Bollwerke gegen die Barbarei

Jesuitische Missionsstationen brachten das Christentum nach Südamerika und schützten die Indios vor Sklaverei. Von Andreas Drouve
Foto: KNA | San Ignacio Miní, eine der vom Weltkulturerbe anerkannten Jesuiten-Reduktionen in Argentinien. Im Bild ein Detail der Kirche im Guaraní-Barock.
Foto: KNA | San Ignacio Miní, eine der vom Weltkulturerbe anerkannten Jesuiten-Reduktionen in Argentinien. Im Bild ein Detail der Kirche im Guaraní-Barock.

Ein Jesuit aus Südamerika – Heimat und Werdegang des neuen Papstes Franziskus werfen nunmehr ein ganz besonderes Licht auf ein Stück Vergangenheit, das Besucher in entlegeneren Landesteilen von Argentinien, Paraguay und Brasilien fasziniert. Ebendort begannen die Jesuiten-Patres zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein umfassendes Missionswerk. Es war ihr heiliges Experiment, die vielfach titulierten „Wilden der Neuen Welt“ in Südamerika zu bekehren. Dahinter stand die Ausgangsidee, verstreut lebende Guaraní-Indios in Siedlungen zusammenzuführen, an ein Leben in christlicher Gemeinschaft zu gewöhnen und natürlich alte Weltanschauungen durch den neu eingeführten Christenglauben zu ersetzen. Reducciones, portugiesisch: Reduçoes, so hießen die Dörfer, die sie für sich und ihre Schutzbefohlenen inmitten einstmals unberührter Urwald- und Flussgebiete gründeten, wo einzig das Boot als Transportmittel diente. Innerhalb weniger Jahrzehnte bauten die Jesuiten in der Nachfolge ihres Gründers Ignatius von Loyola im heutigen Drei-Länder-Raum von Argentinien, Paraguay und Brasilien eine regelrechte Missionsrepublik auf. Ihr Netz umfasste über dreißig Dörfer mit etwa 100 000 Guaraníes; die gewagtesten Schätzungen führen bis zu 200 000 an. Die Anfänge waren alles andere als einfach. Die Eingeborenen, oft genug in blutigen Stammesfehden erprobt, galten als kriegerisch. Einige Missionare, die bei ersten Begegnungen mit Musik und Geschenken Vertrauen zu schaffen suchten, bezahlten die Kontakte mit ihrem Leben.

Meister der Schnitzerei und Steinmetzkunst

Die Grundstruktur in den Jesuitenmissionen war stets die gleiche, geknüpft an wirtschaftliche Autarkie und eine Art demokratische Selbstverwaltung. Außer den Ordensmännern, die die Sprache der Guaraníes erlernten, gab es den von den Indios gestellten Gemeindevorsteher und die Mitglieder des Gemeinderats. Hand in Hand und mit wechselseitigem Know-how gelang es, Häuser und Kirchen zu bauen, Ländereien urbar zu machen, Obst und Gemüse zu pflanzen, Tiere zu halten. Rund um den weiten Zentralplatz eines Dorfes gruppierten sich die Eckpfeiler des Lebens: das Gotteshaus, die Schule und die Werkstätten, in denen manche Indios zu regelrechten Meistern der Malerei, der Steinmetzkunst und Schnitzerei erwuchsen.

Dies wiederum kam den Kirchen zugute, die im Barockstil oft reich ornamentiert und mit Skulpturen ausgeschmückt wurden. Tanz, Musik und Theater brachten Abwechslung in den Alltag. Über das friedliche Zusammenleben hinaus galt es, für die Verteidigung von Leib und Leben gerüstet zu sein. Die Missionsstationen waren bewehrt und standen in steter Alarmbereitschaft, die Patres brachten ihren Schützlingen zwangsweise den Gebrauch von Feuerwaffen bei. Sklavenjäger! Sie bedeuteten tödliche Gefahr.

Aus Furcht vor Gefangennahmen, Landraub, Vergewaltigungen und Plünderungen wurde viele Siedlungen mehrfach verlegt, immer tiefer in den Dschungel hinein. Die Reducciones erwuchsen zu christlichen Bollwerken gegen die Barbarei und erfüllten als Bekehrungs- und gleichzeitig Schutzdörfer eine Doppelfunktion. In diesem Zusammenhang sei an den weltberühmten Film „Mission“ erinnert, ein Meisterwerk aus den achtziger Jahren mit dem späteren Oscar-Preisträger Jeremy Irons in der Titelrolle. Trotz der Standortwechsel und der Gegenwehr gegen skrupellose Eindringlinge war den Reducciones kein ewiges Leben beschieden.

Den weltlichen Kolonialherrn erschienen die Jesuiten auf Dauer zu mächtig, zu einflussreich. Die Missionen mit ihren eigenen Ländereien, ihrer Wirtschafts- und Arbeitskraft forderten den Argwohn heraus, immer stärker sah man sie als Hindernis für koloniale Unternehmungen an. Spaniens Krone fürchtete um ihre Macht und potenzielle Untertanen, genährt durch Gerüchte.

Da war von einer „Verschwörung der Jesuiten“ und einem „unabhängigen Staat in Südamerikas Urwäldern“ die Rede. 1767 verfügte König Karl III. die offizielle Vertreibung der Jesuiten aus Spanien und den Herrschaftsgebieten in Übersee. Dagegen gab es kein Mittel. Die Reducciones lösten sich allmählich auf, militärische Truppen wüteten auf der Suche nach Schätzen. Was nicht in Brand gesteckt wurde, verfiel. Allmählich versanken die Siedlungen im Grün des Dschungels. Und die Indios?

Sie wurden offiziell den Behörden unterstellt. Manche flüchteten in die Wälder, andere ergaben sich willenlos ihrem Schicksal, verloren Teile ihrer Identität, vermischten sich im Laufe der Zeit mit Spaniern, mit anderen Mischlingen. Neubesiedlungsversuche einzelner Reducciones scheiterten.

Verfallen und doch nicht vergessen

In Argentinien erinnert der Name der nördlichen, gut 30 000 km? großen Provinz Misiones an die historischen Missionsstationen. In den Landstrichen entblättert sich tropisches Grün, das sich dank recht hoher Niederschläge in allen Facetten zeigt. Allerdings sind die vormals dichten Dschungelgebiete mittlerweile weitflächig abgelöst worden: von Plantagen mit Yerba mate (Basis für den Mate-Tee, das argentinische Nationalgetränk), Tabak, Zuckerrohr, Mais und Zitrusfrüchten, von Melonenfeldern und Mangobäumen sowie aufgeforsteten Pinien- und Eukalyptushainen.

Zum Glück sind die alten Missionsstätten in Misiones und andernorts nicht für immer in der Versenkung des Urwalds verschwunden und in Vergessenheit geraten. Exemplarisch sind Dörfer wieder freigelegt und zum Teil restauriert worden. Heute stehen sie für einen bedeutenden touristischen Wirtschaftsfaktor, der das Erleben über den Besuch der weltberühmten Wasserfälle von Iguazú hinaus bereichert.

Über die Landesgrenzen hinweg hat die UNESCO einige Missionsdörfer mit dem Prädikat des Weltkulturerbes geadelt: Sao Miguel das Missoes in Brasilien; Santísima Trinidad und Jesús de Tavarangue in Paraguay; San Ignacio Miní, Nuestra Senora de Loreto, Santa Ana und Santa María la Mayor in Argentinien.

Fernab der religiösen Entwicklung von einst beleben sich die Dorfanlagen unter den Schritten von Besuchern und vereinzelten Multimedia-Shows in den Ruinen heute aufs Neue.

So wie in San Ignacio Miní, etwa fünfzig Kilometer nordöstlich der Stadt Posadas gelegen und mit einer Geschichte, die ins Jahr 1610 zurückreicht. Zeitweise lebten in dieser Reducción über 3 000 Indios, heute heißt es abends um neunzehn Uhr im Ruinenareal „Luz y sonido“, „Licht und Ton“ - eine plastische, beeindruckende Reise zurück in die Zeit.

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