Bittere Seiten des „Honigkrauts“

Entwicklungsorganisationen kritisieren Biopiraterie im Fall des Süßungsmittels Stevia. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Stevia, einst entdeckt von den Guarani.
Foto: dpa | Stevia, einst entdeckt von den Guarani.

Märchenhafte Eigenschaften werden dieser Pflanze zugeschrieben und nicht weniger verheißungsvoll klingen ihre Namen: Süßkraut, Süßblatt, Honigkraut oder, offiziell, „Stevia rebaudiana Bertoni“. Ihre Wurzeln liegen in Südamerika, in Paraguay und Brasilien, Dreißig Mal süßer als Zucker sind ihre Blätter, trotzdem haben sie praktisch keine Kalorien. Und sie fördern weder Diabetes noch Karies.

Seit die Europäische Union sie 2011 als Lebensmittel-Zusatzstoff mit der Nummer E960 zugelassen hat, steckt die aus Stevia gewonnene Substanz Steviolglykosid in immer mehr Frühstücksflocken, Tees, aber auch in kalorienarmen Varianten von Coca- und Pepsi-Cola. Softdrinks, Schokolade, Bonbons – ständig kommen neue mit Stevia gesüßte Produkte auf den Markt. Grundlage sind Moleküle im Blatt der Stevia-Pflanze, die in einem chemisch aufwändigen Prozess extrahiert und aufbereitet werden. Die Beratungsfirma Industry Arc schätzt den Umsatz von Stevia und von Produkten, die mit Stevia gesüßt sind, weltweit auf acht bis elf Milliarden Dollar in diesem Jahr und erwartet, dass Stevia künftig dreißig Prozent des Süßstoffmarktes einnehmen könnte.

Was für Aussichten für die Lebensmittelindustrie, mit Stevia Gewinne zu erzielen! Und was für Aussichten für das südamerikanische Volk der Guarani, an diesem Erfolg teilzuhaben und heraus aus Not und Elend zu kommen! Denn sie, die Guarani, haben diese Pflanze, die sie Ka-á He-é nennen, entdeckt. Seit mindestens 1 500 Jahren nutzen die Guarani wild wachsende Ka-á He-é – zum Süßen ihres Mate-Tees, aber auch zum Heilen von Beschwerden. Doch während sich die Süßstoff-Multis für den Stevia-Boom rüsten und dabei viel Geld erwirtschaften, fehlt bis jetzt eine verbindliche Vereinbarung für eine Entschädigung der Guarani. Bereits 1992 unterzeichneten 193 Staaten eine Biodiversitätskonvention (Ausnahme: Vereinigte Staaten, Nordkorea, Vatikan). Sie verpflichteten sich dazu, dass die Industrie, die von Tieren, Pflanzen und traditionellem Wissen von Ureinwohnern profitiert, einen Teil davon zurückzahlt. Tun sie dies nicht, begehen sie „Biopiraterie“.

Biopiraterie zu Lasten der Guarani prangert ein Bericht an, den mehrere Organisationen, darunter Misereor und das Schweizer Hilfswerk „Erklärung von Bern“ vor kurzem veröffentlicht haben. Neben der Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen verweisen sie auf das Nagoya-Protokoll gegen Biopiraterie von 2014, das Träger traditionellen Wissens berechtigt, über die Verwendung dieses Wissens mitzubestimmen und am Profit beteiligt zu werden, wenn es kommerziell genutzt wird.

Doch bislang haben erst 92 Staaten das Nagoya-Protokoll ratifiziert. Die Vereinigten Staaten, wo etwa Coca Cola seinen Sitz hat, gehören nicht dazu. Und die Europäische Union argumentiert, das Protokoll gelte nur für traditionelles Wissen, das nach dem Inkrafttreten des Nagoya-Protokolls in der Europäischen Union genutzt werde. Da war es schon lange her, dass dem Botaniker Moises Santiago Bertoni Stevia aus dem Schweizer Tessin die Stevia an den Sumpfrändern Ost-Paraguays aufgefallen war. Guarani hatten dem Wissenschaftler schon 1887 von der süßen Kraft der Pflanze erzählt.

In milden Gegenden Englands wurde ab 1941 Stevia angebaut, um die Zuckerknappheit während des Kriegs zu lindern. In den achtziger Jahren versuchten Drogisten in der Schweiz, Stevia bekannt zu machen, ohne großen Erfolg. Anders in Asien: 1971 ließ ein japanisches Unternehmen 500 000 Pflanzen in Südamerika ausgraben und nach Japan bringen. Seither wird Stevia in Japan gezüchtet und verarbeitet. 2012 entfielen achtzig Prozent des weltweiten Anbaus auf China, nur fünf Prozent auf Brasilien und Paraguay, die Heimat der Guarani.

Misereor fordert die Regierungen Brasiliens und Paraguays auf, dafür zu sorgen, „dass der Anbau von Stevia-Pflanzen die Kleinbauern und die Entwicklung des ländlichen Raums unterstützt“. Außerdem müssten beide Staaten das Nagoya-Protokoll auf nationaler Ebene implementieren. Denn bislang haben Paraguay und Brasilien das Nagoya-Protokoll nicht einmal ratifiziert. Die Nutzer und Hersteller von Steviolglykosiden wie Coca Cola oder Cargill müssten in Verhandlungen mit den Guarani treten und deren Ansprüche anerkennen. Die vielfach unzulängliche Umsetzung des Nagoya-Protokolls in nationale Gesetzgebungen dürfe keine Ausrede sein. So sehe die brasilianische Gesetzgebung deutlich vor, dass der Anspruch der Guarani rückwirkend und selbst dann gelte, wenn die Pflanze außerhalb der Landesgrenzen angebaut wird.

Was die Guarani betrifft, leben sie in erbärmlichen Umständen: Die Selbstmordrate unter ihnen ist die höchste der Welt; Waldrodung und Landvertreibungen haben dafür gesorgt, dass die Guarani, die Stevia über Jahrhunderte genutzt haben, nur noch einen kleinen Teil ihrer Territorien besitzen. Ihr Ernährungssystem, das einst auf Jagd, Fischerei und Sammeln basierte, ist kleinbäuerlichem Anbau und der Lohnarbeit auf Viehranches gewichen. Heute leben sie in winzigen, überfüllten Reservaten, umringt von Zuckerrohrplantagen und Weideflächen. Viele von ihnen besitzen kein Land mehr und leben in Zelten am Straßenrand. Dass sie das traditionelle Wissen um die Nutzung von Stevia weithin verloren haben, wundert nicht.

Aber wenn es nach Unternehmen wie Cargill geht, wäre der Anbau von Stevia bald völlig unnötig. Statt ihn aus Blättern der Pflanze zu gewinnen, will der amerikanische Konzern den Stevia-Süßstoff künftig künstlich produzieren. Misereor befürchtet einen „Wettlauf zur Patentierung“ entsprechender Methoden. Das könnte die Guarani endgültig enteignen und die Profite weiter steigern. Ohnehin haben die Guarani bereits jetzt gegenüber den Konzernen das Nachsehen: Während die Konzerne ihre industriellen Stevia-Produkte in Amerika und Europa frei verkaufen dürften, ist es verboten, die naturbelassenen und seit Jahrhunderten verzehrten Stevia-Blätter einzuführen: Ihnen fehle die Zulassung als „neues Lebensmittel“. Es bestehe wenig kommerzielles Interesse, die teuren Zulassungsverfahren zu durchlaufen, heißt es bei Misereor.

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