Altenburg/Thüringen

Tödliches Radio

Mit einem selbstgebauten Störsender setzten Altenburger Gymnasiasten vor 70 Jahren ein Zeichen gegen die kommunistische Diktatur in der DDR – einen kostete dies das Leben.

Altenburger Gynasiasten
Historische Aufnahme von den mutigen Gymnasiasten. Foto: Archiv
Altenburger Gymnasiasten
Gegen das Vergessen. Foto: BV

Sie waren jung und brauchten den Kick. Mit diesem Vorwurf mussten die Überlebenden noch lange leben. Doch immerhin. Seit wenigen Jahren erinnert auf dem Altenburger Hospitalplatz in Thüringen ein Gedenkstein an jene Handvoll Schüler, die im Dezember 1949 dem kommunistischen Unrechtssystem der DDR für wenige Monate die Stirn boten, was einer von ihnen mit dem Leben bezahlte. 1950 wurde er in einem Moskauer Keller der sowjetischen Geheimpolizei erschossen. „Zu DDR-Zeiten wäre so ein Gedenkstein undenkbar gewesen“, sagt eine Anwohnerin.

„Zu DDR-Zeiten wäre so ein Gedenkstein undenkbar gewesen“

Das Areal auf dem Hospitalplatz wirkt sauber und gepflegt. Die umliegenden Gründerzeithäuser haben die Jahre unbeschadet überstanden. Gediegene Bürgerlichkeit, wo bis zum Herbst 1989 Kommunisten das Sagen hatten. „Die SED tat alles, um den Widerstand gegen ihre Politik im Keim zu ersticken“, sagt die Potsdamer Historikerin Jenny Krämer. Kritik sah das Einparteiensystem nicht vor, Zensur und Schmalspur-Denken bestimmten zu DDR-Zeiten den Alltag vieler Menschen.

Die Altenburger Pennäler, namentlich Hans-Joachim Näther, Ulf Uhlig, Gerhard Schmale und Jörn-Ulrich Brödel wollten sich damit nicht abfinden und bezahlten dafür einen hohen Preis. Später galten sie als Verräter, die für immer der Vergessenheit anheimfallen sollten. Nur dem Einsatz eines engagierten Geschichtslehrers bleibt es zu verdanken, dass dies nicht geschah.

Jugendwiderstand im Kampf gegen Kommunismus

Auch durch das Theaterstück „Die im Dunkeln“ aus dem Jahre 2013 geriet die Geschichte des Altenburger Jugendwiderstandes ins mediale Bewusstsein zurück. Das Landestheater hatte entschieden, die Geschichte der jungen Leute im Kampf gegen den Kommunismus auf die Bühne zu bringen und damit die Dramaturgin Mona Becker beauftragt. Schmale und Brödel waren von Anfang an eingebunden, heißt es, sie begleiteten die Proben und erzählten den Schauspielern ausführlich ihre Geschichte.

Ihr Mitschüler Hans-Joachim Näther besucht Ende der vierziger Jahre die elfte Klasse der Altenburger „Karl-Marx-Oberschule“, aus der nach der Wende das heutige Friedrichgymnasium wurde. Im Frühjahr 1949 gründet Näther mit Mitschülern eine antikommunistische Widerstandsgruppe. „Anders als ihre Eltern im Dritten Reich wollten sie keine Mitläufer sein“, sagt die Historikerin Krämer. Sie wollen sich einmischen, politisch aktiv sein und nicht tatenlos dem Aufbau einer neuen Diktatur zusehen. Ihr Vorbild war die „Weiße Rose“, die 1943 in München von der Gestapo zerschlagen worden war.

Zunächst klebten die Schüler Flugblätter, auf denen sie F für „Freiheit“ und „freie Wahlen“ skandieren. Im Sommer 1949 aber hat Hans-Joachim Näther einen tollkühnen Plan: Mit einem selbst gebauten Radiosender wollte er zum 70. Geburtstag Stalins auf Sendung gehen. Drei Monate bastelten die Abiturienten heimlich und nachts, bis das Gerät einsatzbereit war. Ein Nachbau steht heute im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. „Die Teile hatten sie sich auf einem stillgelegten Militärflugplatz besorgt, wo kaputte Wehrmachtsmaschinen herumstanden“, sagt Historikerin Krämer.

Der Widerstand war von der „Weißen Rose“ inspiriert

Am Abend des 19. Dezember 1949 war es dann so soweit. Die jungen Männer versammelten sich bei Jörn-Ulrich Brödel in der Altenburger Lessingstraße unter dem Dach der Eltern. Denen hatten sie erzählt, für eine Physikklausur zu üben. Pünktlich zur Festansprache des DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck, die live aus Berlin übertragen wurde, gingen die Gymnasiasten auf Sendung. Den Sprechtext hatten sie sich genau überlegt und vorher abgetippt.

Joachim Näther sprach mit sonorer Stimme ins Mikro und sagte, dass Stalin – ganz im Gegensatz zu den öffentlichen Lobpreisungen – ein „Massenmörder und Diktator“ sei. Millionen seien im Gulag umgekommen, und auch in der DDR säßen zehntausende Unschuldige in den vom sowjetischen Geheimdienst NKWD reaktivierten Konzentrationslagern. Der Zeitpunkt für die Störaktion war präzise gewählt, da in der fernseh- und internetlosen Zeit viele Bürger abends gern am Radio saßen. Doch wie viele Zuhörer die Schüler mit ihrer Aktion tatsächlich erreichten, ist umstritten. Ein gutes Ende war der Geschichte nicht beschieden.

Prozess vor dem Militärtribunal

Im März 1950 kam ihnen das wenige Wochen zuvor gegründete DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf die Schliche. Wie genau, ist bis heute ungeklärt. Historiker vermuten, dass ein kurz zuvor ebenfalls verhafteter Lehrer die Ermittler auf die Spur der vier Schüler gebracht haben könnte. Sie wurden verhaftet und der sowjetischen Besatzungsmacht übergeben, die sie in Weimar vor ein Militärtribunal stellte. Die Anklage lautete: „Konterrevolutionäre Verbrechen gegen die Sowjetunion“. Der Prozess fand ohne Öffentlichkeit statt und dauert, eher untypisch für Schnellverfahren, ganze sechs Tage.

Obwohl die Reichweite des Altenburger Störsenders nur 40 Kilometer betrug, gerieten die Behörden massiv unter Zugzwang. Spezialfahrzeuge der Roten Armee fuhren durch Altenburg und die umliegenden Ortschaften, um das Gerät zu orten. Um nicht entdeckt zu werden, hatten die Schüler den Sender in Einzelteile zerlegt und an verschiedenen Stellen deponiert, was der Staatssicherheit die letztendlich doch erfolgreiche Suche erheblich erschweren sollte.

Zuchthaus und Tod durch Erschießen

„Mit 25 Jahren Knast hatten wir gerechnet“, sagte Gerhard Schmale, der als technisches Hirn der Gruppe galt, später. „Alles vergänglich, auch lebenslänglich“, hätten sie gewitzelt, hieß es, wohl ahnend, nur einen Teil der Strafe auch wirklich absitzen zu müssen. Was die vier Abiturienten nicht wussten: Im Januar 1950 hatte Stalin die 1947 in der Sowjetunion abgeschaffte Todesstrafe klammheimlich wieder eingeführt.

Dann wurden die Urteile verkündet. Jörn-Ulrich Brödel und Ulf Uhlig bekommen je 25 Jahren Zuchthaus, Gerhard Schmale 15 Jahre, von denen er und die anderen zwischen vier und sieben im Gefängnis verbrachten, bevor sie in den Westen flohen. Hans-Joachim Näther wurde als „Rädelsführer“ zum Tod durch Erschießen verurteilt. Wenige Tage nach Prozessende schufen ihn die Behörden nach Russland. Der „Oberste Sowjet“ lehnte ein Gnadengesuch ab. Näther war gerade 21 Jahre jung. Jahrzehnte blieben seine Angehörigen im Ungewissen. Erst nach dem Ende der SED-Diktatur erfuhren sie von seiner Hinrichtung, drei Tage vor Heiligabend 1950.

 

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