„Wir haben auch Spaß“

Erstmals eine Behindertengruppe beim Kölner Rosenmontagszug

Köln (DT/KNA) Bernd Steiner ist heute der erste Bewohner der Behinderteneinrichtung, der sich zur mehrtägigen Vorbereitung des Rosenmontagszuges aufmacht. In kunterbuntem Clownskostüm geht er, etwas gebeugt, durch die hellen Flure zum Konferenzraum des Städtischen Behindertenzentrums „Dr. Dormagen Guffanti“ in Köln-Longerich. Dort warten 850 Kilo Süßigkeiten darauf, in handliche Tüten umgepackt zu werden. Sie sind praktischer als Kartons, wenn „Kamelle“ unter das närrische Volk gebracht werden sollen. Kölsche Tön schallen Steiner entgegen: „Der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin“ spielt der CD-Player. Für ihn sei Karneval Musik, erzählt Steiner. Die Bläck Fööss mag er am liebsten, vor allem ihr „Mer losse d'r Dom in Kölle“.

Munter zieht er zusammen mit Gruppenleiter Wolfgang Enaux eine Runde nach der anderen entlang der offenen Kartons und stellt Mischungen aus Schokolade, Pralinen und Kaubonbons zusammen. Steiner ist ein Auserwählter: Er darf in diesem Jahr beim Karnevalszug in der Domstadt mitgehen. Der gebürtige Kölner und zwölf seiner Mitbewohner bilden in der 176-jährigen Zugtradition die erste Gruppe behinderter Menschen, die offiziell teilnehmen wird. „Das Ganze ist eine unglaubliche Geschichte für uns“, erzählt Heimleiterin Margarethe Wrzosek. Im Behindertenzentrum leben 48 Menschen, die sowohl körperlich als auch geistig oder psychisch behindert sind. Die meisten stammen aus Kölner Familien. Karneval zu feiern, gehört für sie seit jeher dazu.

Die Reaktionen waren durchgehend positiv

Seit Jahren stellt das Haus schon eine Gruppe im Veedelszug des Stadtteils Longerich. Anfangs war man skeptisch, welche Reaktionen die mehrfach behinderten Zugteilnehmer bei den Zuschauern auslösen würden. „Aber die waren durchgehend nur positiv“, erzählt Sozialpädagogin Angela Balzer. „Es gab immer Applaus und viel Anteilnahme.“ Den Bewohnern machte das soviel Spaß, dass sie auch einmal am großen Rosenmontagszug teilnehmen wollten. Utopisch, dachten sich die Verantwortlichen zuerst.

Ohne große Hoffnung auf Erfolg rief Angela Balzer im November Zugleiter Christoph Kuckelkorn an und stellte ihm die Karnevalsfreunde mit Handicap vor. „Kuckelkorn ist ein sehr offener und sozial engagierter Mensch, er war sofort interessiert“, erzählt Wrzosek. Der Zugleiter lud die Gruppe ein und organisierte Kapelle, Bagagewagen und Kostüme für die behinderten Menschen und ihre 25 Begleitpersonen. Trotz dieser Erleichterung bleibt für das Behindertenzentrum noch jede Menge logistischer Arbeit, bis die behinderten Karnevalisten in Rollstühlen durch die Straßen der Domstadt ziehen können. Jedem Bewohner stehen am Rosenmontag zwei Betreuer zur Seite, für alle medizinischen Eventualitäten begleiten zwei Ärzte die Gruppe.

Ein Weg, die Berührungsängste Nichtbehinderter abzubauen

Und der Zug hat strenge Regeln: Allein die Finanzierung der vorgeschriebenen Menge Wurfmaterial, das alle Zugteilnehmenden aus eigener Tasche zahlen, stellte die Verantwortlichen vor Probleme. 4 000 bis 5 000 Euro müssen sie aufbringen, wobei ein Förderverein und die Sozial-Betriebe-Köln aushalfen. „Das ist ja im wahrsten Sinne rausgeworfenes Geld, von daher ist das schwierig“, sagt Wrzosek. Andererseits sieht die Heimleiterin im Rosenmontagszug einen guten Weg, Berührungsängste Nichtbehinderter abzubauen und um mehr Akzeptanz zu werben. „Es ist mühsam, in der Gesellschaft eine gleichwertige Position für Menschen mit einer so schweren Behinderung zu erkämpfen“, berichtet sie. Oft würden die Bewohner im Alltag abgestempelt und von Angeboten ausgeschlossen. Das nage am Selbstbewusstsein. „Jetzt aber können wir zeigen: Wir haben auch Spaß und wir sind auch Kölner!“