Jellinge/Dänemark

Zeugen der Christianisierung

Dänemark: Die Runensteine von Jellinge symbolisieren die Einheit von Kirche und Staat.

Runensteine von Jellinge
Auf einem der Runensteine im dänischen Jellinge berichtet König Harald von der Christianisierung der Dänen im zehnten Jahrhundert.

Der Wikinger Harald Blauzahn gilt als erster christlicher König Nordeuropas. Sein Gedenktag ist der 1. November. Harald und seine Sippe waren „Netzwerker“. Sie vereinten weite Teile Skandinaviens und Englands zur Großmacht Dänemark. Ihre Kompetenz hat den schwedischen Ericsson Konzern dazu inspiriert, neu entwickelten Standards für Datenübertragung den Namen „Bluetooth“ zu geben. Das Logo der Firma setzt sich aus den Anfangsbuchstaben H (Rune Hagalaz) und B (Rune Berkano) zusammen.

Taufurkunde in Runensteinen

In dem kleinen Ort Jellinge an der Ostküste Jütlands befindet sich Dänemarks Geburts- und Taufurkunde in zwei Runensteine geritzt. Harald Blauzahns Vater, der Wikingerkönig Gorm, ließ in Jellinge eine Siedlung errichten und zwei große Grabhügel aufschichten. Zwischen ihnen steht der Runenstein, auf dem um 950 zum ersten Mal in der Geschichte der Name Dänemarks erscheint.

Runen zu ritzen oder aus dem Stein zu meißeln, kostet viel Zeit und Mühe. Deshalb sind die Inschriften kurz und manchmal kryptisch wie SMS-Botschaften. Gorms Runenstein steht hinter dickem Panzerglas auf dem Friedhof von Jellinge. Wahrscheinlich entspricht diese Sicherungsmaßnahme einer Vorschrift der UNESCO für die Bewahrung des kulturellen Welterbes.

Holländische Wikinger

Mit dänischen Schulkindern und zwei holländischen Wikingern stehen wir vor dem Panzerglas. Hans und Henrijke verbringen ihren Sommerurlaub im Ribe Vikinge Center. Sie näht Frauenkleider aus selbstgewebten Stoffen nach Wikingerart, er kämpft während der Woche mit dem kurzen Wikingerschwert. Wenn sie keine Ferien haben, arbeiten beide als Hausmeister und Ergotherapeutin an einer Schule für junge Menschen mit hohem Förderbedarf in Enschede.

Hans ist ein drahtiger Bursche mit tätowierten Armen und einigen Runen am Hals. In seinem selbstgefertigten Ledergürtel stecken ein Messer und eine kleine Doppelaxt. Die trägt er in der Schule nicht. Aber alle Schüler wissen natürlich, dass ihr Hausmeister ein Wikinger ist. Die dänischen Schüler nehmen von den holländischen Wikingern keine Notiz. Sie hören konzentriert den Ausführungen ihrer Lehrerin zu. Jellinge ist für sie Heimatkunde.

Der Zahn der Zeit

Der Zahn der Zeit hat Gorms Liebeserklärung für die englische Königstochter Thyra unlesbar gemacht. Aber jeder Besucher von Jellinge weiß natürlich, was auf dem Stein steht, und weiß er es nicht, kann er auf der Schautafel lesen: „König Gorm errichtete dieses Denkmal für Thyra, seine Frau, die Zierde Dänemarks.“ „Danmarks bod“ wird Thyra genannt, „Dänemarks Schönheit“ oder „Dänemarks Schmuck“.

Weil auf Gorms Runenstein zum ersten Mal der Name Dänemarks erscheint, wird dieser kleine Jellinge-Stein auch als Geburtsurkunde des dänischen Volkes bezeichnet. Gorm war noch kein christlicher König über Dänemark. So legte er den Dom von Schleswig in Schutt und Asche. Wo er nur konnte, begann er die Missionare „ohne Gnade auszutilgen“, wie Saxo Grammaticus schreibt.

Ein zweiter, größerer Stein wurde von Gorms Sohn Harald Blaatand aufgestellt. Haralds Runenstein wird als Taufurkunde Dänemarks („Danmarks daabsattest“) bezeichnet. Denn hier wird erstmals die Christianisierung Dänemarks erwähnt: „König Harald befahl, diesen Stein zu errichten zum Gedenken an Gorm, seinen Vater, und an Thyra, seine Mutter. Der Harald, der sich ganz Dänemark und Norwegen unterwarf und die Dänen zu Christen machte.“

Christianisierung Dänemarks

Nach zahlreichen vergeblichen Versuchen in früheren Zeiten vollzog sich die Christianisierung Dänemarks zwischen 970 und 1030. Mit Harald trat seine Leibgarde zum Christentum über, nachdem der Missionar Poppo eine Mutprobe bestanden hatte. Das sogenannte Poppowunder erzählt von einem glühenden Eisen, das Poppo ohne sich zu verbrennen in die Hand nahm. Das war Beweis genug, dass die alten Sippenverbände keinen Fehler begingen, wenn sie das heiße Eisen des neuen Königtums unter Harald anfassen und ihre alten Sippenverbände weitgehend zugunsten der Monarchie aufgaben.

Poppo war nicht der erste Missionar in Dänemark. Im Jahr 823 begann der spätere Bischof von Hildesheim, Ebo von Reims, mit den ersten Missionsversuchen. Ansgar von Bremen folgte Ebo als Missionar des Nordens. Erst mit der Taufe Harald Blauzahns entwickelte sich in Dänemark ein Staatschristentum. Es überdauerte die Reformation.

Noch heute werden Bischöfe von der Königin ernannt und noch immer muss die Königin Mitglied der seit der Reformation evangelischen Staatskirche sein. Die beiden Steine von Jellinge symbolisieren die ungebrochene Einheit von Kirche und Staat und ihre Wehrbereitschaft auch in Zeiten neuer Migrationen. In ihr lebt die Idee des Reichschristentums fort. Sie findet auch Ausdruck in einem Pastorenstand, dessen Sold weitgehend vom Staat getragen wird.

Christus-Darstellung im Pass

Auf einer Seite des Steines befindet sich eine Christusdarstellung. Der Sohn Gottes bildet mit den ausgebreiteten Armen ein Kreuz. Sein Leib ist umgeben von dem unendlichen Band des Lebens, einem kunstvoll geflochtenen Ornament, das an irische Buchmalereien erinnert. Seit 1995 schmückt diese Christusdarstellung jeden dänischen Pass. Eindeutiger kann ein Land die Verbindung von Nation und Christentum nicht demonstrieren. Wikinger sind deshalb für einige Dänen mehr als nur eine Touristenattraktion. Sie sind Ausdruck einer nationalen Identität.

Man gibt den Kindern wieder die alten Namen, übt sich im Handwerk des frühen Mittelalters und liest die alten Sagen, die Saxo Grammaticus aufgezeichnet hat. Der Eintritt zu dieser nationalen Gedenkstätte ist frei. Das ist nicht selbstverständlich in diesem Land, hat aber seinen Grund: Alle Dänen gehören irgendwie zur Familie der Jellinge-Könige, dem ältesten Königtum der Welt.

Im Erdgeschoß des Museums von Jellinge befindet sich Gorms Herrscherthron mit seinen drei stilisierten Drachenköpfen als Rückenlehne. In dem nächsten Raum setzen weiße Zeichnungen auf schwarzem Hintergrund die Herrschaft der Wikinger über Land und Meer ins Bild. Wer will, kann interaktiv an ihren Kämpfen teilnehmen. Ich möchte es nicht. An einem Bildnis der stolzen Thrya mit ihren beiden Wolfshunden taste ich mich vorbei an schwach beleuchteten Vitrinen durch das Halbdunkel ins Licht des Weltuntergangs: „Komm' mit auf die Reise nach Walhall!“

Ein Gang in Flammen

Eine apokalyptische Inszenierung, ein Gang in die Flammen, wird hier als Teilhabe am Erbe der Väter und Mütter angeboten. Ich schreite auf einer virtuellen Feuerbahn. Jeder Schritt taucht mich tiefer in eine Glut, deren Hitze ich nicht spüre und deren Flammen mich nicht verbrennen. Am Ende der Feuerbahn erlischt mein Bild in der Spiegelwand. Ich trete für andere Besucher zur Seite. Denn viele wollen für einen Augenblick ins Fegefeuer, das nicht brennt, getaucht werden.

Alle Gänge nach Walhall sind nur Vorspiel des großen Weltunterganges. Für den Nordmann ist er im Plan der Welt enthalten, unausweichlich und unabwendbar. Bis zum Jahr 2100 soll der Meeresspiegel um ein bis zwei Meter gestiegen sein, auch wenn die Klimaziele von Paris eingehalten werden. Wie lange wird es noch Dänemark geben? Die Dänen gehen auch mit dieser Frage recht „hygge“ oder entspannt um. Der steigende Meeresspiegel bildet für ein Volk von Seefahrern keinen Schrecken. Zunächst werden größere und noch schnellere Schiffe gebaut. Dänen beherrschen diese Kunst der Wikinger bis auf den heutigen Tag, wie die Reederei Maersk durch den Bau neuer Schiffstypen beweist.

Einen Ursprungsort wie Jellinge haben wir in Deutschland nicht, und die meisten Deutschen wollen ihn auch nicht haben. Dänische Schulklassen fahren nach Jellinge, deutsche Schüler werden von ihren Klassen- oder Kurslehrern nach Bergen-Belsen oder zum Holocaust-Memorial nach Berlin transportiert. Auch dort liegen Ursprungsorte. Dänische Kinder lieben ihre Volkslieder und singen sie auch in der Familie gerne, deutsche Kinder stehen sprachlos vor dem Erbe.

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