Die Bundeswehr wurde im Kloster Himmerod geboren

Dort entstand „Magna Charta“ der neuen Armee Von Carl-H. Pierk

Wittlich (DT) Den Glanz der Geschichte kann das derzeit in finanzielle wie personelle Schwierigkeiten geratene Zisterzienser-Kloster Himmerod nicht abschütteln: Die in Großlittgen in der Eifel gelegene Abtei ist das einzige von Bernhard von Clairvaux persönlich gegründete Kloster in Deutschland, das noch von Mönchen bewohnt wird. Die zweite hiesige Gründung des heiligen Bernhard, das Kloster Eberbach im hessischen Rheingau, ist heute säkularisiertes Staatsweingut und diente als Kulisse für die Eco-Verfilmung „Der Name der Rose“ mit Sean Connery. Kaum jemand aber bringt heute das idyllisch im Salmtal gelegene Kloster Himmerod in Verbindung mit der Bundeswehr. Hier wurde die „Magna Charta“ der Bundeswehr verfasst.

Unter dem Schock des kommunistischen Überfalls auf Südkorea hatte die Bundesregierung im Herbst 1950 einen Ausschuss aus 15 ehemaligen Wehrmachtsoffizieren zu einer streng geheimen Klausur in das Kloster Himmerod berufen, um die Aufstellung eines deutschen Kontingents zur gemeinsamen Verteidigung Westeuropas zu beraten. Mit Datum vom 9. Oktober 1950 verabschiedete der Ausschuss eine Denkschrift, in der der Satz zu finden ist: „Damit sind die Voraussetzungen für den Neuaufbau von denen der Vergangenheit so verschieden, dass ohne Anlehnung an die Formen der Wehrmacht heute grundlegend Neues zu schaffen ist.“

Dieser Satz steht zwar in dem Kapitel „Das innere Gefüge“ (später in „Innere Führung“ umbenannt), er entspricht aber dem Grundtenor der ganzen „Himmeroder Denkschrift“, die als ein wichtiger Anstoß für die späteren Planungsarbeiten zur Aufstellung der Bundeswehr angesehen werden kann. In der klösterlichen Abgeschiedenheit ging es nicht nur um die ganz praktischen Fragen, wie eine Wiederbewaffnung durchgeführt werden sollte, sondern auch um die Legitimation dieser Truppe. Sie durfte keinen „Staat im Staate” bilden, wie es die Reichswehr gewesen war. Unter der Federführung von Wolf Graf von Baudissin entstand ein Konzept über das „innere Gefüge“ der aufzubauenden neuen Streitkräfte eines demokratischen Deutschland, aus dem 1953 das Konzept der „Inneren Führung“ wurde, das den Soldaten zum „Staatsbürger in Uniform“ machte. Die Ausgewogenheit von Pflichten und Rechten der Soldaten ist die Grundlage für das Konzept der „Inneren Führung“.

Die Klausurtagung war streng geheim, man hatte den Mönchen verboten, die Namen der Gäste – wie üblich – an deren Zimmertüren anzubringen. „Allein der damalige Abt war unterrichtet“, erläuterte der Zisterzienser Bruno Fromme, der seit 1991 an der Spitze des Klosters stand und im Januar dieses Jahres aus Alters- und Gesundheitsgründen zurückgetreten war. Im Originalzustand erhalten ist der Raum, in dem Geschichte geschrieben wurde. Zimmer 7 sieht noch genauso aus wie damals: Zu einem langen Tisch zusammengerückte Holztische nebst mit hellem Stoff überzogenen Stühlen. Ein verschnörkelter Wandschrank, eine Standuhr sowie ein Ofen vervollständigen das Inventar.

„Innere Führung“ gab der Bundeswehr die freiheitlich-rechtsstaatliche Verwurzelung. Von ihrem militärischen Anforderungsprofil gegenüber ihrer Aufstellung 1955 hat sich die Bundeswehr jedoch deutlich verändert. Im Mittelpunkt steht jetzt nicht mehr die klassische Landesverteidigung, sondern Krisenbewältigung und Konfliktverhütung. Die Bundeswehr ist zu einer „Armee im Einsatz“ geworden. Dass die zunehmende Zahl von Auslandseinsätzen Auswirkungen auf die Weiterentwicklung des Konzepts der Inneren Führung haben könnte, daran war im Zimmer 7 des Klosters Himmerod nicht zu denken.

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