Würzburg

Schicksal mit Musik

Zeitzeugin des Glaubens: Die Würzburgerin Barbara Theisen wird hundert Jahre alt. Hinter ihr liegt ein bemerkenswertes Leben.

Barbara Theisen
Die Würzburgerin Barbara Theisen wird hundert Jahre alt. Foto: SL

Barbara Theisen ist eine Frohnatur. Trotz ihrer 100 Jahre oder eben genau deswegen. Ein Tag ohne Lachen ist für sie undenkbar. Denn glücklich und zufrieden sein kann man auch noch im hohen Alter. Heute sitzt sie auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Würzburg-Frauenland. Ihre Söhne, ihre Tochter und Enkelin Anna wechseln sich mit der Betreuung ab. Doch Barbara Theisen liebt nichts mehr als ihre Selbstständigkeit. Zwar ist sie fast blind, doch immer noch rege und sehr wach. Und auf ihren regelmäßigen Gottesdienstbesuch will sie nicht verzichten. Die vielen Stufen im Haus muss sie mit dem Treppenlifter bewältigen. Da braucht es nicht einmal einen Aufzug.

War es wohl eine Hausgeburt, damals im November 1919, die das Leben der Familie Kohlhepp in der Würzburger Domstraße bereicherte? Daran kann sich Barbara Theisen, geborene Kohlhepp, heute nicht mehr erinnern. Wie auch, denn gesprochen wurde darüber nie. Ihr Vater Georg Kohlhepp war Besitzer einer orthopädischen Schuhmacherwerkstatt, Mutter Alma trug als Haushaltshilfe bei einer jüdischen Familie zum Einkommen bei. Und in die Nachbarschaft wohnte der spätere Lyriker Jehuda Amichai. „Das Josefle“, wie ihn die Jubilarin noch heute nennt.

Der Initiator des Mozartfestes war einer ihrer Lehrer

Später wird ihre Mutter ihr von dem Dichter und Maler Max Dauthendey und von vielen anderen Künstlern erzählen, die bei ihrem Arbeitgeber ein- und ausgingen. Die Lebermanns wohnten in der Nähe der Löwenbrücke, hatten einen Weinhandel und verkehrten mit den interessantesten Menschen der Stadt. Alma Kohlhepp war als gute Fee im Haus sehr beliebt. Auch deshalb hatte Vater Georg viele jüdische Kunden, die in seine Werkstatt kamen und Reparaturdienste in Anspruch nahmen.

Die kleine Barbara wuchs behütet auf. Mit sechs Jahren wurde sie in der Zentralschule in der Nähe des Paradeplatzes eingeschult. Später besuchte sie die St.-Ursula-Schule, erinnert sich noch heute an die strenge Lehrerin, ihres Zeichens die Schwester des damaligen Dompfarrers. Und natürlich an Klassenkameradin Lioba Mehler, die ab 1958 selbst die Schulleitung übernahm, nachdem sie zuvor ihr Gelübde im Ursulinenkloster abgelegt hatte. Als 1937 die Schule von den Nazis geschlossen wurde kam Barbara ins Internat nach Aschaffenburg, wo sie schließlich ihr Abitur machte. Die Studienjahre verbrachte sie in Würzburg am Konservatorium. Der Initiator des Mozartfestes, Professor Hermann Zilcher, war einer ihrer Lehrer.

Die Künstler gingen zuhause ein und aus

Das Geigenspiel hatte Theisen schon als kleines Kind erlernt und so lag es nahe, Geige zu studieren. Während der ersten Studienjahre lernte sie die Brüder Hans und Anton Theisen kennen. Auch sie studierten am Konservatorium Geige und Klavier. Nicht nur die Liebe zu dem Instrument verband Hans und Barbara, sondern auch ihre eigene. Dann schlug das Schicksal zu. Der Zweite Weltkrieg holte Hans an die Front. Von dort kehrte er nicht mehr zurück. Auch sein Bruder Anton war als Soldat im Krieg und bei einem Heimaturlaub verliebte er sich in Barbara und heiratete sie.

Später machte sich Anton Theisen als Kapellmeister und Chordirektor am Würzburger Stadttheater einen Namen. Neben vielen anderen Künstlern unterrichtete er auch die spätere Opernsängerin und Wagner-Interpretin Waltraud Meier und den inzwischen verstorbenen Kammersänger Professor Raimund Grumbach aus Eibelstadt. „Ich war bei jeder Premiere dabei. Künstler gingen bei uns zuhause ein und aus. Wir haben immer viel Hausmusik gemacht!“, erinnert sich die Hundertjährige. Letztes Weihnachten hat sie sogar noch Geige gespielt“, ergänzt Tochter Angela Sey. Anton Bruckner-Fan sei ihr Vater gewesen, die Musikleidenschaft hätte sich auf die ganze Familie ausgewirkt.

Später war Barbara Theisen Musik- und Stenografie-Lehrerin in Hassfurt. Als Würzburg am Abend des 16. März 1945 lichterloh brannte, machte sie sich mit dem Fahrrad auf den Weg in die Heimatstadt. „Ich sah die Flammen aus der Ferne. Unterwegs löste ich meine Lebensmittelmarken ein, kaufte Essen und band alles auf das Rad. So fuhr ich nach Würzburg.“ Den Greinberg hinunter konnte sie wegen der Hitze nur zu Fuß laufen. Im Frauenland wohnte die Schwester und bei ihr war zum Glück die übrige Familie – auch Mutter und Vater – versammelt. Normalerweise blieb bei einem Angriff der Vater in seiner Werkstatt in der Stadt, doch diesmal war er mit seiner Frau zur Tochter gegangen. „Das wäre sein Todesurteil gewesen. Sonst hätte ich ihn nicht mehr lebend wiedergesehen“, denkt Theisen heute an ihre Angst zurück.

Tage später, als Würzburg in Schutt und Asche lag, radelte die junge Lehrerin nach Schlechtsart in Thüringen, um dort bei Verwandten Hilfe zu holen. Mit einem Lastwagen wurde schließlich die Würzburger Familie nach Thüringen in Sicherheit gebracht. Bald engagierte sich Barbara im Wiederaufbau der Stadt. Als Trümmerfrau, bis sie schwanger wurde. „Ich wurde nahe vom Café Michel eingesetzt. Teile vom Falkenhaus mussten mit einer Lore immer an einem bestimmten Ort abgelegt werden.“ Ihr Mann Anton war aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt.

Theisen ging „Am liebsten in den Dom zum Bischof.“

Dann tingelte der junge Mann mit zwei weiteren Musikanten durchs Land, um Geld zu verdienen und den Menschen etwas Schönes zu bieten. Sohn Johann kam im Oktober 1945 auf die Welt. Als er nach drei Wochen starb, war das für die junge Familie ein schlimmer Schicksalsschlag: „Man hat mich nicht einmal auf seine Beerdigung gelassen“, flüstert Barbara Theisen und wischt sich eine Träne ab. Doch bald kam mit den Kindern Manfred, Lothar und Angela das Glück zurück. Es folgten unbeschwerte Jahre der Kindererziehung und schließlich die Rückkehr ins Berufsleben. Theisen arbeitete als Lehrerin am Röntgen-, Siebold- und Wirsberg-Gymnasium. Immer wieder veranstaltete sie Schulkonzerte, gerne auch mit ihrem Kollegen Meierott, Vater des bekannten Komponisten Florian Meierott.

Dann ein weiterer Schicksalsschlag kurz vor ihrer Pensionierung: Ihr Mann Anton erlag einem Herzinfarkt. Trotz der tiefen Trauer ging das Leben weiter, denn sie freute sich über die heranwachsenden Enkel. Dann erwähnt sie ihre tiefe Liebe zu Gott und den Trost, den er ihr gab und dass sie, bereits verheiratet, als Schwester Rita vom Heiligen Josef ihr Gelübde bei den Würzburger Karmeliten ablegte. „Das war mir wichtig, ich war schon immer sehr katholisch“, betont die Seniorin.

Nein, zu den Ordenstreffen gehe sie nicht mehr, dafür aber in die Kirche. „Am liebsten in den Dom zum Bischof.“ Denn dort, vor der Zerstörung, sei sie schon als Kind gerne gewesen. Den Rosenkranz betet sie wöchentlich in der Kirche „Unsere liebe Frau“, ganz in der Nähe. „Ich bin mit dem lieben Gott aufgewachsen und rede immer noch oft mit ihm. Da ist eine ganz starke Verbindung zwischen uns“, lächelt sie. Dann erzählt sie von einem Pfarrer in der Franziskanerkirche, dessen Messe sie auch gerne besuche, „da man ihn wenigstens gut versteht“. Und von ihrem früheren Seelenführer, einem Pater, der jetzt in Regensburg weile.

Barbara Theisen lebt aber auch im Hier und Jetzt. Der Klimawandel ist ihr ein Anliegen. „Was die Greta macht, ist gut“, lobt sie Thunberg. „Früher sah ich mit meinen Zöpfen fast genau so aus wie sie!“ Und dann die Digitalisierung: Eine E-Mail hätte sie noch nie geschrieben, doch beim Skypen ihres Sohnes mit den Enkeln ist sie dabei. „Auch wenn ich nichts mehr sehe, kann ich sie hören und das ist schön.“ 100 Jahre liegen hinter Barbara Theisen. Mit wachem Verstand durchs Leben gehen, es verstehen und immer noch ein wenig mitreden, genau das sind ihre Anliegen. Auch heute noch. Und sie freut sich auf die Überraschungen, die das Leben weiter für sie bereithalten wird. „Hauptsache, ich bleibe einigermaßen gesund“, äußert sie ihren Herzenswunsch.

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