Der letzte „Zivi“ von Bethlehem

Paul Richter arbeitet als Reiseleiter, als Lobbyist und für die Universität. Von Johannes Zang
Foto: Zang | Paul Richter erläutert Touristen die politische Situation in Bethlehem vom Dach der Universität aus.
Foto: Zang | Paul Richter erläutert Touristen die politische Situation in Bethlehem vom Dach der Universität aus.

Bethlehem (DT) Kaum hat sich die Pilgergruppe um ihn geschart, legt der junge Deutsche mit seiner Erklärung los. „Geradeaus sehen Sie das Paradise Hotel und in der Verlängerung die Mauer.“ Ein Raunen geht durch die Gruppe aus Franken, hie und da hört man ein „Mm“ oder „Das darf doch nicht wahr sein!“ Damit ist der Verlauf der israelischen Mauer gemeint, die da, wo Paul Richters Zeigefinger hindeutet, wie ein Wurmfortsatz nach Bethlehem hineinragt, sich wie ein Kriechtier hineinschlängelt, um das Rahelsgrab herum. So wie heute steht Paul vier- bis fünfmal im Monat auf dem Flachdach der Universität Bethlehem, um Pilgern die Auswirkungen der israelischen Sperrmauer für die 30 000-Einwohnerstadt zu veranschaulichen.

Vom Deutschen Verein vom Heiligen Land entsandt

Heute ist der junge Mann aus Essen quasi Reiseleiter. Die Hauptaufgabe seines Zivildienstes – nach dem Ende des Zivildienstes in Deutschland ist er der letzte „Zivi“ in Bethlehem – besteht jedoch darin, den Kontakt zu Spendern und Gönnern in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu halten. Zudem schreibt er für die deutsche Rubrik der Universitätsinternetseite über Konzerte, Abschlussfeiern oder Bauvorhaben. Sein Vorgesetzter, Bruder Jack, nennt ihn deshalb „Head of the German desk“.

Schnell hat sich der sympathische Mann, der vom Deutschen Verein vom Heiligen Land entsandt wurde, in die neue Umgebung eingelebt. Ohne Vorerwartungen kam er auf Anregung seines Vaters nach Bethlehem. Begegnungen mit Türken in Essen hatten in ihm das Interesse geweckt, mehr über den Islam, die arabische Welt und das christlich-muslimische Zusammenleben zu erfahren. Anfangs war vieles ungewohnt, zum Beispiel das orientalische Zeitverständnis. „Fünf Minuten können eine halbe Stunde sein“, weiß Paul Richter mittlerweile. Auch das arabische „Schwoije, schwoije” kennt er: „Gemach, gemach!“

Die Menschen in Bethlehem nennt er „entspannt, sehr freundlich und sehr warmherzig“. Nach zahllosen Kaffee- und Essenseinladungen schätzt er die palästinensische Gastfreundschaft. Diese lässt ihn immer wieder über den erlebten Egoismus zuhause nachdenken.

Vorbedingung: Fließendes Englisch sprechen

In seiner Freizeit trifft sich Paul mit anderen Zivildienstleistenden und fährt an den Strand nach Tel Aviv, ans Tote Meer oder in die Abrahamsstadt Hebron. Gerade der Besuch in dieser Stadt, die nur eine halbe Autostunde von Bethlehem entfernt ist, hat ihn sehr aufgewühlt. Zu erleben, wie jüdische Siedler mitten in der Altstadt „auf Häusern von Palästinensern“ bauen und auf diese „ihren Müll hinunterwerfen“ oder mitanzusehen, wie „ganze Straßen geschlossen werden wegen der Siedler“ findet er geradezu „abscheulich“. Zu erkennen, „wie sehr der Staat Israel diese illegalen Siedlungen und die Besatzung unterstützt“, indem man Soldaten dafür abkommandiert, hinterlässt bei dem überzeugten Christen ein „beängstigendes Gefühl“ und macht ihn „traurig“. In Hebron hat er erfahren, dass auf einen jüdischen Siedler ein Soldat kommt.

Paul Richter hat nicht lange gezögert, als sich ihm die Möglichkeit bot, seinen Zivildienst in Bethlehem zu leisten. Vorbehalte gab es nur bei Freunden. Er selbst kam ohne Angst in die palästinensischen Gebiete. „Mein Vater wusste, dass nicht alle Palästinenser Terroristen sind.“ Und er selbst konnte sich nicht vorstellen, „dass ein Volk nur aus Verbrechern besteht“.

Die Vorbedingung – fließend Englisch zu sprechen – erfüllte er als ehemaliger Austauschschüler in Texas. Sowohl mit der Leitung der de-la-Salle-Schulbrüder – sieben US-Amerikaner, ein Neuseeländer und ein Palästinenser – als auch mit den Studenten spricht der 19-Jährige Englisch. „Alle Abläufe sind auf Englisch.”

Freizeitgestaltung in Bethlehem ist ein Problem

Der Essener fühlt sich wohl. Allein die Freizeitgestaltung empfindet er als Problem. Am Ende laufe es immer auf „Grillen, Parties, Playstation“ hinaus, „leider sind die Möglichkeiten der Palästinenser beschränkt“. Kaum Sportmöglichkeiten, eine einzige Disco, kein Kino – Paul wundert sich nicht, dass vor allem die Jugendlichen einen gelangweilten Eindruck machen. Sie benötigen, um beispielsweise nach Jerusalem oder Tel Aviv fahren zu dürfen, einen Passierschein vom israelischen Militärgouverneur. Ein solcher ist aber gerade für Unverheiratete unter 35 Jahren fast nicht zu bekommen – aus Sicherheitsgründen, sagen die Israelis. „Es ist ein Superwetter, um an den Strand zu gehen, aber es ist ihnen nicht möglich.“ So fasst Paul Richter die Lage seiner palästinensischen Altersgenossen zusammen.

Für Paul neigen sich die zwölf Monate dem Ende entgegen. Es wird auch höchste Zeit – zumal kulinarisch! Denn außer der Familie und Freunden hat der zukünftige Student das Essen vermisst: „eine richtig gute Schweinshaxe oder Leberkäse“.

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