Nicht immer schön, aber laut

Am Vortag des Dreikönigsfestes drängen sich die Spanier zu feierlichen Umzügen auf den Straßen

Pamplona (DT) „Sie kommen, die Könige kommen!“ In den Reihen verbreitet sich die ersehnte Nachricht wie ein Lauffeuer. Menschenmassen drängen sich am Nachmittag in den Gassen zusammen, Polizisten und Freiwillige halten die Schneise mit Absperrbändern frei. Aus der Ferne nähern sich musikalische Klänge, die Minute für Minute stärker durch Mark und Bein vibrieren. Trommlertrupps in Trachten tauchen auf, Trompeter, Flötenspieler, Feuerspucker, Fahnenschwenker. Dann, unter Applaus und Jubel, Kaspar, Melchior und Balthasar in weiten Gewändern. Hoch zu Höcker halten sie auf Dromedaren durch die historische Stadtmauer Einzug in die Altstadt von Pamplona, doch nicht nur hier.

In ganz Spanien sind sie heute, am Vortag des Dreikönigstages, mit reichlich Gefolge unterwegs, kommen zu Lande und selbst übers Wasser. In Barcelona treffen sie mit dem Dreimaster „Santa Eulalia“ im Hafen ein – und das ist überall erst das Vorspiel zu einer Programmfolge, die sich bis in den späten Abend hinein erstreckt. Nach der vielbejubelten Ankunft werden sie in Städten und Orten zunächst von den Autoritäten empfangen, ehe sie sich auf ihren eigentlichen, den richtig großen Auftritt vorbereiten: den bei Dunkelheit beginnenden Königsumzug, „Cabalgata de Reyes“.

Besonders Kinder fiebern diesem Tag entgegen

Im fiesta- und lärmreichen Spanien sind die Dreikönigsumzüge der richtige Auftakt ins neue Jahr. Während die drei Weisen aus dem Morgenland in anderen Ländern in dem Sinne ein Schattendasein führen, als dass man sie nicht gesondert feiert, nehmen sie in Spaniens Brauchtum allein schon durch die Umzüge eine Sonderstellung ein. Besonders Kinder fiebern dem Dreikönigstag entgegen, weil es an Heiligabend traditionsgemäß nichts gegeben hat. In Postämtern hinterlassen sie bis ins neue Jahr hinein ihre Karten und Zettel in Wunschbriefkästen oder überbringen sie eigens abgestellten „Königsboten“ persönlich; auf der Internetseite von Barcelona geht der Briefversand an die Könige neuerdings auch per Online-Formular.

Bei den abendlichen Umzügen beginnen sich Bandwürmer aus geschmückten Wagen und Traktoren mit Aufbauten und offenen Anhängern stundenlang durch die Straßen zu wälzen, begleitet von Trachtengruppen, Musikanten und Kostümierten. Kapellen und Feuerspucker holen alles aus sich heraus, Turbanträger und Fackelgruppen verbreiten orientalisches Flair, Akrobaten üben sich in Überschlägen auf dem Asphalt. Je nach Ereignis sind Kamele und Reiter mit von der Partie, wie auch Hexe und Gnome. Rollschuhgruppen haben sich als Drachen verkleidet und sausen mit ihren bunten Körpern aus Papiergirlanden und Pappmaché hautnah an den Reihen vorbei. Festwagen sind mit Geschenkatrappen beladen, andere mit den Wunschzetteln aus den Postämtern. Im Leuchten von Lichtern und Kinderaugen werden Konfettikanonen abgefeuert, Luftschlangen segeln durch die Luft. Immer wieder gehen Hagelschläge aus Bonbons auf das Publikum nieder.

Die Bombardements aus den Wagen nehmen zwar keine karnevalistischen Ausmaße an wie beim Rosenmontagszug in Köln, doch es fliegen nicht nur die von Banken und Sparkassen gesponserten Bonbongaben. Mitunter ergattert man einen Flummi oder Plastikspielzeug. Am Ende kommen die Prunkwagen mit den Königen, die dem Volke zuwinken und die meisten Süßigkeiten regnen lassen; der schwarze König ist stets der am meisten umjubelte.

In der Hauptstadt Madrid säumen Hunderttausende zwischen den Neuen Ministerien und der Plaza de Cibeles die Straßen; zum Finale steigt ein Feuerwerk in den Nachthimmel. Nicht minder stimmungsvoll geht es in kleineren Orten und Städten wie Alcoi in der Mittelmeerprovinz Alicante zu, wo die Tradition der spanischen Dreikönigsumzüge 1885 ihre Geburt erlebte. Die Frage nach dem Warum fasst die lokale Festorganisation in Andalusiens Hauptstadt Sevilla zusammen, wo die Umzüge seit 1917 durch die Straßen rollen: „eine Botschaft des Friedens zu verbreiten und Freude auch unter den Ärmeren“. Mit Pauken und Trompeten, versteht sich. Nicht immer schön, aber laut. Und nach den Umzügen haben die Reinigungstrupps alle Hände voll zu tun.

Die zehnjährige Carolina hätte von den Königen am liebsten ein Handy. Wünsche wie diese unterscheiden sich nicht wesentlich von denen in anderen Ländern – nur der Zeitpunkt ist nach hinten verschoben. Wenn sich in mitteleuropäischen Sphären die erste Patina auf den Weihnachtspräsenten abgesetzt hat und die Umtauschmühen falsch Beschenkter vergessen sind, geht es in Spanien erst richtig los. Am Vorabend des Dreikönigstages deponiert man seinen Schuh unter dem Weihnachtsbaum, der hier noch längst nicht abgebaut ist, und hofft auf frische Füllung am nächsten Morgen.

Leckereien und Süßwein für die Könige deponieren

Bestenfalls steckt das Gewünschte drin oder steht – im Falle von größerem Spielgerät – daneben. Ist man böse gewesen, sieht es düster aus. Dann findet man Kohle im Schuh. Wer dahingehend Schwarzes befürchtet, kann mit einem nächtlichen Last-minute-Service auf Gnade hoffen. Hilfreich ist es, in strategisch günstiger Schuhnähe ein paar Leckereien und Süßwein für die Könige zu deponieren, dazu etwas Stroh und Wasser für die Kamele. Man kann ja nie wissen. All dies soll schon manchen König besänftigt haben.

Der 6. Januar ist auch in Spanien ein Feiertag, das Ende der Weihnachtszeit und der Ferien. Einzig geöffnet haben Konditoreien und Bäckereien, die mit einem satten Geschäft ins neue Jahr einsteigen. Am Morgen holen sich viele Spanier ihren vorbestellten Dreikönigskranz ab, den „Rosco de Reyes“, der im Familienkreis entweder zum Frühstück oder zum Mittagessen auf den Tisch kommt. Der Kranz ist in der Horizontalen mit einer hoffnungslos übersüßten Zwischenschicht aus Sahne gefüllt. Drinnen verbirgt sich traditionell eine ungekochte Bohne („haba“). Die Frage, wem diese zufällt, ist deshalb spannend, weil man je nach Gemeinschaft den Kuchen bezahlen muss. In anderen Familien setzt man einen kleinen Wettbetrag auf sein vorgeschnittenes Stück und streicht nach glücklicher Bohnenfreilegung den Einsatz aller ein. Die Frage nach Sieg oder Niederlage ist nach ein paar Bissen geklärt. Neuerdings wird die Bohne in der Sahne immer öfter durch ein Plastikfigürchen ersetzt. Ein stilloser Fund „made in China“.