„Noch ein langer Weg“

Das Reformjudentum hat es schwer im jüdischen Staat Israel. Von Johannes Zang

Rabbinerin Maya Leibovich mit Pfarrer Thomas Plesch. Foto: Zang
Rabbinerin Maya Leibovich mit Pfarrer Thomas Plesch. Foto: Zang

Rabbinerin (hebr. Rabbanit) Maya Leibovich ist dankbar für den Besuch der Gruppe des katholischen Martinushauses Aschaffenburg in ihrer Synagoge von Mevasseret Zion vor den Toren Jerusalems. Dankbar ist sie aus zwei Gründen: zum einen für das Interesse am Judentum, zum anderen für die Spende, die zwischen ihr und der Gemeinde aufgeteilt wird. Rabbiner und Rabbinerinnen liberaler oder progressiver Gemeinden in Israel werden, im Gegensatz zu Rabbinern orthodoxer und ultraorthodoxer Gemeinden, nicht vom Staat bezahlt; sie leben allein von Zuwendungen der Gemeindemitglieder oder Spenden.

Anfang der 1990er Jahre begann Rabbanit Mayas Gemeinde mit sieben Familien, 1993 wurde sie Rabbinerin – als erste, die in Israel zur Welt kam. Heute gehören etwa 200 Familien zur Kehila, wie Gemeinde auf Hebräisch heißt, darunter die Familie des Schriftstellers David Grossman. In diesem Vorort von Jerusalem gibt es laut der Rabbinerin 40 Gemeinden, ihre sei jedoch „die größte und aktivste“. In der Synagoge – hebr. Bet HaKnesset – trifft man sich nicht nur zum Gebet, sondern auch zu Vorträgen. Wörtlich übersetzt bedeute es ja nichts anderes als „Haus, wo man sich sammelt“. Den sozialen Aspekt der Gemeindearbeit hält die vitale 70-Jährige sogar für wichtiger als den religiösen.

Die Anfänge des Reformjudentums liegen in Deutschland – angestoßen durch die Aufklärung, Kaiser Josephs II. Toleranzedikt und die Einführung der Religionsfreiheit in Frankreich. 1812 wurde schließlich in Preußen ein Emanzipationsedikt für die Juden erlassen. Einflussreichster Denker der jüdischen Aufklärung war Moses Mendelssohn: Er übersetzte den Pentateuch ins Deutsche und machte das deutsche Judentum mit der europäischen Kultur vertraut. Fortan erforschten jüdische Gelehrte die Geschichte des Judentums ohne religiöse Voreingenommenheit. Manche empfahlen die Abwandlungen der Speisegesetze oder gar die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, „um mehr Gemeinsamkeit mit ihren christlichen Mitbürgern zu haben“, erklärt Professor Dan Cohn-Sherbok in seinem Buch Judentum.

Der jüdische Finanzier Israel Jacobson ließ 1801 in Seesen bei Goslar die erste Reformsynagoge Deutschlands erbauen: Nun wurde auch auf Deutsch gebetet und der Chorgesang eingeführt. 1818 entstand in Hamburg eine ähnliche Gemeinde: Dort wurde sogar die Kopfbedeckung für Männer abgeschafft. Die 1845 in Berlin gegründete Reformgemeinde verlegte dann tatsächlich den Sabbatgottesdienst auf den Sonntag.

Berlin blieb weiterhin ein Zentrum für Reformbestrebungen im Judentum – so wirkte beispielsweise der 1869 im unterfränkischen Gerolzhofen geborene Rabbiner und Philosoph Benzion Kellermann (1869–1923) von 1917 bis 1923 als liberaler Rabbiner in Berlin, wo er auch starb. Als die erste in Deutschland praktizierende und ordnungsgemäß ordinierte Rabbinerin gilt Regina Jonas, „Fräulein Rabbiner Regina Jonas“ genannt. 1902 in Berlin geboren, wurde sie bereits 1935 ordiniert. Sieben Jahre später deportierten sie die Nazis nach Theresienstadt, 1944 starb sie in Auschwitz – und: geriet in Vergessenheit.

Die neue Bewegung des liberalen und progressiven Judentums breitete sich von Deutschland rasch aus – nach London, Breslau, Budapest. Mehr und mehr wurden jedoch die USA zum Zentrum für Reformbemühungen im Judentum. „Obwohl das progressive Judentum seine frühe klassische Periode in Deutschland und Mitteleuropa erlebte, wuchs und entwickelte es sich am stärksten in den USA.“ So erklärt es die Internetseite der Israelischen Bewegung für Fortschrittliches und Reformorientiertes Judentum. Allein in Nordamerika existieren heutzutage fast 900 Gemeinden mit etwa 1,5 Millionen Juden.

Erst zehn Jahre nach der Staatsgründung Israels, 1958, wurde mit der Kehilat Har-El (Gemeinde Berg Gottes) unter Shalom Ben Chorin (geb. 1913 München, gest. 1999 Jerusalem) die erste Reformsynagoge des Landes eröffnet. Sie gilt als die Gründungsgemeinde der erwähnten israelischen Bewegung und des Reformjudentums in Israel schlechthin. Ihr Selbstverständnis lässt sich so charakterisieren: das jüdische Erbe bewahren und die jüdische Tradition stetig entwickeln und erneuern. Gebet und Studium sind ebenso wichtig wie Kultur, Kunst und Werke sozialer Gerechtigkeit.

Innerhalb des reformorientierten Judentums in Israel sorgt die Frauengruppe Women of the Wall immer wieder für Schlagzeilen. Seit 1988 setzen sie sich dafür ein, an der West- oder Klagemauer mit Gebetsschal laut beten und aus der Tora lesen zu dürfen. Jeweils zu Beginn eines jüdischen Monats beten sie dort – unter ihnen reformorientierte, konservative, „Masorti“ oder solche aus Strömungen der „Erneuerung” oder des „Rekonstruktionismus“. Letztere leugnen die Inspiration der Torah und betrachten sie als Art Folklore des jüdischen Volkes.

Allen Frauen der Mauer gemeinsam ist indes der Einsatz, die Anerkennung ihrer Gottesdienste und Gebete durch israelische Behörden zu erwirken. Ihre Botschaft ist die der Toleranz und des Pluralismus.

Jeweils zu Beginn eines jüdischen Monats versammeln sich die Frauen an der Klagemauer, als deren moderne Befreierinnen sie sich sehen. Dabei wurden sie wiederholt von der israelischen Polizei festgehalten oder verhaftet. Sie und mit ihnen alle reformorientierten Jüdinnen und Juden fühlen sich von der israelischen Regierung und dem ultraorthodoxen Establishment benachteiligt: Denn der nach dreijähriger Diskussion 2016 beschlossene Kompromiss – die Errichtung einer gemischten Zone des gemeinsamen Gebets von Männern und Frauen – ist bis heute nicht umgesetzt worden. Dabei hat sich der Anteil der Juden in Israel, die sich als reformiert bezeichnen, von 2010 bis 2017 verdoppelt – auf insgesamt sieben Prozent der Gesamtbevölkerung.

Noch ist es ein weiter Weg für alle Reformkräfte im Judentum – nicht nur in Israel. Elisa Klapheck, liberale Rabbinerin in Frankfurt und eine von weltweit etwa 1 000 Rabbinerinnen, versichert, es sei „noch ein langer Weg, bis die Gleichberechtigung der jüdischen Frauen, der Rabbinerinnen, wirklich vollendet ist – auch im liberalen Judentum“.

Rabbanit Maya Leibovich hat ihren Weg zum Judentum gefunden – in ihrer offenen und „liberalischen“ Gemeinde, wie sie es in ihrem eigentümlich-charmanten Deutsch ausdrückt. In dieser dürfen – im Gegensatz zu ultraorthodoxen Gemeinden – auch Kinder mit Behinderungen Bar oder Bat Mitzva werden, Sohn oder Tochter des Gesetzes.