Köln

Die Fotoalben der Kaiserin Sisi

Einen Einblick in das Leben der Kaiserin Elisabeth bietet jetzt das Kölner Museum Ludwig. Es präsentiert eine Auswahl aus 2 000 Fotografien aus den 18 Fotoalben der Kaiserin.

Elisabeth von Österreich-Ungarn, genannt Sisi, sammelte in den 1860er Jahren Fotografien, die sie zeitlebens privat hiel
Eine Österreicherin in Köln: Sisi sammelte in den 1860er Jahren Fotografien, die sie zeitlebens privat hielt. Foto: Christoph Hardt via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Miriam Szwast streift sich weiße Handschuhe über und legt behutsam Buch für Buch in die bereitgestellten Ständer. Zwei davon fallen aufgrund ihres Äußeren direkt auf. Der Einband besteht aus braunem Leder und ist mit einem mit Amethysten verzierten Messingschloss verschlossen. Vorsichtig öffnet die Kuratorin das Schloss und blättert das Buch auf. Innen ist der Einband mit Seide bespannt, die Seiten des Buchblocks sind mit Goldschnitt eingefasst. „Hier sind die Initialen der Kaiserin“, sagt Szwast und deutet auf das Monogramm „K. E.“. Das steht für die österreichisch-ungarische Kaiserin Elisabeth von Österreich. Die 1837 als Elisabeth Amalie Eugenie Herzogin in Bayern geborene Sisi, wie sie von ihren Geschwistern genannt wurde, war eine begeisterte Sammlerin von Fotografien.

Sisis inszenierte Gesellschaft

Seit Ende Oktober zeigt das Museum Ludwig eine Auswahl der rund 2 000 Fotografien aus den 18 Fotoalben der Kaiserin, die aus der herzoglichen Nebenlinie Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld-Gelnhausen des Hauses Wittelsbach stammte. „Sisi hat nicht einfach gesammelt“, betont Miriam Szwast. „Sie hat die Porträtfotos sehr bewusst zusammengestellt und sich ihre eigene Gesellschaft inszeniert.“ Die auf diese Weise entstandenen Alben seien in den letzten Jahren als kreative Collagen entdeckt worden, als Ideenräume für soziale Gefüge sowie als Medium der Selbstreflexion.

„Ich lege mir ein Schönheiten-Album an und sammele nun Photographien, nur weibliche dazu.“ Kaiserin Elisabeth

Die Ausstellung „Sisi privat. Die Fotoalben der Kaiserin“ versammelt Adelige – oft Mitglieder von Sisis Familie – und Künstlerinnen ihrer Zeit sowie Kunstwerke und Tiere. Mitunter posieren Frauen in gewagten Posen, für die damalige Zeit geradezu frivol. Bei vielen Bildern ist die Provenienz ungeklärt. Das gilt auch für die Fotosammlung an sich, die erstmals 1978 bei einer Auktion auftauchte. Später kam die Sammlung in den Besitz des Fotojournalisten Robert Lebeck (1929 bis 2014). Der bekannte Chronist herausragender Ereignisse – er dokumentierte etwa das Begräbnis von Papst Pius XII. im Jahr 1958 – war ein leidenschaftlicher Sammler von Fotografien des 19. Jahrhunderts. Teile seiner Sammlung gelangten 1994 in den Bestand der fotografischen Sammlung des Museums Ludwig, darunter eben auch die Sammlung von Kaiserin Elisabeth.

Aufwändige Einsteckalben

Elisabeth von Österreich-Ungarn, genannt Sisi, sammelte in den 1860er Jahren Fotografien, die sie zeitlebens privat hiel
Mehr Interesse am Glamour als am Adel: Motive aus der Sammlung von Sisi. Foto: Fotos: Imago Images

Besonders erwähnenswert unter den Alben sind vier so aufwändig gestaltete Alben. Es handelt sich um vorgefertigte Einsteckalben, die die auf dünnem Papier gefertigten und auf Karton aufgeklebten Porträtfotografien im Format sechs mal neun Zentimeter aneinanderreihen – das Carte de Visite-Format. Acht Fotos konnten so auf einer Seite eingesteckt werden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es üblich, Visitenkartenporträts zu verschenken und zu sammeln. Der französische Fotograf André Adolph-Eugene Disderi (1819 bis 1889) hatte das Format entwickelt und patentieren lassen. Als sich der französische Kaiser Napoléon III. im Jahr 1859 auf diese Weise porträtieren ließ, wurde dieses kostengünstige und standardisierte Verfahren beliebt. „Das war die erste Form der Massenfotografie“, so Szwast. Inmitten der kleinen exquisiten Ausstellung ist ein Monitor platziert, auf dem die einzelnen Seiten der nun in Vitrinen präsentierten Alben durchgeblättert werden.

Das Sammeln war für sie fast eine Obsession

Bei Elisabeth wurde um 1860 die Sammelleidenschaft geweckt. „Später wurde dieses Sammeln für sie fast eine Obsession“, stellt Szwast fest und verweist auf ein Schreiben, das Elisabeth im Jahr 1862 an ihren Schwager Erzherzog Ludwig Viktor sandte. Darin heißt es: „Ich lege mir ein Schönheiten-Album an und sammele nun Photographien, nur weibliche dazu. Was Du für hübsche Gesichter auftreiben kannst beim Angerer und anderen Photographen, bitte ich Dich, mir zu schicken.“ Die Bitte wurde auch an österreichische Botschaften im Ausland weitergegeben. Sisi selbst, die als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit galt und sich dessen auch bewusst war, ist von besagtem Angerer abgelichtet und in einem ihrer Alben einsortiert worden.

Die Fotos wurden von den Frauen meist in einem Atelier vor einer imaginären Kulisse als Ganzkörperporträt aufgenommen. „Durch diese Aufnahmen aus den verschiedensten Ländern und gesellschaftlichen Kreisen bekam die Kaiserin zudem einen Einblick in aktuelle Moden und Stile“, hebt Szwast hervor und nennt in diesem Zusammenhang beispielsweise die Gattin von Napoléon III. „Auch Eugénie galt als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, doch Sisi empfand die vermeintliche Konkurrentin als gewöhnlich, weil diese viel Schminke und Parfum für ihr Äußeres verwandte.“ Neben einer Karikatur des französischen Kaiserpaares, auf der die selbstbewusste Eugénie einem verschämt wirkenden Napoléon III. eine Rose überreicht, platzierte Sisi das Foto eines wohl dressierten und fein herausgeputzten Pudels. Elisabeth selbst lehnte Schminkutensilien weitestgehend ab und legte sehr viel Wert auf Natürlichkeit. „Die Bilder von Berühmtheiten internationaler Bühnen fanden bei ihr ein viel größeres Interesse als die von Adeligen.“ Vier Fotos von 1862 zeigen in fast intimer Nähe vier unbekannte Frauen, die der ebenso unbekannte Fotograf nach verschiedenen Tageszeiten benannt hat.

Modern, emanzipiert und wild

Die Art und Weise, wie sie sammelte und kuratierte, ist ein spannendes Feld für Forscher, die sich mit der ebenso widersprüchlichen wie selbstbewussten Persönlichkeit der Wittelsbacherin befassen. Der Begleittext an einer Vitrine charakterisiert Sisi als eine „analysierende, reflektierende, scharfzüngige und scharf beobachtende, sich in der Geschichte und Gesellschaft orientierende Frau“. Zu den Widersprüchlichkeiten der 1898 bei einem Attentat in der Schweiz getöteten Elisabeth von Österreich-Ungarn gehört auch deren eigene Haltung zur Fotografie. Viele Bilder dienten ihr zwar einerseits als Vorbilder für die eigene Inszenierung. Andererseits beschloss sie mit etwa 30 Jahren, sich nicht mehr fotografieren zu lassen. „Elisabeth ist viel moderner, emanzipierter, viel wilder, als wir sie uns immer noch vorstellen“, fasst Kuratorin Miriam Szwast ihr Bild zusammen, das sie während der Beschäftigung mit der Kaiserin und deren Sammlung von ihr bekommen hat. Zu deren Facetten gehört auch ihre dichterische Begabung. Das greift die Ausstellung im Museum Ludwig quasi im Vorübergehen geschickt auf und erinnert daran, dass Elisabeth bis zum Jahr 1888 für die Nachwelt ein Vielzahl von Gedichten verfasst hat, die als „poetisches Tagebuch“ erst seit 1950 eingesehen werden dürfen.

Am Ausgang des Ausstellungsrundgangs ist ein vergrößertes Foto der Kaiserin zu Pferd zu sehen. Ist es wirklich Sisi auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 1865? Die abgelichtete Dame hält sich einen großen Fächer vor das Gesicht – so als wolle sie sich bewusst dem Blick des Fotografen sowie denen der späteren Betrachter des Fotos entziehen. Jahre später wandte sich Sisi in einem ihrer Gedichte aus den 1880er Jahren „an die Gaffer“ und dichtete: „Es tritt die Galle mir fast aus, wenn sie mich so fixieren, Ich kröch‘ gern in ein Schneckenhaus, Und könnt vor Wut krepieren.“

Museum Ludwig Köln, bis 21. Februar 2021, Di bis So 10 bis 18 Uhr.

Einen virtuellen Rundgang durch die Ausstellung ermöglicht dieses Video.

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