Der heilige Nikolaus zu Besuch in Moskau

Ein-Million-Besucher-Marke geknackt – Das Eis zwischen orthodoxer und katholischer Kirche schmilzt weiter. Von Barbara Wenz
Foto: dpa | Auch die Russen lieben ihre Heiligen. Gläubige bei der Verehrung der St. Nikolaus-Reliquien in Moskau.

Wer in der Nähe heiliger Orte in Italien lebt, die für die gesamte Christenheit von hoher Bedeutung sind – wie etwa das Heilige Haus in Loreto oder der Schrein des heiligen Nikolaus in Bari – hat es bereits bemerkt: Seit dem Mauerfall nimmt der Pilgerstrom von orthodoxen Gläubigen aus Russland immer mehr zu. Für viele Russen ist das eine besondere Angelegenheit, eine Pilgerfahrt, die man im Leben nur ein Mal macht. Dementsprechend tragen sie ganze Schreibblöcke mit Namen und Anliegen von Verwandten und Freunden mit in die Basiliken, lassen Ikönchen für die Zuhausgebliebenen dort weihen und verehren, wie es Brauch ist, die heiligen Schreine nicht nur im Gebet, sondern mit dem ganzen Körper: Sie verbeugen sich, lehnen andächtig die Stirn dagegen, sie küssen den Stein, das Metall, das Glas.

Es sind gerade die Heiligen der ersten zehn Jahrhunderte nach Christus, also diejenigen, die vor dem Großen Schisma von der Kirche verehrt wurden und immer noch werden, welche die orthodoxen Kirchen mit dem lateinischen Westen untrennbar verbinden. Ganz besonders ist das bei einem sehr volkstümlichen Heiligen, bei Nikolaus von Myra, der Fall: Im säkularen Westen leider zum Teil verfremdet und verkommerzialisiert, erfreut er sich bei orthodoxen Gläubigen höchster Beliebtheit, ja, er gilt, ähnlich wie Antonius von Padua bei uns, als „Wundertäter“ und trägt auch diesen Beinamen. Kaum eine orthodoxe Kapelle kommt, neben vielen regional bedeutsamen Heiligenbildern, ohne ein Ikone des Bischofs von Myra aus. Bereits im März dieses Jahres hatte der Heilige Synod beschlossen, mehrere westliche Heilige aus der Zeit vor dem Schisma in ihren Kalender aufzunehmen, darunter auch Patrick von Irland und Prokop von Böhmen.

Die hohe ökumenische Bedeutung der Initiative von Patriarch Kirill und Papst Franziskus, den Schrein aus Bari nun in Moskau, in der Christ-Erlöser-Kathedrale, sozusagen „gastieren“ zu lassen, kann deshalb gar nicht genug geschätzt werden – sie ist eine Frucht des Treffens der beiden Kirchenchefs im Februar 2016 auf Kuba. Während sich hier im Nachgang noch einige Schäfchen von Kirill darüber zankten, ob man nun vor der Westkirche eingeknickt sei, gibt es zu diesem Anlass eine Abstimmung mit den Füßen: Der Andrang ist enorm, die Menschen stehen bis zu drei Kilometer lang in der Schlange und nehmen Wartezeiten bis zu 12 Stunden in Kauf. Ende letzter Woche wurde dann auch die Eine-Million-Besucher-Marke geknackt. Patriarch Kirill freut sich über den Andrang und spricht von „einem weiteren konkreten Ergebnis“ seines Treffens mit Franziskus.

Vielleicht folgt den Reliquien bald der Papst als Besucher

Für den Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz in Russland, Clemens Pickel, beweist nach einer KNA-Meldung die Leihgabe der wichtigen Nikolaus-Reliquien, dass sich das Verhältnis zwischen der orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche normalisiere. Was lange Zeit undenkbar erschien, nämlich ein Besuch des römischen Papstes in Moskau und Russland, rückt seit der historischen Begegnung auf Kuba in realistische Reichweite: Im August wird Kardinal Pietro Parolin, der amtierende Kardinalstaatssekretär und somit der zweitwichtigste Mann im Vatikan, nach Moskau reisen, um Patriarch Kirill und Präsident Putin zu treffen. Die Beziehungen zwischen Rom und Russland scheinen entspannt wie noch nie. Die Reliquien des heiligen Nikolaus bleiben noch bis 12. Juli in der russischen Hauptstadt, danach reisen sie weiter nach St. Petersburg, wo sie noch bis zum Ende des Monats Juli verehrt werden können.

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