Karibik

Der „Exodus“ der Rastafaris

Der Sommer ist da, im Radio ist wieder viel Reggae-Musik zu hören: Bob Marley & Co. Richtig verstehen kann man die Musik nur, wenn man die Weltanschauung der Musiker kennt.

In den 1930er Jahren entstand in der Karibik die Bewegung der Rastafaris als Befreiungsbewegung von Afroamerikanern. Als Gründer gilt Marcus Mosiah Garvey (*1887 † 1940) aus Jamaika, der als Politiker und Publizist die „Universal Negro Improvement Association“ gründete. Die Rastafaris führten einen Kampf gegen die Unterdrückung der Afroamerikaner und hofften auf ihre künftige Heimkehr nach Afrika. Ihr Prophet war der damalige äthiopische Kaiser (Ras Teferi) Haile Selassie, der damals gerade gegen die Italiener um die Unabhängigkeit seines Landes kämpfte und von der ganzen freien Welt als Freiheitskämpfer und Vorkämpfer für die Unabhängigkeit Afrikas bewundert wurde.

Konvertit Bob Marley

Vor allem durch den Reggae-Sänger Bob Marley (1944-1981) wurde die neue Bewegung populär, auch in Afrika. 1967 konvertierte Marley vom Christentum zum Rastaglauben. Wie Marley tragen die Rastafaris gedrehte, verfilzte Haare, die Dreadlocks, welche ihnen ein löwenähnliches Aussehen verleihen, weil auch Haile Selassie den Titel „Löwe Afrikas“ führte. Die Rastafaris glauben, dass ihre Haare die Manifestation ihres Glaubens sind. Bob Marley starb als Mitglied der äthiopisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche.

Äthiopien, das Heilige Land der Rastafari

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Äthiopiens Kaiser Haile Selassie als Dank für ihre Unterstützung 200 Hektar Land in Äthiopien an Anhänger der Rastareligion verschenkt. Das Land liegt in dem Ort Shashamane, 300 km südlich von Addis Abeba. Haile Selassie wurde von den Rastafari als der Messias angesehen, der sie eines Tages nach Afrika zurückbringen würde. Dieser Glaube wurde von Kaiser Selassie selbst ermutigt, als er 1966 Jamaika besuchte und die Rastafaris aufforderte, nach Shashamane zu ziehen.

Der Rastafari-Glaube basiert auf einer eigenen Interpretation des Alten Testaments. Die Bibel war das einzige Buch, das Sklaven in Amerika zu lesen bekamen. Dort lasen sie von Äthiopien, das einzige afrikanische Land, das in der Bibel erwähnt wird, und identifizierten sich damit. Auch mit der Exodus-Geschichte der Israeliten konnten sie sich identifizieren, weil auch die Rastafaris die Unterdrückung kannten und Äthiopien ihr Gelobtes Land wurde. Ein erster Zustrom von Rastaanhängern nach Shashamane fand noch zu Lebzeiten Kaiser Selassies in den späten 1960er bis Mitte der 1970er Jahre statt.

Marihuana mit religiöser Bedeutung

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1974 stürzten die Kommunisten Kaiser Selassie, der im folgenden Jahr starb. Die Überreste der kaiserlichen Dynastie wurden zerstört. Privatland wurde verstaatlicht, darunter auch das an Ausländer vergebene Land in Shashamane, viele Rastafari-Siedler flohen. Bis heute ist Haile Selassie in Äthiopien eine umstrittene Figur, und viele Äthiopier blicken mit Argwohn auf die Rastafari, die ihn als Gott verehren. Als größtes Integrations-Problem für die Rastafaris stellte sich jedoch das „Ganja“ - Marihuana – heraus, das von den Rastafaris als ein Kraut von religiöser Bedeutung angesehen wird. In Äthiopien hingegen wird es als gefährliche Droge angesehen, vergleichbar mit Heroin oder Kokain. Die äthiopische Polizei führt deshalb öfters Razzien in der Rastafari-Siedlung in Shashamane durch, obwohl die einheimische Blattdroge Khat, die weit verbreitet ist und gekaut wird, von einigen Experten als schädlicher angesehen wird.

Kaiser wird als Gott verehrt

Das von Kaiser Selassie geschenkte Land in Shashamane liegt im Gebiet des Oromovolkes. Die Oromos führen jedoch seit dem Sturz Heile Selassies einen Befreiungskampf gegen das Volk der Amharen, zu dem Selassie gehörte. Die Rastafaris in Shashamane verehren immer noch den Kaiser als Gott, der in den Augen des Oromo-Volkes eine verhasste Zentralmacht darstellt. Dennoch haben sich viele Rastafaris bis zu einem gewissen Grad in die lokale äthiopische Bevölkerung integriert. Einige haben Äthiopier geheiratet, aber diese äthiopischen Partner haben meistens den Rastafari-Glauben nicht angenommen. In Äthiopien gilt es als unpassend Dreadlocks zu tragen. Selbst unter den Amharen ist Kaiser Selassie nicht unumstritten, die Rastafaris, die ihn als Gott verehren, sehen viele als Verrückte an.

Shashamane ist keine Rastafari-Stadt geworden, das Zentrum der Rastareligion ist immer noch Jamaika. In Shashamane leben heute 100 000 Äthiopier und nur ein paar hundert Rastaanhänger, vorwiegend in den Außenbezirken. Viele weitere Rastafaris kommen in den Ferien nach Äthiopien, entweder für eine einmalige Pilgerreise oder für regelmäßige Aufenthalte. Selbst diejenigen, die langfristig im Land leben, haben meist ihren britischen, amerikanischen oder kanadischen Pass behalten, um leichter ins Ausland reisen zu können. Die meisten Äthiopier betrachten die Rastafari immer noch als Ausländer.

Rastafari in Äthiopien

„Wir wissen, dass Gott Haile Selassie ist. Jetzt rettet er die arme Erde, und er rettet die Menschen“, sagte Bob Marley 1978 vier Jahre nachdem der Kaiser gestürzt worden war und schon gestorben war. Im selben Jahr besuchte Marley Shashamane. Eine neue Welle von Zuwanderern aus der Karibik und aus Großbritannien kam in den frühen 1990er Jahren nach dem äthiopischen Bürgerkrieg ins Land. In den späten 1990er Jahren lebten etwa 2 000 Rastafaris in Shashamane. Viele Rastafaris leben heute auch in der Hauptstadt Addis Abeba oder in Nachbarländern.

Vor kurzem begann die äthiopische Regierung mit der Vergabe von nationalen Aufenthaltskarten an Rastafari, die seit mehr als 10 Jahren im Land leben. Die Erteilung der Aufenthaltsgenehmigung verleiht den Rastafari den Status „Ausländer äthiopischer Herkunft“. Sie haben nun das Recht zu arbeiten und können ihre Kinder legal in die Schule schicken. Aber die Lage ist angespannt wegen der politischen Probleme des Landes, das zu zerfallen droht. Im Laufe der Jahre haben sich auch einige europäische Rastafari in Äthiopien niedergelassen, was das Image der Bewegung als afroamerikanische Befreiungsbewegung in Afrika zusätzlich kompliziert.

Kenia als gelobtes Land?

Von Äthiopien aus kamen vor einigen Jahrzehnten auch die ersten Rastafaris nach Kenia. Vor zwei Jahren haben die Rastafari-Anhänger dort offiziell den Status einer Religion zugesprochen bekommen. Mathenge Mukundi, ein praktizierender Rastafari und Rechtsanwalt, gilt als eines der prominentesten Mitglieder der Rasta Community in Kenia.

Das wegweisende Urteil von Richter Chacha Mwita vor zwei Jahren, dass Rastafarianismus eine Religion ist, war ein Verdienst von Mathenge Mukundi. Damals erstritt er die Anerkennung, weil einem Kind der Zugang zur Schule verweigert worden war, weil es lange Dreadlocks hatte. „Rastalocken gehören zum Bekenntnis ihres Glaubens, und es wäre falsch, sie zu einer Rasur zu zwingen, die gegen ihre Religion verstößt“, urteilte Richter Mwita. Jetzt kämpft Mukundi in Kenia vor Gericht um die Legalisierung von Marihuana.

Marihuana bräuchten die Rastafaris um mit „Jah“, ihrem Gott, Kontakt aufzunehmen. Deshalb gehöre dies zur Religionsfreiheit. Sollten sie Recht bekommen, könnte Kenia das neue „Gelobte Land“ der Rastafaris werden.

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