Syrien: Christen leiden unter Verfolgung

Franziskaneroberer: „Es gibt keine schlimmere Form der Diktatur als eine religiöse“ von Andrea Krogmann

Foto: Krogmann Foto: Krogmann
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Der sich verschärfende Syrien-Konflikt hat nach Einschätzung des obersten Franziskaners im Land, Halim Noujeim, zunehmend dramatische Auswirkungen auch für die christliche Bevölkerung. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) im libanesischen Harissa berichtet der Regionalverantwortliche für Syrien, Jordanien und den Libanon über Verfolgungen syrischer Christen durch bewaffnete Rebellen. Er befürchtet Auswirkungen für die gesamte Region, sollte es zum Sturz der Regierung in Damaskus kommen.

Pater Halim, Sie sind soeben aus Syrien zurückgekehrt. Wie ist gegenwärtig die Lage?

In bestimmten Gebieten, etwa der Altstadt von Damaskus, ist die Lage relativ normal. Doch die Kampfhandlungen zwischen der Armee und den bewaffneten Rebellen, der Lärm von Bomben oder Hubschraubern sind Tag und Nacht zu hören.

Heißt das, das Leben der Bevölkerung in diesen Gebieten verläuft ebenfalls vergleichsweise normal?

Nein. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren oder mussten ihre Häuser verlassen, vor allem viele Christen. Allein aus Homs und Hama sind mehr als 200 000 Christen geflohen, entweder in andere christliche Regionen in Syrien oder in den Libanon. Besonders hoch ist die Zahl der Binnenflüchtlinge in Damaskus. Diese Menschen brauchen dringend Unterstützung, weil sie alles verloren haben. Es mangelt an medizinischer Versorgung, an Babynahrung; die Verkehrswege zwischen den Städten sind sehr schlecht. Wo Bedarfsgüter noch erhältlich sind, haben sich die Preise teils mehr als vervierfacht. Eine Flasche Gas kostet inzwischen mehr als 2 000 syrische Pfund (Tageskurs 25 Euro); früher waren es 500. Die Franziskaner versuchen zu helfen, wo es geht, unter anderem durch finanzielle Unterstützung aus dem Ausland.

Inwiefern sind Christen von dem Konflikt besonders betroffen?

Es kommt zu Verfolgungen von Christen durch bewaffnete Regierungsgegner. In Hama etwa wurden die Christen aus ihren Häusern vertrieben. Die Kirche wurde von der Rebellenarmee besetzt. Die Zukunft ist sehr ungewiss.

Wer ist für die Gewalt verantwortlich?

Beide Seiten. Aber unter den Regierungsgegnern gibt es keine Einheit. Es gibt keine Kontrolle und kein Gesetz. Die Gefahr bei einem Sturz der Regierung wäre, dass es zu noch mehr Gewalt und zur Diktatur kommt. Schon in anderen arabischen Ländern haben wir gesehen, dass eine politische Diktatur durch eine religiöse Diktatur ersetzt wurde. Und es gibt keine schlimmere Form der Diktatur als eine religiöse, insbesondere für eine christliche Minderheit, die in einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft lebt. Der Westen steht mehrheitlich auf der Seite der Oppositionellen – und realisiert die aktuelle Situation nicht, in der die Christen hier leben. Das heißt nicht, dass wir für oder gegen die Regierung wären. Wir sind gegen jede Form von Diktatur oder Gewalt, aber wir sind sehr besorgt über die Zukunft, weil wir keine bessere Alternative sehen.

Im Libanon treffen immer mehr syrische Flüchtlinge ein. Die Lage ist zunehmend gespannt. Befürchten Sie ein Übergreifen der Gewalt aus Syrien?

Der Libanon steht in diesem Konflikt nicht außen vor, dafür ist Syrien uns zu nahe; es ist unsere einzige Landverbindung zur arabischen Welt. Die aktuelle Situation in Syrien hat also einen großen Einfluss auf die Libanesen. Das libanesische Volk ist gespalten; gleichzeitig versucht die libanesische Regierung, Neutralität zu wahren. Sollte sich Syrien gegen seine Regierung entscheiden, wird das viel Unruhe bringen, auch für den Libanon.