Triumphzug des Herrn auf dem Holzesel

Nesselwang im Allgäu hält als eine der letzten deutschen Kirchengemeinden an einem alten Palmsonntags-Brauch fest. Von Gerd Felder

Im Mittelpunkt der malerischen Prozession steht der fahrbare Palmesel. Foto: G. Felder
Im Mittelpunkt der malerischen Prozession steht der fahrbare Palmesel. Foto: G. Felder

Es ist ein trüber, kalter Tag. Auf den nahe gelegenen Allgäuer Bergen ringsum liegt noch Schnee. Leicht verfroren, aber voller Vorfreude haben sich auf dem Schulhof der Nesselwanger Grundschule die Buben und Mädchen des Ferienorts zusammen mit ihren Eltern zur Feier des Palmsonntags versammelt – wohlgemerkt in Anoraks und Pudelmützen statt in der an Feiertagen hier eigentlich üblichen Tracht. Und es sind wahrhaftig große, manchmal riesige Palmbuschen, die sie, mit bunten Bändern und Schleifen durchwirkt, in den Händen halten. Alle warten auf die Ankunft des Pfarrers – und nicht zuletzt auch des Palmesels.

Zunächst aber marschiert die heimische Blaskapelle, die Harmoniemusik Nessel-wang, auf. Alle Musikanten tragen das farbenprächtige „Allgäuer Gwand“, beste-hend aus einer moosgrünen Jacke, weinrotem Wams, schwarzer Bundhose, grauen Strümpfen und Haferlschuhen; den breitkrämpigen Hut ziert eine graue Kordel. Jetzt dauert es nicht mehr lange, und der Pfarrer folgt mit Ministranten und Mesner, die gemeinsam den alten Holz-Palmesel, einen der letzten noch „aktiven“ Deutschlands, ziehen. Doch bevor sein ganz großer „Auftritt“ stattfinden kann, wird der Palmesel erst einmal beiseite abgestellt. Die Musikkapelle stimmt einen Choral an, und der Pfarrer greift nach dem Aspergill, um die Palmzweige auf dem Altar und die mitgebrachten, kunstvoll gefertigten Palmbuschen zu segnen. Doch da geschieht das Unerwartete: Das Aspergill bricht in der Mitte entzwei, und der Seelsorger kann die Gläubigen nur noch mit einer Hälfte des liturgischen Geräts segnen. Schallendes Gelächter ringsum und ein Schmunzeln selbst beim Pfarrer sind die Folge. Doch den Ablauf der Liturgie beeinträchtigt das nicht: Beim Verlesen des Evangeliums vom Einzug Jesu in Jerusalem hören alle wieder gesammelt und andächtig zu.

Schließlich formiert sich der Prozessionszug mit der Blaskapelle vorneweg, die „Singt dem König Freudenpsalmen, Sion, streu ihm deine Palmen!“ und „Singt Hosanna in den Höhen, hochgepriesen, Gottes Sohn!“ intoniert. Vorbei an den prächtigen, bunten Allgäuer Häusern mit ihren weit ausladenden Dächern zieht die Gemeinde quer durch den Ort, immer den Zwiebelturm der barocken Andreaskirche im Blick. Hinter der Harmoniemusik Nesselwang gehen die Kinder mit ihren beeindruckenden Palmbuschen, hinter denen sie manchmal fast ganz verschwinden, dahinter Pfarrer, Mesner und Messdiener mit dem Palmesel, und am Schluss die Erwachsenen.

Was den meisten nicht bekannt ist: Der Umzug mit Christus auf dem Palmesel ist ursprünglicher als der Brauch, am Palmsonntag Siegespalmen zu fertigen und in die Kirchen zu tragen. Er ist ursprünglich für insgesamt 300 Städte und Gemeinden des deutschen Sprachraums belegt, wird aber heute nur noch in 14 Orten, unter ihnen Nesselwang, regelmäßig ausgeübt. Im Mittelpunkt dieses Brauches steht die Prozession mit dem Palmesel, einer aus Holz geschnitzten, meist bemalten vollplastischen Figur, die den Heiland auf einem Esel reitend darstellt. Dieser Esel ist normalerweise auf einem Bodenbrett (in Nesselwang sogar auf einem sargähnlichen Gebilde) angebracht, das mit Rädern ausgestattet ist und gefahren werden kann.

Die Prozession am Palmsonntag wurde wahrscheinlich von Papst Gregor dem Großen eingeführt, ist aber zum ersten Mal und konkret in der Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich von Augsburg (Nesselwang gehört zum Bistum Augsburg) bezeugt: Nachdem er in der Augsburger Kirche St. Afra die Palmen geweiht hatte, zog der Bischof zusammen mit der Geistlichkeit und den Gläubigen zum Dom. Dabei trugen alle Palmen in den Händen; den Mittelpunkt aber bildete das Abbild des auf einem Esel sitzenden Herrn, also der Palmesel oder zumindest ein Bild des auf ihm reitenden Heilands. Von anderen Orten ist bekannt, dass man Kleriker oder Ministranten als Heiland kostümierte und auftreten ließ; große Palmeselprozessionen sind für Hamburg, Köln, Breslau und Nürnberg bezeugt. Irgendwann aber wurde dann immer öfter der Esel in Holz nachgebildet, und es bedeutete dann nur noch einen kleinen Schritt, den Heiland-Darsteller auch durch eine oft kunstvoll geschnitzte Figur zu ersetzen. Der geschnitzte Palmesel wurde früher in der Regel von Vertretern der Zünfte, Ratsherren oder anderen angesehenen Bür-gern gezogen und am Ende in der Kirche ab- und ausgestellt; häufig wurden dabei vor ihm wie vor einem Gnadenbild Lichter entzündet.

Doch die Zeiten änderten sich: Von der Reformation wurde der Umzug mit dem Palmesel mit großer Hartnäckigkeit bekämpft; ja es gab regelrechte Bilderstürme gegen ihn. In der Aufklärungszeit ordneten Kaiser Josef II. und liberal gesinnte Kirchenfürsten wie der Salzburger Erzbischof Hieronymus Graf Colloredo die Beseitigung der Palmesel in den katholischen Gebieten an. Ob es stimmt, dass die Benediktinerinnen auf dem Salzburger Nonnberg auf Anweisung Colloredos ihren Palmesel sogar vierteilen mussten, ist umstritten; Tatsache ist jedenfalls, dass die Äbtissin den jahrhundertealten Esel zerhacken und verbrennen ließ. Ein Palmesel vom Anfang des 16. Jahrhunderts im Mainfränkischen Museum in Würzburg, dessen Christusfigur die Arme abgeschlagen wurden, legt Zeugnis ab von diesen Bilderstürmen der Aufklärungszeit. Nur an wenigen Orten wie beispielsweise in Nesselwang nahm man den Brauch später wieder auf. „Das Original unseres Palm-esels steht mittlerweile in Straßburg im Museum“, berichtet Pfarrer Stiegler. „Unser Exemplar ist eine Kopie dieses besonders wertvollen Stücks und wird jetzt seit 100 Jahren in Nesselwang benutzt. Auch alle meine Vorgänger sind mit ihm am Palmsonntag durch den Ort gezogen. Er gehört ganz einfach dazu.“

Inzwischen ist der Prozessionszug der Gemeinde an der imposanten Andreaskirche mitten im Ort angekommen und drängt ins Innere, in die breiten, alten Holzbänke. Der Palmesel findet seinen angemessenen Platz vorne im Gotteshaus, seitlich vom Altar. Der Gottesdienst nimmt seinen liturgisch vorgesehenen Verlauf, zu dem an diesem Tag auch das Verlesen der Passionsgeschichte gehört. Am Schluss strömen die Kinder mit ihren gewaltigen Palmbuschen nach draußen, vor der Kirchentür noch einmal bestaunt von Eltern, Großeltern und Gemeindemitgliedern. Und nicht wenige der Erwachsenen beenden den inzwischen strahlend schönen Palmsonntag-Vormittag mit einem Frühschoppen oder zünftigen Mittagesessen im gleich gegenüber gelegenen Gasthof.