Wege aus der Pornosucht

Pornografie ist eines der unterschätzten Probleme der Zeit. Es geht nicht nur um „schmuddelige“ Bilder, sondern um die Freiheit des Menschen. Dem Kampf darum nehmen sich Vereine wie „free!indeed“ an. Von Felix Honekamp

Jugendlicher mit Smartphone
Über das Smartphone selbst in Kinderzimmern verfügbar: Pornografie. Foto: dpa
Jugendlicher mit Smartphone
Über das Smartphone selbst in Kinderzimmern verfügbar: Pornografie. Foto: dpa

Es ist wie mit dem Lesen der BILD-Zeitung oder dem Anschauen der x-ten Staffel von Big Brother: Die Auflagen und Quoten sind gut, obwohl es nach eigenen Angaben niemand tut. Damit ist auch schon ein wesentlicher Problempunkt des Themas umrissen: Die Scham, etwas zu tun, was tatsächlich – aller Freizügigkeit zum Trotz – als schmuddelig gilt. Die Rede ist von Pornografie: Die Anrüchigkeit ist unter Erwachsenen meist unstrittig, unter Eheleuten wird der Konsum gemeinhin dem Fremdgehen gleichgestellt und selbst Konsumenten glauben nicht, dass das, was sich gegenüber der Kameralinse abspielt, tatsächlich der Realität entspricht.

Und trotzdem sind die Statistiken eindeutig: Gut 25 Prozent aller Anfragen in Suchmaschinen sind pornografiebezogen (circa 68 Millionen pro Tag). In Deutschland gelten 12,4 Prozent aller Internetklicks entsprechenden Seiten. Dabei beträgt deren Anteil etwa 35 Prozent des Webs; es existieren rund 400 Millionen entsprechender Webseiten. Das Problem ist auch in christlichen Kreisen virulent: Statistiken weisen circa 68 Prozent der sich selbst als christlich bezeichnenden Männer als regelmäßige Konsumenten von Pornografie aus. Wer sich mit Jugendseelsorgern austauscht, bekommt dazu noch ein dramatischeres Bild der Lage. Es gibt kaum noch Jugendliche, die keinen Kontakt zu Pornografie haben. Dabei greift die ständige und meist kostenfreie Verfügbarkeit von Bildern und Filmen im Internet auch tief in christlich geprägte Schichten ein, die – so sollte man meinen – alleine aufgrund kirchlicher und biblischer Moralvorstellungen einen gewissen Schutz bieten sollten. Offenbar ist aber die Anziehungskraft der Medien größer, als die eigenen Moralüberzeugungen immunisieren oder abschrecken.

Diese Zusammenhänge machen auch deutlich, dass der Konsum von Pornografie ein Suchtverhalten darstellt. Der Abhängige ist sich seines Zwangsverhaltens dabei meist zu Beginn gar nicht bewusst, findet aber oft nicht die Kraft, sich der Versuchung zu erwehren. Die Abstinenz wird noch dadurch erschwert, dass dieses Material nicht nur ständig verfügbar ist, sondern auch eine Sexualisierung des Alltagslebens in einer Weise um sich gegriffen hat, dass Anreize – sexualisierte Werbung, ein- und zweideutige Szenen in Filmen, sowie eine generell seit spätestens den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts dramatisch geänderte Einstellung zum Thema Sexualität – überall lauern. Umso erstaunlicher, dass die von Jeremy Hammond und einigen Mitstreitern ins Leben gerufene Aktion „free!indeed“ noch immer ein Ausnahmeprojekt darstellt. Hammond, Ehemann und Familienvater, spricht hinsichtlich Pornografiesucht aus eigener Erfahrung. Im Gespräch mit der „Tagespost“ erläutert er, dass er selbst mit neun Jahren in die Nutzung „hineingerutscht“ sei, die sich zu einem regelmäßigen Konsum entwickelt habe. „Jedes überfordernde Gefühl, ob positiv oder negativ, habe ich irgendwann mit Pornografie verarbeitet.“ Gerade die schnelle und billige Verfügbarkeit stellten für ihn eine Herausforderung dar. „Ich dachte, ich hätte das unter Kontrolle, bis ich festgestellt habe, dass ich gar nichts im Griff habe, der Pornokonsum neben depressiven Gefühlen auch Ängste vor Job- und Beziehungsverlusten hervorrief. Die Pornografie hätte beinahe mein Leben ruiniert.“

Wo ist mein Vertrauen Gott gegenüber?

Das war der Zeitpunkt, wo er sich eingestand, das Problem nicht alleine bewältigen zu können und sich Gesprächspartner suchte, gegenüber denen er sich öffnen konnte. Geholfen hat dabei auch ein Bibelkurs, in dem neben christlichen Werten auch auf die Bedeutung von Rechenschaftspartnern hingewiesen wurde, sodass er zusammen mit zunächst nur einem Gemeindemitglied eine Selbsthilfegruppe gestartet hat. Hier fanden er und zunehmend mehr Teilnehmer Hilfe, auch im unterstützenden Gebet.

Aus dieser leidvollen und dramatischen Erfahrung heraus hat es sich Hammond, früher beruflich als Personalberater viel unterwegs, zur Aufgabe gemacht, vor allem Männern Hilfestellungen zu liefern und Wege aus der Sucht aufzuzeigen. Hierfür gründete er den Verein free!indeed e.V., der entsprechende Online-Kurse anbietet, deren Inhalte auch durch ein kürzlich veröffentlichtes Buch („Frei.Mann.Sein.“ im SCM-Verlag) Verbreitung finden sollen. Bei diesen Wegen geht es nicht nur um Techniken, beispielsweise die Installation von Internetfiltern auf dem PC, das generelle Meiden von Möglichkeiten des Pornografiekonsums oder auch eine von free!indeed angebotene App, die zur Orientierung in Zeiten der Versuchung dienen soll. Diese Mittel helfen zwar auch, eine gewisse Unabhängigkeit von den Suchttriggern zu erlangen, greifen jedoch zu kurz, wenn es darum geht, deutlich zu machen, warum der Konsum schädlich ist und wie man sich davon befreien kann.

Hammond und das Team von free!indeed legen Wert auf biblische Grundlagen. „Früher dachte ich, dass das Wort Gottes zum Thema Pornografie nichts zu bieten hätte. Im Gegenteil liefert es aber wesentliche Motivationen, denn Pornografie ist auch ein Thema des ,Herzens‘: Wo ist mein Vertrauen Gott gegenüber; in der Versuchung genauso wie für den Fall eines Rückfalls?“ Dabei wird in den Kursen kein Zwang ausgeübt. „Es ist ein hoffnungsvoller Kurs, weil Gott den Menschen in die Freiheit führen möchte“, so Hammond. „Neben einem therapeutischen Ansatz lernen die Teilnehmer auch den – gerade für Männer wichtigen – kämpferischen Umgang mit der Versuchung und dem Versucher.“

Und lässt sich die Herangehensweise auch auf andere Suchtkrankheiten anwenden? Letztlich geht es bei jeder Sucht um eine Abhängigkeit, die den Menschen von seiner eigentlichen Bestimmung abbringt, teilweise mit dramatischen körperlichen Folgen. Bei free!indeed hat man daher gemerkt, dass auch andere Süchte, etwa Spielsucht oder Essstörungen über die Prinzipien der Kurse angegangen werden können. Die Mechanismen sind ähnlich, wobei auch, was vielfach unbekannt ist, die Pornografiesucht biologische Konsequenzen haben kann. Beispielsweise sind auch die Fragen zur Motivation – das Freiwerden von der Sucht, um ein Leben zur Ehre Gottes zu führen – oder das Prinzip der Identität, das Entdecken der eigenen Bestimmung aus der Sicht des Schöpfers, für solche Süchte anwendbar. Eine Verbreiterung des Themenspektrums von free!indeed ist aber noch Zukunftsmusik. „Das Problem der Pornografie ist groß genug“, so Hammond.

Pornografiesucht ist ein Zeichen dieser Zeit und es sieht nicht so aus, als ob das Thema auf absehbare Zeit von außen gelindert werden könnte. Darum stehen Jeremy Hammond und sein Team an einer wichtigen Stelle eines geistlichen Kampfes – um die Freiheit der Menschen von jeder Art der Vergötzung der Sexualität. Freiheit bedeutet dabei nicht, Freiheit von Sexualität, aber Freiheit von ungesunden Abhängigkeiten, in welcher Erscheinungsform auch immer. Gott hat den Menschen frei geschaffen, und es ist seine Aufgabe, sich diese Freiheit zu bewahren, frei zu bleiben – „free indeed“.