Nach Flugzeugabsturz zu einfache Erklärmodelle

Experten warnen vor Stigmatisierung psychisch kranker Menschen

Frankfurt (DT/KNA) Knapp eine Woche nach dem Flugzeugabsturz in den französischen Alpen warnen Experten vor einer Stigmatisierung psychisch kranker Menschen. Nach bisherigen Erkenntnissen litt der Copilot der Germanwings-Maschine an einer schweren seelischen Erkrankung und ließ den Airbus absichtlich an einem Berg zerschellen. „Aber das bedeutet nicht, dass man Menschen mit psychischen Erkrankungen undifferenziert als ständig suizidgefährdet, als Gefahr für Dritte oder gar als ,unberechenbar und gefährlich‘ betrachten darf“, schreibt der Psychiater Asmus Finzen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Montag).

Bei dem Absturz waren am vergangenen Dienstag 150 Menschen ums Leben gekommen. Auch bei erweiterten Suiziden etwa von Eltern, die ihre Kinder mit in den Tod nehmen, handle es sich um Einzelfälle, so Finzen weiter. Das mache die Identifikation möglicher Täter „schier unmöglich“. Dennoch appellierte der frühere Professor für Sozialpsychiatrie an die Fluggesellschaften, die alljährlichen Flugtauglichkeitsuntersuchungen um einen psychologischen Check zu erweitern. Um psychisch erkrankte Menschen angemessen unterstützen zu können, brauche es zudem eine gesamtgesellschaftliche Aufklärung und eine sachliche Diskussion.

Bereits am Sonntagabend hatte der evangelische Theologe Wolfgang Huber gemahnt, die Öffentlichkeit solle nicht in neue Stereotype verfallen. In der ARD-Talkshow „Günther Jauch“ sagte der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), es sei keineswegs typisch für depressive Menschen, mörderische Taten zu begehen. Auch das Nationale Suizidpräventionsprogramm (NaSPro) forderte eine „zurückhaltende, nicht emotionalisierende und nicht allzu spekulierende“ Berichterstattung über die Hintergründe des Absturzes. „Sehr einfache oder auf den Fall nicht anwendbare Erklärungsmodelle“ häuften sich, so die Organisation am Freitag. Ein Suizid gehe jedoch immer auf verschiedene Faktoren zurück. „Einfache, monokausale Erklärungen wie ,Depressionen‘, ,Arbeitslosigkeit‘, ,Schulden‘ tragen in der Regel nur wenig zum nachträglichen Verständnis einer suizidalen Handlung bei.“