Rom

Tage der Prüfung

Die Corona-Epidemie hat Italien in die Knie gezwungen, das Land ist erstarrt. Und mitten in der Fastenzeit spendet Papst Franziskus nun den Segen „Urbi et orbi“.

Coronaviruas in Italien: Tote im Militär-Konvoi
Tote im Militär-Konvoi: Die italienische Armee von Bergamo bringt die Leichen von verstorbenen Corona-Patienten zum Krematorium von Ferrara. Foto: dpa

Es sind Zeiten der Bilder. In einem Land, das nach einer nochmaligen Verschärfung des Lockdown nur noch virtuell kommuniziert, haben die Medien die Deutungshoheit übernommen. Beim schnellen Einkauf im Supermarkt, in der Schlange vor der Tür wie auch drinnen zwischen den Regalen oder vor der Kasse, redet man nicht viel. Vielen Italienern ist die Geschwätzigkeit abhanden gekommen. Die Stimmung ist gedrückt. Die Gesänge von den Balkonen gibt es noch, aber es überwiegt das Gefühl, von einer unheimlichen Plage heimgesucht zu sein. Die Freuden des alltäglichen Lebens – der Fußball, die Feier im Freundeskreis, der Ausflug in die Berge oder ans Meer –, sie alle sind der Erkenntnis gewichen, dass eine Pandemie die Welt beherrscht, dass Europa nun, nach China, im Zentrum der Seuche steht und hier Italien nochmals die Vorreiterrolle spielt. Was soll man da schon sagen?

„In diesen Tagen der Prüfung ist es an der Zeit, die Stimmen zum Himmel zu vereinen.“
Papst Franziskus

Bei der Frühmesse in Santa Marta am Montagmorgen fand Franziskus anders als bis dahin nur wenige Worte zur Corona-Krise. Aber die trafen den Punkt: „Wir beten heute für die Menschen, die wegen der Pandemie wirtschaftliche Probleme bekommen, weil sie nicht arbeiten können und das alles auf die Familie zurückfällt. Lasst uns für die Menschen beten, die dieses Problem haben.“ Und dieses „Problem“ trifft in Italien viele: Einzelhändler, Angestellte in Gastronomie und Hotelgewerbe, Jobber mit Zeitverträgen, Taxifahrer, Frisöre, Betreiber von Reinigungen und Bed&Breakfast-Unterkünften – und das ganze Heer von Menschen, die in einer Touristenstadt wie Rom von den Besucherströmen leben.

Mehr als 6.000 Tote

Bilder erzählen die Geschichte von Corona: Die 52 kubanischen Mediziner mit Ebola-Erfahrung, die am Wochenende in der Lombardei landeten, die Fähnchen Italiens und Kubas schwenkend. Die neun Flugzeuge, die Putin mit Tonnen von medizinischen Material geschickt hat – worum ihn niemand gebeten hatte. Die sieben Ärzte aus China, die durch Norditalien tourten – und sogar Interviews gaben. Die Kolonne von Militärfahrzeugen, die Särge mit Toten in die Krematorien um Bergamo und Brecia bringen. Der Luxus-Liner, der im Hafen von Genua angelegt hat und in Windeseile in ein schwimmendes Lazarett verwandelt wird. Das alles kostet Geld, auch Kuba lässt sich seine Mediziner teuer bezahlen.

Jeder weiß es: Italien steht vor einer wirtschaftlichen Not, wie sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr so groß war. Und dazu die horrenden Zahlen. Die Stimmung im Lande verschlechterte sich am Wochenende nochmals, als die Zahl der Corona-Toten in Italien die der an den Folgen der Krankheit Verstorbenen in China überholt hat. Inzwischen liegt sie bei über sechstausend. Warum sterben in Italien so viele Menschen an der unsichtbaren Krankheit, wo doch in anderen europäischen Ländern die Zahl der Opfer (noch) im dreistelligen Bereich liegt?

Corona hat Italien in die Knie gezwungen.

Darüber wundern sich die Experten. Es scheint mehrere Gründe zu geben: Zu einem ist Italien mit Japan das überalterteste Land der Welt. Und es sind immer noch zumeist betagte Menschen, die dem Coronavirus erliegen. Dann unterhielt gerade Norditalien mit seiner Textilindustrie, aber nicht nur, vielfältige wirtschaftliche Kontakte zu China, dem Ursprungsland der Pandemie. Das reicht von Managern bis zu Barbetreibern und kleinen Einzelhändlern und schließlich Touristen aus dem fernen Reich der Mitte. Das waren halt die Zeiten, in denen es pro Tag noch zwei Direktflüge allein zwischen Wuhan und Mailand gab. Zudem ist nicht auszuschließen, dass der Virus bereits im November und Dezember – als die breite Masse selbst in China noch nichts von ihm wusste – nach Norditalien kam und seine unheimliche Spur durch diese dicht bevölkerten Regionen des Landes zog. Noch sind das Spekulationen. Tatsache aber ist: Corona hat Italien in die Knie gezwungen. Niemand weiß, wann und wie es sich wieder erheben wird.

Abgeschottete Regionen

Nicht nur im Schengen-Raum sind jetzt die Grenzen bewacht. Auch in Italien schotten sich die Regionen ab. Die Basilikata lässt Reisende nur noch nach strengen Kontrollen hinein, auch Sizilien hat sich abgeriegelt. Nachdem Ministerpräsident Giuseppe Conte in der Nacht zum Sonntag per Facebook-Video verkündete, dass nun auch alle nicht zwingend benötigten Fabriken und Betriebe zu schließen haben und das Reisen zwischen Städten und Kommunen ohne triftigen Grund verboten ist, setzte im Mailänder Hauptbahnhof wieder eine „Reisewelle“ ein: Menschen versuchten, noch schnell ihre Heimatstädte in Süditalien zu erreichen. Sie wurden von Sicherheitskräften zurückgewiesen. In der Meerenge von Messina zwischen Süditalien und Sizilien stellte man den Fährbetrieb ein.

Urbi et Orbi

In diesen „Tagen der Prüfung“ sei es an der Zeit, „die Stimmen zum Himmel zu vereinen“, meinte der Papst, als er für Mittwoch (25.03.) das Gebet des Vater unser aller Gläubigen und christlichen Konfessionen ankündigte – und für Freitag (27.03.) um 18 Uhr eine Andacht mit eucharistischer Anbetung auf dem Sagrato des menschenleeren Petersplatzes, bei der er auch „urbi et orbi“, der Stadt und dem Erdkreis, den apostolischen Segen spenden wird. Für die katholischen Gläubigen ist damit die Gelegenheit gegeben, einen vollständigen Ablass aller zeitlichen Sündenstrafen zu erhalten, auch wenn sie nur über die Medien mit diesem Akt verbunden sind. „Wir wollen auf die Pandemie des Virus mit der Universalität des Gebets, des Mitgefühls und der Zärtlichkeit antworten! Lasst uns vereint bleiben. Lassen wir die einsamsten Menschen und diejenigen, die besonders hart geprüft werden, unsere Nähe spüren“, sagte der Papst bei der Ankündigung des Ereignisses – eines Segens „Urbi et orbi“ mitten in der Fastenzeit, den es so noch nie gegeben hat.

Priester opfert sein Leben

Knapp fünftausend Mitarbeiter der sanitären Dienste Italiens wurden inzwischen von dem Coronavirus infiziert. Über zwanzig Ärzte sind an den Folgen der Epidemie verstorben. Wie viele der mindestens sechzig Priester, die die italienische Kirche als Opfer der Seuche zu beklagen hat. Wie den 72 Jahre alten Don Giuseppe Berardelli in Bergamo. Die dortige Diözese hat bereits siebzehn Priester verloren. Für den Geistlichen, der bereits im Krankenhaus lag, hatte seine Gemeinde eigens ein Beatmungsgerät erworben, weil diese Apparate in Italien allgemein knapp geworden sind. Doch Don Giuseppe bestand darauf, das Gerät einem ebenfalls an dem Virus erkrankten Mitpatienten, den er gar nicht kannte, zu überlassen – und verstarb wenig später an den Folgen der Krankheit. In den sozialen Netzwerken löste die Nachricht große Anteilnahme aus. Ein Nutzer schrieb auf Twitter: „Dieser Mann ist ein Held! Die meisten würden in solch einer Lage nicht einmal eine Rolle Klopapier hergeben.“

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