Ortstermin am Rande Europas

In Tsinubani ist der Pfarrer zugleich Bauer, Mechaniker und Manager mehrerer armenisch-katholischer Dörfer. Von Stephan Baier

Pfarrer Pogos empfängt seine Gäste in der Küche, seine Frau kocht Kaffee. Foto: Fotos: Stephan Baier
Pfarrer Pogos empfängt seine Gäste in der Küche, seine Frau kocht Kaffee. Foto: Fotos: Stephan Baier

Wer in Europa weiß schon, wo die Region Samtskhe-Javakheti liegt, deren Metropole und Verwaltungszentrum die Stadt Akhaltsikhe ist? Und doch wirkt hier, im Grenzgebiet Georgiens zur Türkei, alles überaus europäisch. Etwa die gewaltige Burg aus dem 12. Jahrhundert, die das Stadtbild von einem Hügel her dominiert, und dem Ort seinen Namen – „neues Schloss“ – gegeben hat, aber auch das Nebeneinander von Kirchen, Synagoge und Moschee.

Wie viele Städte Georgiens, hat auch Akhaltsikhe eine balkanische, keine asiatische Anmutung. Die meisten Einwohner sind armenischer Abstammung, und nirgendwo in Georgien ist der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung höher als hier. Wie viele Katholiken es hier genau gibt? „Das ist ein Geheimnis“, schmunzelt der freundliche Kapuziner im frisch fertiggestellten Kloster in Akhaltsikhe. Ihre zahlenmäßige Stärke inmitten des orthodox dominierten Georgien liegt weniger an den rührigen italienischen Kapuzinerpatres, die hier tätig sind, auch nicht an den Kamillianern oder an den Benediktinerinnen, die alle von Renovabis, dem Osteuropa-Hilfswerk der katholischen Kirche, unterstützt werden, sondern an der armenischen Besiedlung.

Auf dem Weg zu Pfarrer Pogos wird schnell klar, dass der Kaukasus nicht einfach die Verlängerung des Balkans ist. Rasch werden die Straßen schlechter, die Schlaglöcher tiefer. Der armenisch-katholische Pfarrer, der mit bürgerlichem Namen Martiros Grigoryan heißt, empfängt uns auf seinem eigenen Bauernhof in Tsinubani. Die Gegend ist arm. Er baut Gemüse und Kartoffeln an, sagt er. Hinterm Haus sind die leuchtend gelben und orangen Kürbisse gestapelt. Ein paar Hühner laufen frei herum. Die Küche hat eine Wellblechwand, und auch das Dach hat schon bessere Zeiten gesehen.

Seit drei Jahren bestürme er seinen Bischof, ihm endlich ein geländegängiges Auto zur Verfügung zu stellen, erhitzt sich Pfarrer Pogos, während seine Frau in einem finsteren Winkel der Küche schweigend Kaffee kocht und ein paar Süßigkeiten sowie neongrünen, picksüßen Saft auf den Tisch stellt. Vier armenisch-katholische Pfarreien hat er zu betreuen, 600 Familien in Summe. Wie viele Personen das ergibt, will er nicht sagen. Nur soviel: „Die Jugend geht weg, die meisten nach Russland, um dort zu arbeiten.“ Die allermeisten bleiben dann dort, und schicken Geld nach Hause. „Einer zahlte uns ein Stück Straße, der lebt jetzt in Kasachstan. Ein anderer schickte Geld für die Kirche.“ Auch seine eigenen drei Kinder haben das Dorf verlassen, erzählt der Pfarrer: eine Tochter lebt in der armenischen Hauptstadt Jerewan, die zweite studiert noch und braucht Geld von den Eltern, der einzige Sohn ist in Venedig in den traditionsreichen armenisch-katholischen Mechitaristen-Orden eingetreten.

Auf die Frage, ob er von seinem Bischof – dem armenisch-katholischen Erzbischof Raphael Minassian im west-armenischen Gjumri – ein regelmäßiges Gehalt erwarten könne, reagiert Pfarrer Pogos mit einer energischen Geste: Er hebt ein Konfekt auf, lässt es auf den Tisch fallen und ruft: „Nicht einmal das!“ Früher habe er fünf Euro pro Messe bekommen, aber seit einem Jahr nichts mehr. „Gar nichts! Ich bin schon müde, zu fragen.“

Müde wirkt der 53-jährige Priester jedoch keineswegs. Eher tatkräftig und energisch. Neben dem Bauernhof betreibt er eine kleine Werkstatt. Hier gibt es vermutlich nichts, was er nicht selbst reparieren könnte, aber sehr viel gibt es hier in Tsinubani ja auch gar nicht. Und dann ist da noch seine große Vision: Ein Bewässerungssystem für die Felder von drei Dörfern. Das muss er uns zeigen!

Pfarrer Pogos schwingt sich selbst hinter das Lenkrad. Das Wetter sei ja gut, also schauen wir mal, wie weit wir kommen, meint er noch. Dann rast er aus dem Dorf hinaus und den Berg hinauf. Die „Straße“ besteht praktisch aus unterschiedlich tiefen Schlaglöchern. Wenn der Weg zu holprig wird, weicht der zum Rennfahrer berufene Pfarrer einfach auf die Wiese aus. Erstaunlich, was Autoachsen alles aushalten. Aber auch die könnte er wahrscheinlich in seiner kleinen Werkstatt reparieren.

Nach einer abenteuerlichen halben Stunde sind wir auf 1 800 Metern Höhe angekommen. Ein paar Kühe, Schafe und Hunde sind hier oben in den Bergen, nahe der Grenze zur Türkei – und auch nicht fern der armenischen Grenze, wie die Einheimischen gerne betonen.

Hier oben liegt das hoffnungsträchtige Wasserreservoir, das künftig drei Dörfer der katholischen Armenier in Georgiens Süden versorgen soll. Das Schmelzwasser wird bereits jetzt ins Tal geführt, doch 95 Prozent versickern unterwegs, nur fünf Prozent kommen an. Also wollen der Pfarrer und seine Leute einen höheren Wall, um viel mehr Wasser zu sammeln, und eine ordentliche Rohrleitung ins Tal, um die Felder der benachbarten Dörfer zu bewässern. „Vielleicht kommen unsere Söhne wieder aus Russland zurück, wenn das hier funktioniert“, meint einer der Bauern. „Nein, die Mädchen dort sind viel zu hübsch“, scherzt ein anderer.

Herbert Schedler, der weit gereiste Renovabis-Experte für den Balkan wie für den Kaukasus, stellt gezielte Nachfragen, will technische Details und juristische Einzelheiten wissen. Die Aktivisten aus Tsinubani sind schwer beeindruckt. Pfarrer Pogos sammelt unterdessen Pilze am Wegesrand und Kräuter unter den Büschen.

„Wegen drei Flüssigkeiten wird Krieg geführt: wegen Blut, Öl und Wasser“, erklärt ihnen Schedler sein Beharren auf juristisch wasserdichten Lösungen. „Bisher gab es zu wenig Wasser, und es gab trotzdem nie Konflikte zwischen unsern Dörfern“, meint einer der Bauern achselzuckend. „Ich bin seit 16 Jahren Priester hier“, leitet Pfarrer Pogos seine kleine Rede ein. Hier gebe es nur einen Pfarrer, eine Schule und eine gemeinsame Zukunft. „Wir sind wie eine Familie!“

Kartoffeln, Gemüse und Mais bauen die Leute in den Dörfern an. Zum Leben reicht es nur, weil die Kinder aus dem Ausland Geld heim senden. Und weil sich der dynamische Pfarrer um vieles sorgt, nicht nur um das geistliche Wohl seiner Landsleute.

Nach einer halsbrecherischen Fahrt über ungeteerte Feldwege und abschüssige Wiesen zurück ins Dorf zeigt uns Pfarrer Pogos seine Kirche. Jeden Tag um neun Uhr morgens feiert er hier die Messe. In der kalten Jahreszeit sorgt ein wuchtiger Ofen dafür, dass die Frommen nicht erfrieren. Das Ofenrohr ragt quer durch den Raum. Die Bilder und Statuen zeugen eher von Frömmigkeit denn von Kunstsinn.

Nahe dem Eingang für die Männer – die Frauen betreten die Kirche rückwärtig – erinnert ein Chatschar, ein armenischer Kreuzstein, an die uralte, auf die Apostel zurückreichende Glaubenstradition dieses Volkes, und zugleich an den Genozid der Armenier vor hundert Jahren. Mindestens eine halbe Million armenischer Katholiken lebe in seinem Einzugsgebiet – in Armenien, Georgien und Russland –, meinte Erzbischof Raphael Minassian im Gespräch mit dieser Zeitung wenige Tage zuvor in Georgiens Hauptstadt Tiflis. Die Migration zwischen diesen drei Staaten hat vor allem einen Grund: die Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, die hier in Tsinubani mit Händen zu greifen sind.