Nigeria: Bischof und Emir sorgen für Frieden

Das afrikanische Land steht im Mittelpunkt im Monat der Weltmission von „missio“ – Politik führt zum Konflikt, nicht die Religion

München (DT/missio) Im Monat der Weltmission thematisiert „missio“, das Internationale Katholische Missionswerk in Aachen und München, unter dem Motto „Selig, die Frieden stiften“ das Engagement der katholischen Kirche in Nigeria. Dort kommt es immer wieder zu Gewalt zwischen Christen und Muslimen. Schnell ist von religiösen Konflikten die Rede – auch wenn die Ursachen politisch sind. Ein Emir und ein Bischof wehren sich gegen den Missbrauch der Religion. Auch ihr Beispiel zeigt, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche in Nigeria sich dafür einsetzen, Konflikte zu lösen.

In Jos, einer Stadt in der Mitte Nigerias, sterben bei Unruhen im November 2008 mehr als 700 Menschen, 28 000 Menschen verlieren ihr Zuhause. Anlass ist ein umstrittenes Wahlergebnis. Doch nicht die Parteibüros brennen, sondern die Häuser und Geschäfte von Christen und Muslimen, Kirchen und Moscheen.

Der Erzbischof von Jos, Ignatius Kaigama, glaubt nicht an einen Zufall. Er sieht die Religion gezielt für politische Zwecke missbraucht: „Politiker und andere wissen, wenn du die Seele eines Nigerianers erreichen willst, dann nutze die Religion. Wenn Leute Aufmerksamkeit herstellen wollen, dann ist die Religion das einfachste Mittel dazu.“

2006 bleibt es nach den Mohammed-Karikaturen ruhig

Seit der Einführung der Demokratie in Nigeria 1999 kommt es in verschiedenen Regionen des Vielvölkerstaates wiederholt zu blutigen Auseinandersetzungen mit Tausenden Toten. Dabei geht es oft um politische und wirtschaftliche Interessen. In Jos herrscht seit langem ein Kampf um die Macht und die damit verbundenen Privilegien. Es geht um die Frage, wer die rechtmäßigen Eigentümer der Stadt sind, wer „einheimisch“ und wer „zugezogen“ ist. „Wenn dieses Problem gelöst wäre, hätten wir hier nahezu himmlische Verhältnisse“, sagt Kaigama. „Wenn aber nicht, werden sich solche Unruhen wiederholen.“

Erzbischof Kaigama setzt sich seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 mit großem Engagement für ein friedliches Zusammenleben aller Volksgruppen und Religionen ein. Dabei hat der 51-Jährige einen wichtigen muslimischen Partner für den Frieden gewonnen, den Emir von Wase, Alhaji Haruna Abdullahi. Der Emir ist ein hoher muslimischer Führer im Bundesstaat Plateau.

Als es 2004 in Yelwa, nicht weit entfernt von der Stadt Wase, zu blutigen Unruhen mit mehreren Hundert Toten kommt, greift Erzbischof Kaigama zum Telefon. Er bittet den Emir, mit ihm nach Yelwa zu fahren. Der willigt ein. Die beiden religiösen Führer wollen die Gewalt beenden – trotz großer Gefahr für das eigene Leben. Gemeinsam treten sie vor mehrere Tausend Menschen, Christen wie Muslime. Die Atmosphäre ist aufgeheizt. Sie bitten die Menschen eindringlich, das Morden zu stoppen. Sie ermahnen sie. Nicht der Islam und auch nicht das Christentum erlaube, im Namen Gottes zu töten. „Die Menschen hörten uns zu“, sagt Kaigama. „Und sie glaubten uns.“

Fortan gelten der Emir und der Erzbischof über den Bundesstaat Plateau hinaus in Nigeria als engagierte Friedensstifter. Sie gründen Initiativen, in denen Muslime und Christen gemeinsam Konflikte auf friedliche Weise lösen lernen. In Jos und Umgebung blieb es nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung 2006 ruhig, während es in anderen Teilen der Welt und Nigerias zu gewalttätigen Ausschreitungen kam.

Bildungszentrum für junge Christen und Muslime geplant

Leicht lassen sich unzufriedene junge Männer ohne Arbeit und Perspektive dazu hinreißen, für falsche Versprechungen und wenig Geld zu morden und brandschatzen. Oder sie wenden sich radikalen Sekten zu wie der „Boko Haram“, die im vergangenen Juli weltweit für Aufsehen sorgte. Der Name der Sekte bedeutet soviel wie „Westliche Bildung ist Sünde“. Die radikalen Islamisten wollten in ganz Nigeria die Scharia einführen. Sie griffen in Maiduguri und anderen nordnigerianischen Städten Polizeistationen an, bevor das Militär den Aufstand niederschlug. Mehrere Hundert Menschen starben, Christen und Muslime.

Emir Abdullahi lässt keinen Zweifel daran, was er von solchen Aktionen hält: „Ich sage denen, die sich für politische Zwecke missbrauchen lassen immer, das Fundament des Islams ist Frieden. Wenn man sich anders verhält, dann geht man weit weg vom Fundament seines Glaubens. Und das macht einen zu einem Ungläubigen.“ Gemeinsam mit dem Erzbischof plant der 63-Jährige ein Ausbildungszentrum für christliche und muslimische junge Männer. Dort sollen sie ein Handwerk und sich gegenseitig besser kennen und respektieren lernen. „Letztlich geht es um Bildung“, sagt der Emir. „Wir müssen diese Jugendlichen bilden, die missbraucht werden. Wir müssen ihnen eine Arbeit geben, etwas, was sie beschäftigt, anstatt sie der Langeweile zu überlassen.“

Der Rückschlag durch die Gewalt in Jos 2008 lässt Erzbischof Kaigama und Emir Abdullahi nicht an ihrem eingeschlagenen Weg zweifeln. „Auf dem Höhepunkt der Krise haben viele gedacht, dass uns nun Welten trennen“, sagt Kaigama. „Doch wir sind noch enger zusammengerückt.“