Mailand

„Die Musik ist hier!“

Warum Riccardo Muti das Dirigieren als „spirituelle Angelegenheit“ bezeichnet.

RICCARDO MUTI
Will ins Fegefeuer: Der italienische Dirigent Riccardo Muti. Foto: Imago Images

Wenn von Riccardo Muti die Rede ist, dann liegt die Bezeichnung „streitbar“ nicht fern. In Deutschland sorgte der italienische Stardirigent für einen Skandal, als er die millionenteure Elbphilharmonie düpierte. Der musikalische Prestigebau, der angesichts explodierender Kosten und Bauverzögerungen die Hamburger Entsprechung zum Berliner Hauptstadtflughafen bildete, sollte wenigstens nach der Einweihung mit seiner akustischen Klangwelt überzeugen. Doch Muti, der nur wenige Tage nach dem Eröffnungskonzert selbst am Pult stand und das Chicago Symphony Orchestra dirigierte, mochte in der angepriesenen Philharmonie nur eine höchstens „mittelmäßige“ Halle entdecken. Zwei Jahre später wurde er auf Nachfrage deutlicher: „Ich trete da nicht mehr auf! Dort vergeude ich nicht meine Zeit.“

Muti schätzt Verdi mehr als Wagner

Das klingt nach persönlicher Beleidigung; aber Muti gehört zu jenen Künstlern, die sehr genau wissen, was sie wollen, und es deutlich sagen. Seine persönliche Vorliebe für den Opernkomponisten Giuseppe Verdi gegenüber dessen Kontrapunkt Richard Wagner („Die Menschheit braucht in Zukunft Verdi dringender als Wagner“) hat nicht nur die Verehrer des Meisters von Bayreuth auf die Barrikaden gebracht. Charakteristisch auch: Im Januar spricht Muti davon, darauf zu hoffen, ins „Fegefeuer“ zu kommen, „nicht ins Eis“. Und im Juni sagt er gegenüber der Welt: „Vor allem habe ich gemerkt, wenn dann mal Schluss ist, dann muss es die Hölle sein, im Himmel wäre mir wohl zu langweilig.“ Ist Riccardo Muti ein exzentrischer Agnostiker, dem ein Jahr vor seinem 80. Geburtstag alles egal geworden ist?

Das hieße, den temperamentvollen Süditaliener falsch zu verstehen. Die Corona-Pandemie hat ihre Spuren in der Musikwelt hinterlassen. Muti gehört zur Risikogruppe. Statt Orchester und Tourneen bedeutete das für den Maestro: Isolation in Ravenna. Wochenlang habe er sich nur mit Partituren beschäftigt, so sagt er gegenüber der WELT, besonders mit Beethoven. Beethoven, zu dessen Ehren dieses Jahr eigentlich alle Konzerthäuser der Welt warmlaufen sollten, hat dabei mehr mit Muti gemeinsam, als man zuerst denken mag. Das Leben des Bonner Komponisten ist reich an Anekdoten, in denen der Meister sein Umfeld irritiert und unsanft aufspießt. Wenn schon im Lockdown, dann mit einem Seelenverwandten.

Ein Requiem führt in eine andere Dimension

Muti wird am 28. Juli 1941 in Neapel geboren. Sein Vater ist Mediziner aus dem apulischen Molfetta, wo der junge Riccardo aufwächst. Es ist eine Zeit, die Muti trotz der späteren Weltreisen und Konzertauftritte persönlich prägt. Es sind Eindrücke von „Trauerglocken, von Karfreitagsprozessionen, von Friedhofsbesuchen, von Trauermärschen“, wie der Dirigent sie später beschreibt. Die Menschen des Südens zeichne von Geburt an ein besonderes Verhältnis zum Tod aus. „Meine gesundheitlichen Probleme, die ich kürzlich hatte“, so Muti gegenüber Avvenire im Juni 2011, „haben für mich das fassbar gemacht, was ich immer wusste.“ Die Hoffnung auf das Leben nach dem Tod hat sich der Dirigent erhalten, wie ihn seine katholischen Eltern gelehrt hatten. Wenn Muti demnach von Hölle und Fegefeuer spricht, dann mit weniger Nonchalance, als man zuerst denkt; der echte Atheist glaubt weder an das eine noch das andere. „Wenn ich ein Requiem dirigiere, von Mozart, von Cherubini oder von Verdi, dann führen mich diese Noten in eine andere Dimension, in die des Geistes.“

Eigentlich, so bekennt Muti später, habe er ursprünglich nicht daran gedacht, Musiker zu werden. Erst die Begegnung mit Verdis Musik habe ihm die „entscheidende Motivation“ geliefert, die „Mühen des Musikerdaseins“ auf sich zu nehmen. Zuerst am Konservatorium von Neapel, wechselt Muti anschließend nach Mailand, wo er Arturo Toscanini trifft und bei Antonino Votto studiert. Votto gilt als der Vater mehrerer bedeutender Schüler: neben dem Pianisten Maurizio Pollini ist hier insbesondere der acht Jahre ältere Dirigentenkollege Claudio Abbado hervorzuheben. Zeit ihres Lebens bleibt das Verhältnis zwischen Muti und Abbado rätselhaft. „Man hat eine Rivalität zwischen uns erfunden. Das ist absolut falsch“, stellt Muti nach Abbados Ableben richtig. „Er schätzte mich und ich schätzte ihn.“ Muti hält sich an die römische Weisheit: Über die Toten nur Gutes. Doch es gibt deutliche Hinweise, dass das Klima deutlich angespannter war.

Der lange Schatten von Abbado

Als Abbado Musikdirektor an der Mailänder Scala ist, kommt Muti so gut wie nie zum Zug; und als Muti wiederum 1986 Abbado in seiner Position in Mailand beerbt, tritt Abbado kaum mehr in der lombardischen Hauptstadt auf. Spekulationen ranken sich bis heute um die Nachfolge bei den Berliner Philharmonikern. Deren titanengroßer Dirigent, Herbert von Karajan, protegiert den Neapolitaner. Die Chancen, dass Muti nach dessen Tod das Dirigierpult in Berlin erben könnte, sind hoch. Doch es kommt anders. 1989 küren die Berliner Philharmoniker Abbado zu ihrem neuen Dirigenten. Der lädt seinen Landsmann in seiner ganzen Berliner Ära nie an die Spree ein. Muti bleibt an der Scala und intensiviert stattdessen seine Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern und dem Chicago Symphony Orchestra. Erst nach Abbados Tod im Jahr 2014 gilt Muti als der wichtigste italienische Dirigent der Gegenwart.

Womöglich liegt dieses Schattendasein nicht zuletzt an Muti selbst. Er gilt als fleißig, auf Partitur und Orchester bedacht, weniger auf PR und Selbstdarstellung. Obwohl Muti zu deutlichen Statements neigt, ist sein persönlicher Stil zurückhaltend. Kollegen attestieren ihm Demut: besonders vor dem kompositorischen Werk. Werktreue ist dem Neapolitaner wichtig. Als junger Dirigent ist er entsetzt darüber, wie Opernstars die Vorgaben des Komponisten nach Gutdünken zum eigenen Zweck ändern. „Ich wünsche mir, dass die Oper als solche wieder unser Land repräsentieren würde – und nicht länger zum Selbstdarstellungsvehikel dieses oder jenes Sängers degradiert wird“, schreibt Muti in seinem Buch „Mein Verdi“.

Mutis Abrechnung mit Regietheater und Kirchenmusik

Auch gegenüber dem eigenen Berufsstand ist er kritisch: „Ich bin Neapolitaner. Wenn ich Showman auf dem Podium sein will, dann schlage ich da jeden!“ Im Gegenteil habe er aber im Laufe seiner Karriere die Gesten immer weiter zurückgefahren. „Klar muss man manchmal auch was geben, das ist ganz natürlich. Aber nicht mit der Attitüde: Ich bin hier. Sondern: Die Musik ist hier!“ Noch härter geht er mit dem gegenwärtigen Regietheater ins Gericht: „Was soll ein Don Giovanni auf einer Lambretta, im Ferrari oder gar im Rollstuhl, eine Mimi auf Drogen, ,Die Entführung aus dem Serail‘ auf einer Yacht der Camorra oder Rigoletto in einem Londoner Pub, das von Mafiosi betrieben wird?“

Mutis Purismus macht dabei auch vor der katholischen Kirche nicht Halt. Die profanen Lieder nachkonziliarer Zeit kritisiert er ebenso deutlich. Wie der jüngst verstorbene Filmkomponist Ennio Morricone betrauert er den Verlust der katholischen Musiktradition. „Die Geschichte der Kirche ist voll mit inspirierenden Seiten. Nicht notwendigerweise komplex und schwierig. Aber auch in der Einfachheit muss es Qualität geben: Viele Lieder bestehen heute aus wenig inspirierten Versen und den immergleichen vier Takten.“ Das ist für jemanden wie Muti, der Dirigieren als „spirituelle Angelegenheit“ ansieht, deutlich zu wenig.