„Die Medien treiben beide Seiten zum Krieg“

Das unabhängige Institut Keshev nimmt die israelische und palästinensische Berichterstattung unter die Lupe. Von Johannes Zang

Etwa 800 ausländische Korrespondentinnen und Korrespondenten sollen in Israel tätig sein, die meisten mit Wohnsitz Jerusalem oder Tel Aviv. Für die besetzten Palästinensischen Gebiete liegen keine Zahlen vor, doch dürfte es allenfalls eine zweistellige Zahl sein. Neben diesen, hauptsächlich aus Europa und Nordamerika stammenden Journalisten, berichten einheimische Medienvertreter über den Konflikt, führen Interviews mit Politikern oder beispielsweise Politikwissenschaftlern. Wie bilden sie, die mehr oder weniger unter dem Konflikt leiden, diesen ab? Wie stellen sie den vermeintlichen Feind in ihrem Fernseh-, Hörfunk- oder Zeitungsbeitrag dar? Kommt er überhaupt zu Wort?

Die israelische Medienwissenschaftlerin Michal Har'El hat die Berichterstattung der israelischen Medien während der Zweiten Intifada (2000–2004) unter die Lupe genommen. Sie und ihre Kollegen vom israelischen Institut Keshev haben über drei Jahre lang mehr als 4 000 Medienbeiträge untersucht. In ihrem Vortrag „Auch Worte können töten“ hat sie vor Friedensaktivisten Tendenzen dargestellt und Bilanz gezogen. Als Beispiel für verzerrenden Journalismus nennt sie den Tod des israelischen Armeehundes „Arkos“, der in israelischen Medien mehr Aufmerksamkeit erhielt als sechs getötete Palästinenser. Michal Har'El schlussfolgert über die israelische Berichterstattung während des Palästinenseraufstandes: „Die Medien neigen dazu, einfache Geschichten zu erzählen. Palästinensische Tote werden heruntergespielt.“

Das Institut Keshev wurde von israelischen Bürgern nach der Ermordung von Premierminister Yitzhak Rabin 1995 gegründet. Die Gründerinnen und Gründer nahmen damals eine „Verschlechterung des öffentlichen Diskurses“ wahr, ja, sie sahen die Grundfesten der israelischen Demokratie bedroht. Sie selbst wollten und wollen ihrerseits einen „gemäßigteren medialen und öffentlichen Diskurs fördern“. Dazu dienen Bildungs- und Beratungsangebote für Journalisten sowie die Veröffentlichung von Forschungsarbeiten zur israelischen Berichterstattung. Das Institut, das im Namen den Zusatz Zentrum für den Schutz der Demokratie in Israel trägt, appelliert zudem an Herausgeber und Verleger, verantwortungsvoll mit ihrer Aufgabe umzugehen sowie an die Konsumenten, sich breit zu informieren und dies kritisch zu tun.

Zurück zur 2. Intifada: Auch die palästinensische Seite agierte nicht besser. Die Palästinensische Autonomiebehörde benutzte etwa den Sender „Stimme Palästinas“, um Palästinenser dazu aufzuhetzen, Israelis Verletzungen zuzufügen und jüdische heilige Stätten zu beschädigen. Auch wurde Palästinensern teilweise von den eigenen Medien vorenthalten, dass Israelis für Frieden und ein Ende der israelischen Militärbesatzung demonstrierten.

Zuletzt untersuchte Keshev, dessen Ehrenpräsident der Starschriftsteller David Grossman ist, die Berichterstattung der israelischen Militäroperation Wolkensäule gegen den Gaza-Streifen (2012) in israelischen und palästinensischen Medien. Ihr Fazit: „Die Medien spielen eine maßgebliche Rolle im israelisch-palästinensischen Konflikt. Ihr wiederholtes Zurückgreifen auf nationale Narrative (Sichtweisen), während gleichzeitig gemäßigte Stimmen an den Rand geschoben werden, lässt es nicht zu, dass der Teufelskreis der Gewalt aufbricht. Die Medien treiben beide Seiten zum Krieg und erlauben es nicht, dass eine neue Denkweise entsteht.“

Seit 2005 arbeitet Keshev mit palästinensischen Nichtregierungsorganisationen zusammen, die ebenfalls die eigenen Medien kritisch beleuchten und seit 2010 konkret mit der palästinensischen Organisation International Peace and Cooperation Center IPCC. Im gemeinsamen Projekt Press for Peace (Medien für den Frieden) will man den Mediendiskurs verbessern, Journalisten ausbilden und Medienkonsumenten schulen. Dass dies von beiden Seiten in einer Konfliktregion unter Fortdauer desselben geschieht, ist beachtlich und vielleicht sogar einzigartig.

Info: www.keshev.org.il

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