kinder „mit dem Weihnachtsfest fremden Botschaften nicht zu verwirren“. Martínez-Almeida bedauerte, dass die Bürgermeisterin „an ihrer Linie festhält, das Wesen des Weihnachtsfests verändern“ zu wollen. In der Presse gab es in den ersten Januartagen gegensätzliche Reaktionen: Zeigten sich etwa die konservativen Zeitungen „La Razón“ und „Abc“ wegen der Indoktrinierung der Kinder entsetzt, so reagierte die linksliberale „El País“ mit ironischen Kommentaren: Früher hätten sich weiße Männer das Gesicht mit Schuhcreme gefärbt, um als schwarzer König aufzutreten, „und niemand nahm daran Anstoß“. In „La Razón“ schrieb der Journalist Jesús Marinas: „Was immer für Kinder eine große Freude war, ist zum politischen Zankapfel geworden.“

Als aufschlussreich nehmen sich ebenfalls die Leser-Kommentare unter den Zeitungsartikeln aus. Unter etlichen Zuschriften, die sich für „Toleranz“ und „Offenheit“ aussprachen, mischten sich kritische Stimmen: „Es geht gar nicht um Toleranz“, schreibt ein Leser. „Die Frage ist, ob es bekannt ist, was hier gefeiert wird, was dieses Fest bedeutet. In einer solchen Feier haben Drag Queens gar nichts zu suchen. Wer mit dem Dreikönigsfest nichts anzufangen weiß, soll ihm fernbleiben und nicht versuchen, den Sinn des Festes zu verdrehen und zu verändern.“ In einem weiteren Kommentar war zu lesen: „Wenn ein Teil der LGBT-Bewegung vom ,Festumzug der Drei Königinnen‘ spricht, und Plakate mit einem Bild der als solche verkleideten Drag Queens verbreitet werden, liegt es nahe zu denken, dass dadurch der Dreikönigsumzug umgedeutet werden soll. Zumal einige dieser Gruppierungen nicht zum ersten Mal haben verlauten lassen, dass sie nichts lieber als das täten.“

Oberbürgermeisterin Manuela Carmena, die sich im Vorfeld des strittigen Dreikönigsumzugs bedeckt gehalten hatte, äußerte sich nach der Veranstaltung am Abend des 6. Januars: „Uns wurde in den letzten Tagen vorgeworfen, wir Politiker hätten kein Taktgefühl. Ich glaube aber, dass es sich um eine schöne Initiative handelt, damit am Dreikönigsumzug die Wagen aller Menschen teilnehmen können, die es auch möchten.“ Ihrer Meinung nach habe der diesjährige Festumzug gezeigt, dass die „zwei Naturen der Feiertage, die laizistische und die christliche, miteinander vereinbar“ seien.

Blumenarrangement statt Krippe

Die diesjährige Auseinandersetzung um den Dreikönigs-Festumzug ist jedoch nicht der erste Weihnachtsstreit, in den sich die Madrider Bürgermeisterin verstrickt. Bereits im ersten Jahr ihres Mandats 2015 wurde die traditionell im Madrider Rathaus aufgestellte Krippe von 200 Quadratmetern auf knapp drei Quadratmeter wesentlich verkleinert. Als darüber hinaus eine weitere Krippe vor dem bekannten „Alcalá“-Tor durch ein Blumenarrangement ersetzt wurde, versammelten sich dort hunderte Menschen am Nachmittag des 24. Dezember, um eine Krippe mit den mitgebrachten Figuren aufzustellen. Offensichtlich sind viele Menschen trotz fortschreitender Säkularisierung dafür, die spanischen Weihnachtstraditionen aufrechtzuerhalten.

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