Spanische Monarchie geht an Krücken

Der Elefantenjagd-Unfall von König Juan Carlos I. ist ein Mosaikteilchen für den Ansehensverlust des Königshauses. Von Andreas Drouve

König Juan Carlos I. auf dem Weg aus dem Krankenhaus. Foto: dpa
König Juan Carlos I. auf dem Weg aus dem Krankenhaus. Foto: dpa

Pamplona (DT) Die Zeiten, in denen Spaniens Königshaus höchstes Ansehen genoss, in denen das Volk ihre Royals im Herzen trug und ihnen die Vorbildfunktion an der Spitze des Staates bedenkenlos abnahm, moralisch wie persönlich – sie sind nach den jüngsten Vorkommnissen vorbei. Dass sich das Saubermann-Image des Königs Juan Carlos I. so lange halten konnte, war nicht zuletzt einer rigorosen Informationspolitik zu danken, die in Tateinheit mit einer weitgehend mundtoten Presse stets das Positive herausstellte. Der König, das war der sportliche Ski- und Motorradfahrer, das Staatsoberhaupt, das nie um einen lockeren Spruch verlegen schien. Negativschlagzeilen und Proteste waren nicht vorgesehen, umso weniger, da dies in Spanien bis heute als Majestätsbeleidigung interpretiert und mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet werden kann. Also schwiegen Bürger und selbst Journalisten lieber – doch auch dies ist passé.

Es begann jetzt mit der Mitteilung von des Königs Hüftbruch, nicht etwa zugezogen in heimischen Palastgefilden, sondern in der Ferne Afrikas – im Rahmen einer Großwildjagd. Wo er Wochen zuvor im krisengebeutelten Spanien noch bekundet hatte, die Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent lasse ihn nicht schlafen, zog er nun wachen Blickes auf Safari-Abenteuer durch Botswana, um für eine Abschussprämie in fünfstelliger Höhe Elefanten zu erlegen. Surrealer konnte die Konstellation, größer der Affront gegenüber seinen Landsleuten kaum sein. 4,7 Millionen Arbeitslose in Spanien, Familien in Armut, reihenweise Zwangsräumungen von Häusern und Wohnungen, Menschen, deren Gehälter vielfach nicht an die Tausend-Euro-Grenze reichen – und in einer Parallelwelt der Monarch, der Waffennarr, der Narr mit der Waffe, auf erlesener Luxustour irgendwo in seinem Elfenbeinturm, bereit zum Töten gegen Bezahlung. Als wäre dies nicht genug: Dass der weltfremde Dickhäuter-Killer in aller Eile zur Operation nach Madrid zurückgeflogen werden musste und in seiner Heimat auch noch Ehrenpräsident der Landessektion des World Wide Fund For Nature (WWF) ist, einer der größten Naturschutzorganisationen der Welt, setzte dem Ganzen die Krone auf. Über soziale Netzwerke forderten per Online-Petition sofort Zehntausende, vor allem aufgebrachte junge Leute, er möge sein Ehrenamt abgeben.

Politisch lösten der Unfall und seine Folgen nie dagewesene Erdbeben aus. Plötzlich fanden Zeitungskommentatoren den Mut, ein derart unverfrorenes Verhalten anzuprangern. Tomás Gómez, der Vorsitzende der Sozialisten in Madrid, ging soweit, dem König eine Abdankung nahezulegen. Die Vereinigte Linke forderte gar ein Referendum zum Fortbestand der Monarchie, während die regierende Volkspartei zur Mäßigung aufrief und appellierte, die Krone nicht grundsätzlich infrage zu stellen. Mitte dieser Woche nun bat der König sein Volk öffentlich um Entschuldigung und gelobte, dies werde nicht mehr vorkommen. Der Versuch der Schadensbegrenzung tat not und zeigte einen 74-Jährigen, der, allmählich dem Ende seines öffentlichen Wirkens entgegengehend, nicht mit diesem Makel in Erinnerung bleiben will.

Die größte historische Stunde des Juan Carlos I. hatte im Februar 1981 geschlagen, als er einem – allerdings nur halbherzig – vorbereiteten Militärputsch im Parlament entgegentrat und die Nation inständig zum Zusammenhalt aufrief. Mit diesem „heroischen Akt“, sechs Jahre nach dem Ende der bleiernen Diktatur des Francisco Franco, schrieb er Geschichte und sah sich fortan weiter in der Rolle als Motor bei der Redemokratisierung des Landes. So sicherte er sich Pluspunkte, und die gesamte Königsfamilie schien sich wohltuend von anderen blaublütigen Skandalhäusern abzuheben. Da gab es niemanden mit inoffizieller Nebenfrau (Prinz Charles und Camilla zu Dianas Zeiten), niemandem mit Kindern aus mehreren Partnerschaften (Monacos Prinzessin Stefanie) und niemanden, der mit Schirm und wenig Charme um sich wütete und öffentlich seine Blase entleerte (Carolina von Monacos Gemahl Ernst August). Und die ganze spanische Nation freute sich mit, als 2004 Kronprinz Felipe die Fernsehjournalistin Letizia Ortiz Rocasolano in der Kathedrale von Madrid vor den Traualtar führte – per Ausnahmegenehmigung als Geschiedene. Doch das spielte ebenso wenig eine Rolle wie die späteren chirurgischen Schönheitseingriffe bei Letizia und ihre kaum vertuschbare Magersucht.

Die stets kolportierte Fassade der „heilen Welt Königshaus“ bekam vor Jahren einen ersten Riss, als die älteste Infantin Elena und ihr Gatte Jaime de Marichalar die Trennung bekannt gaben. In der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen wurde hingegen die Tatsache, dass die zweite Königstochter, Cristina, und ihr Mann Inaki Urdangarín, vormals Weltklassehandballer in Diensten des FC Barcelona, plötzlich in die USA zogen. Erst im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass die geschaffene räumliche Distanz mit dubiosen Geschäften zusammenhing, nach denen man sich besser aus dem Staube machte und deren Ausmaße bis heute die Gerichte beschäftigen. Im Zentrum der Ermittlungen steht der Schwiegersohn des Königs, Inaki Urdangarín, der Gelder der öffentlichen Hand veruntreut haben soll. Über eine gemeinnützige Stiftung, verschlungene Kanäle und Scheinfirmen gelangten sie dem Vernehmen nach in Urdangaríns eigene Tasche – doch wie genau und in welcher Millionenhöhe, ist bislang nicht bekannt. Urdangarín gab vor, die Bewegungen auf seinen Konten ebenso wenig wie seine Frau Christine gekannt zu haben und führte allen Ernstes ins Feld, bei Scheckeinlösungen und Geldabhebungen habe sich wohl jemand seiner Unterschrift bemächtigt. Fest steht, dass ihm eine mehrjährige Gefängnisstrafe droht. Wegen seines „nicht-vorbildlichen Verhaltens“, wie der König es Ende des vergangenen Jahres bezeichnete, bleibt Urdangarín bis auf Weiteres von offiziellen Terminen verbannt. Nach seiner Elefantenjagd in Afrika und der Abkehr von der Wirklichkeit in Spanien müsste sich der König nun – streng genommen – gleichfalls aus dem Spiel nehmen.

„Die sollen alle ihre Waffen abgeben und gehen“, hieß es voller Spott in sozialen Foren und spanischen Kneipenrunden, denn die Absurdität des Schicksals wollte, dass nicht nur der König in diesem Monat mit der Flinte zugange war. Kurz zuvor hatte sich dessen ältester Enkel Froilán, 13, beim Spielen mit einem Gewehr versehentlich in den Fuß geschossen, was wiederum Erinnerungen an eine tragische Episode aus der Jugend Juan Carlos' im portugiesischen Estoril weckt. Dort erschoss er als Achtzehnjähriger seinen jüngeren Bruder Alfonso. Ein Unfall, Absicht, warum? Die Umstände sind bis heute ungeklärt. Juan Carlos hat sich öffentlich nie dazu geäußert und wird das Geheimnis unzweifelhaft mit ins Grab nehmen.

Obgleich er erfolgreich am Gesichtsverlust gearbeitet und mit Nachdruck bewiesen hat, dass Feingefühl und Anstand im Grunde seine Sache nicht sind, dass er zu den Moralisten mit doppeltem Boden zählt – abdanken und den Weg für Kronprinz Felipe freimachen wird Juan Carlos I. so schnell nicht. Noch weniger wegen dieses Vorfalls, der Ex-Schauspielstar und Tierschützerin Brigitte Bardot dazu brachte, ihm einen bitterbösen Brief zu schreiben. „Widerlich und unwürdig für eine Person Ihres Ranges“, prangerte Bardot die Trophäenjagd in Botswana an. Gleichwohl: Ein jetziger Abtritt des Königs von der Bühne wird nicht eintreten. Dazu ist Juan Carlos zu sehr stolzer Spanier, zu sehr Macho, dazu ist er zu geübt im Aussitzen der Dinge. Und seiner wachsenden Gegnerschaft bleibt er tagtäglich erhalten, ob man nun will oder nicht. Denn: Das Porträt des Monarchen ist das verbreitetste Briefmarkenmotiv und im Regelfall Begleiter im Portemonnaie. Der Königskopf ziert die spanischen Ein- und Zwei-Euro-Münzen.