„Viele Menschen brauchen Hilfe“

Zeugen des Alltags: Ex-Lehrer Erwin Stroot ist Lektor und setzt sich vor allem für alte Menschen und Obdachlose ein. Von Gerd Felder

Jeden Tag im Cafe sitzen, Cappuccino trinken und Kuchen essen? Für den engagierten Katholiken Erwin Stroot wäre das viel zu wenig. Er engagiert sich in Kirche und Alltag. Foto: GF
Jeden Tag im Cafe sitzen, Cappuccino trinken und Kuchen essen? Für den engagierten Katholiken Erwin Stroot wäre das viel... Foto: GF

Er hat schon ganz konkret Barmherzigkeit geübt, bevor sie durch Papst Franziskus als Leitstern des Christ-Seins wiederentdeckt wurde: Erwin Stroot engagiert sich seit Jahrzehnten in vielfacher Hinsicht für seine Mitmenschen. Vor kurzem ist der unermüdliche Allrounder 75 Jahre alt geworden, aber sein Alter merkt ihm niemand an. Bekannt geworden ist der umtriebige Menschenfreund besonders durch seinen Einsatz für alte Menschen und Obdachlose in Münster. Das Bistum Münster hat Stroot, der auch als Lektor in zwei Kirchengemeinden tätig ist, für seine Verdienste mit der Paulusplakette, einer seiner wichtigsten Auszeichnungen, geehrt.

Die Naturwissenschaften hatten nicht auf alles Antwort

Geboren am 20. Juli 1942 in Recke (Kreis Steinfurt/Münsterland), wuchs der kleine Erwin nach dem Tod seines Vaters auf dem Bauernhof der Großeltern auf und besuchte die Volksschule und später die Rektoratsschule in Hopsten, „aber Hochdeutsch war für mich damals die erste Fremdsprache und ein Kulturschock“, erinnert er sich. Als ihn eines Tages ein Kaplan fragte, ob er Priester werden wolle, sagte Erwin „Ja“ und wechselte auf das Internat Ludgerianum in Münster.

„Der katholische Glaube war für mich etwas total Selbstverständliches“, erläutert er. „Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche, beteten vor und nach jeder Mahlzeit, nahmen an Prozessionen teil und gingen alle vier Wochen zur Beichte.“ Erwin war klar: Priester zu werden – das wird eine sehr ernste Angelegenheit. Doch als er in die Pubertät kam und ihm immer stärker bewusst wurde, dass die Kirche damals alles, was mit Sexualität zu tun hatte, als Sünde betrachtete, entschloss er sich, das Ludgerianum zu verlassen. Am Gymnasium Paulinum, dem ältesten Gymnasium Deutschlands, legte er 1963 das Abitur ab. Zwei Jahre bei der Bundeswehr in Hamburg schlossen sich an, in denen er nach eigener Einschätzung viel Geld zur Verfügung hatte und zum ersten Mal eine evangelische Kirche besuchte.

Von 1965 bis 1970 studierte Stroot an der Universität Münster Biologie und Chemie auf Diplom und entschied sich nach einem kurzen Intermezzo bei Bayer Leverkusen für den Staatsdienst und den Lehrerberuf. Als Hilfslehrer an Münsters Ratsgymnasium bekam er bei den Schülern rasch ein positives Echo „und konnte ihnen ansehen, dass sie mich verstanden hatten“. Daraufhin unterrichtete Stroot 30 Jahre lang Chemie am Wilhelm-Hittorf-Gymnasium in Münster. Als seine Mutter 1987 in Ruhe und Frieden mit den Worten „Noch heute werde ich im Paradies sein“ starb, fing der leidenschaftliche Lehrer an, sich viele Sinn-Fragen zu stellen. „Ich hatte mich weit von der Kirche entfernt“, räumt er ein, „aber die Naturwissenschaften hatten keine Antworten auf meine existenziellen Fragen.“ Die Konsequenz: Parallel zum Schulunterricht fing Stroot an, an der Universität Münster Theologie zu studieren. Nachdem er das Examen abgelegt hatte, konnte er zwei Fächer unterrichten – und stellte mit einem Mal fest, wie schwer es ist, Religion zu unterrichten. „Die Schüler wollen viel mehr als reine Wissensvermittlung“, erklärt er. „Was die Kirche über Jungfrauengeburt oder Auferstehung lehrt, hinterfragen sie nach dem Motto: Glauben Sie das wirklich? Als Lehrer kann man nur versuchen, jungen Menschen Gott so nahe zu bringen, dass es für sie überzeugend ist.“ Ähnliche Erfahrungen hat er mit dem Firmunterricht gemacht, den er in Münsters Gemeinde St. Theresia erteilt hat: Wenn er mit den Firmlingen über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder das vom Weinberg spricht, bemüht er sich darum, ihnen ganz konkret klar zu machen, dass sie auf nichts einen Rechtsanspruch haben, aber Gott ihnen von sich aus entgegenkommt. „So etwas berührt sie“, urteilt Stroot. Mit 62 Jahren ging der Westfale, der fast immer gute Laune hat und wie kaum ein Zweiter auf Menschen zugehen kann, Bilanz. Dabei kam er zu der Erkenntnis, wie viel er der Kirche zu verdanken hat und dass er das mit verstärktem sozialem Engagement, das für ihn schon immer ein besonderer Ausdruck des Glaubens war, zurückgeben wollte. So stieg der rüstige Rentner als Vorstandsvorsitzender beim Verein „Seniorentreff Hansahof e.V.“ ein, der die Begegnungsstätte für ältere Menschen in Münsters Innenstadt in den Jahren 2004/05 vom katholischen Stadtdekanat übernahm und in eigener Regie fortführte.

Im Hansahof steht den Senioren heute ein breites Angebot mit Gelegenheit zum Klönen bei Kaffee und Kuchen, Karten- und Gesellschaftsspielen sowie Seniorentanz zur Verfügung. Absolute Renner sind die Doppelkopf-Termine und -Turniere und das offene Frühstück mit Vortrag zu einem aktuellen Thema. Stolz verweist Stroot auf die 45 Ehrenamtlichen, auf die die Arbeit im Hansahof sich stützen kann. Im Rahmen des Projekts „Wohnen für Hilfe“ bringen Erwin Stroot und seine Frau Ursel Studenten auf Wohnungssuche und alte Leute zusammen, bei denen sie ein Zimmer bekommen und es mit den entsprechenden Hilfsleistungen „abzahlen“ können. Auch stehen den alten Menschen seit einiger Zeit in allen Lebenslagen eine Rechtsberatung sowie unter dem Motto „Von Mensch zu Mensch“ ein Team von Freiwilligen zur Verfügung, die ihnen ein offenes Ohr leihen und Gesellschaft leisten.

Essen für Obdachlose am Heiligen Abend

Untrennbar ist der Name Stroot in Münster aber auch mit der „Offenen Weihnacht“ verbunden, die Ursel und Erwin 25 Jahre lang geleitet haben. An vier Standorten in Münster versammelten sich auf ihre Einladung hin am Heiligen Abend Einsame und Obdachlose, um gemeinsam zu essen, pro Jahr insgesamt 180 bis 250 Gäste. „Das war für sie ein Großereignis, auf das sie sich das ganze Jahr freuten, zumal jeder ein persönliches Geschenk bekam“, erinnert sich Stroot schmunzelnd. „Viele Menschen in unserem reichen Land brauchen Hilfe, und sei es nur, dass ihnen jemand zuhört.“ Nicht zuletzt unterstützt er im Rahmen des Projekts „Teilen und Helfen“ zehn Internatsschulen in Peru und sorgt dafür, dass jedes Jahr 200 Jugendliche einen Schulabschluss machen können. „Ich kann das Elend der Welt nicht beseitigen“, schätzt er sein Engagement realistisch ein, „aber dem, dem ich helfe, ist geholfen.“