Das Göttliche hinter den Noten

Zeugen des Alltags: Cellist Helmut Krack hat durch die Musik zum Glauben gefunden Von Gerd Felder
Foto: Felder | Engagiert: Cellist Helmut Krack.

Münster (DT) Er ist eher zurückhaltend, fast scheu, aber Cellist Helmut Krack spricht dennoch offen über das Schlüsselerlebnis, das ihn zum katholischen Glauben gebracht hat. „Es passierte in Münsters Stadtpfarrkirche St. Lamberti, als ich dort die wunderbaren Kirchenfenster betrachtete“, erzählt er. „Auf einmal hat mich etwas unmittelbar berührt, eine Musik aus dem Nirgendwo, und ich hatte das Gefühl, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.“ Der pflichtbewusste Musiker, ein Hüne von Gestalt und nicht zu Sentimentalitäten neigend, ist fest überzeugt: Sein Kontakt zu Gott wurde durch die Musik geknüpft. Nach seinem außergewöhnlichen Erlebnis konvertierte er 1987 von der evangelischen zur katholischen Kirche und hat das bis heute nie bereut.

Geboren wurde Krack 1950 in Augsburg, doch noch als er Kind war, wanderte seine Familie nach Kanada aus und ließ sich in dem Ort St. John (Provinz New Brunswick) nieder. „Mein Vater hat den Osten Kanadas musikalisch erst richtig aufgebaut und dort Musikschulen und Orchester gegründet“, erläutert er. „Er war ein Naturtalent und spielte mehrere Instrumente wie Klavier, Klarinette und Trompete.“ Besonders gläubig war seine Familie nicht, wie Krack einräumt. Allerdings konnte seine evangelische Mutter ihn dazu bewegen, sich konfirmieren zu lassen – mit dem Argument: „Das ist das einzige Mal, wo du den lieben Gott kennenlernst.“ „Ich selbst habe gemerkt, dass da etwas ist, was mir Zuversicht gibt, aber das nicht wirklich verstanden“, räumt der Cellist ein. Bei Musikwettbewerben in Kanada gewann der kleine Helmut, der schon mit acht Jahren mit dem Cello-Spielen begonnen hatte, etliche erste Preise. 1963 kehrte die Familie nach Deutschland zurück, und er besuchte die Realschule in Göttingen, wo er 1965 auch die Mittlere Reife ablegte. Statt weiter die Schule zu besuchen und zu studieren, entschied er sich für die Musik – und studierte für drei Semester an der Musikhochschule in Hannover, anschließend sechs Jahre bei dem berühmten spanischen Cello-Virtuosen André Navarra in Detmold.

Die erste Frau hatte für seine Bibellektüre keinen Sinn

Sein erstes Orchester-Engagement bekam Krack bei einem Kammerorchester in Heilbronn, aber das Repertoire des reinen Konzertorchesters war sehr klein, „und ich kam um vor Langeweile“. Zwei Jahre bei den Nürnberger Symphonikern schlossen sich an, bei denen Krack auch die Gelegenheit geboten wurde, als Aushilfe beim Städtischen Orchester Oper zu spielen. Danach bewarb er sich auf zehn verschiedene Stellen und überzeugte gleich beim ersten Vorspiel kurz vor Weihnachten 1976 den damaligen Generalmusikdirektor der Stadt Münster, Alfred Walter, so sehr, dass er als erster Solo-Cellist beim dortigen Städtischen Orchester engagiert wurde. „Ich fühle mich in Münster bis heute sehr wohl und bin deshalb in dieser wunderschönen Stadt geblieben“, erklärt er schmunzelnd. „Die Kollegen hier waren stets sehr nett, und ich habe nie nach anderen Städten Ausschau gehalten.“

Als der Musiker im Laufe der Zeit immer mehr die Bibel für sich entdeckte, stieß das bei seiner damaligen Frau, einer orthodoxen Christin, auf wenig Verständnis. Dann lernte er seine heutige Frau Monika, eine überzeugte Katholikin, kennen und hatte nicht viel später das eingangs beschriebene Schlüsselerlebnis. Krack trat zum Katholizismus über, trennte sich von seiner ersten Frau, mit der er nur standesamtlich verheiratet war, und heiratete erneut, diesmal auch kirchlich. Nach 38 Jahren beim Städtischen Orchester Münster ging er 2014 in den Ruhestand. Die besondere Liebe zur Oper hat er sich in dieser ganzen Zeit erhalten und schwärmt nach wie vor von den großen Aufführungen der Werke Richard Wagners (wie „Der Ring des Nibelungen“ und „Tristan und Isolde“) unter dem früheren Generalmusikdirektor Will Humburg. „Wenn ich musiziere, überkommt es mich einfach, und ich spüre das Wesen der Musik, das Göttliche, das in ihr steckt“, versucht er seine Gefühle zu beschreiben. „Alfred Walter, mein erster GMD in Münster, sah das ähnlich, aber bei vielen anderen Musikern, auch berühmten Solisten, stieß ich damit auf taube Ohren.“

Da Krack direkt neben Münsters Erpho-Kirche wohnt, ergab sich irgendwann der Kontakt zur Gemeinde, und der Cellist wurde gefragt, ob er an Weihnachten oder Ostern dort spielen könne. Seit er im Ruhestand ist, sind seine Auftritte in der Erpho-, Pius- und Mauritz-Kirche, die alle zur Großpfarrei St. Mauritz gehören, häufiger geworden, und er spielt auch bei Ausstellungen und zusammen mit den Organisten. Als er vor ein paar Jahren einen schweren Fahrradunfall hatte und dabei ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt („Ich hatte auf einmal alles verlernt“), hat er sich oft gefragt, warum er damals nicht gestorben ist. Die Antwort liegt für ihn mittlerweile auf der Hand, denn inzwischen ist seine Frau schwer an Krebs erkrankt, hat ein ganzes Jahr im Krankenhaus verbracht und ist jetzt weitgehend ans Bett gefesselt. Unterstützt durch einen ambulanten Pflegedienst, kümmert Krack sich um alle alltäglichen Belange, ist für sie da, wo er nur kann, und organisiert den Haushalt. „Meine Schwiegermutter sagt: ,Pflegedienst ist Glaubenssache?“, erzählt der vorbildliche Ehemann, für den das eher selbstverständlich ist. „Ich mache das sehr gerne und denke gar nicht darüber nach.“

Die Zeiten, in denen er jeden Tag mit seiner Frau Monika, der zweiten Solocellistin des Städtischen Orchesters Münster, zusammen musizieren konnte, sind erst einmal vorbei, aber wenn er nicht mehr weiter weiß und niedergeschlagen ist, setzt Helmut Krack sich an sein geliebtes Cello, fängt an zu spielen – und alles ist wieder klar. „Letztlich geht es mir doch wunderbar“, meint er voller Zuversicht zum Abschied.

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