Walsingham

Mariens Brautschatz

Die englischen Katholiken haben im Familienkreis ihr Versprechen an die Muttergottes erneuert.

Unsere Liebe Frau von Walsingham
Unsere Liebe Frau von Walsingham spielt eine Schlüsselrolle im englischen Katholizismus. Das wusste schon Papst Leo XIII. Foto: Foto:

England hat eine lange katholische Tradition, die von der Reformation überschattet ist wie in fast keinem anderen Land. Bereits im 4. Jahrhundert formten sich kleine christlichen Gemeinden als Teil der römischen Besatzung, und es entstand nach dem Abzug der Römer eine spezifisch keltische Form des Christentums. Erst mit der Missionsfahrt des heiligen Augustinus von Canterbury, der von Papst Gregor von Rom aus gesandt wurde, entwickelte sich England ab dem Jahre 597 AD zu einem christlichen Land in der spezifisch römischen Tradition.

Einer der heiligsten Orte Englands

Fast 500 Jahre später erschien im Jahre 1061 die Muttergottes der adligen Richeldis de Faverches, die in Walsingham, einem Dorf in Norfolk, im Nordosten von England lebte. Sie forderte Richeldis auf, dort ein Replikat ihres Hauses in Nazareth, wo Maria der Erzengel Gabriel erschienen war, zu bauen und gab ihr die genauen Angaben. Dieses „Holy House“ wurde rasch zu einem vielbesuchten Schrein. Seitdem wurde Walsingham als einer der heiligsten Orte Englands verehrt, und unzählige Pilger haben das Dorf besucht, um Maria zu bitten, in ihrem Namen zu Jesus zu beten. Im Mittelalter wurde das Dorf zu einem der meistbesuchten Pilgerorte nach Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela.

„When England goes back to Walsingham, Our Lady will return to England.“
Papst Leo XIII.

Der Titel Englands als „Dowry of Mary“, also Mariens Brautschatz, geht auf den heiligen Edward den Bekenner (1042–1066) zurück. Das englische Recht verlangte damals, dass ein Mann seiner Frau einen Teil seines Landes und Geldes als „dowry“ (Brautschatz oder Widerlage) zur Seite legen sollte, um sich selbst versorgen zu können, sollte der Ehemann vor ihr sterben, denn Söhne und Brüder galten als vorberichtigt.

Heiliges Martyrium

Der erste dokumentarische Beweis für den Titel findet sich in einem Gemälde, das König Richard II. (er regierte von 1377 bis 1399) und seine Gemahlin Anne von Böhmen in der Westminster Abbey am Fronleichnamsfest 1381 zeigt. Er hält ein Pergament mit der lateinischen Inschrift: „Dos tua Virgo pia haec est. Quare Leges, Maria.“ (Dies ist Dein Brautschatz, oh fromme Jungfrau. Maria, herrsche darin.) Der König erließ daraufhin ein Gesetz, das 1399 von Thomas Arundel, dem Erzbischof von Canterbury, feierlich proklamiert wurde.

Die Reformation und die Verfolgung der katholischen Kirche durch Henry XIII. und Elizabeth I. machte Katholiken zu einer kleinen, verschworenen Minderheit und führte zu einer Untergrundkirche in England. Schreine und Abteien wurden geplündert und zerstört. Katholiken waren gezwungen, auf ein offenes liturgisches Leben zu verzichten und sich stattdessen auf persönliche Frömmigkeit im Rahmen der Familie zu konzentrieren. Als eine Art heiliges Martyrium durchlebte der englische Katholizismus immerhin 300 Jahre in geheimnisvoller Weise im inneren Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse.

Zuwanderung von Katholiken aus Irland

Erst im 19. Jahrhundert wurde der Katholizismus in England langsam rehabilitiert. Die Einwanderung katholischer Arbeiter aus Irland hatte in Folge der Industrialisierung seit dem Ende der napoleonischen Kriege begonnen. Die Lockerung der anti-katholischen Repressionsgesetze führte zur Katholikenemanzipation von 1829. Die katholische Bevölkerung wuchs so schnell, dass der Hl. Stuhl 1840 die Zahl der apostolischen Vikariate in England verdoppeln musste, um acht statt vier Bezirke zu schaffen. Aber 1845 und in den folgenden Jahren nahm die Einwanderung aus Irland immense Ausmaße an, da die Kartoffelernte wiederholt ausfiel und ein Massenexodus aus Irland begann. In den nächsten Jahren wurde die katholische Bevölkerung Englands und Wales, die bis dahin kaum 300 000 betrug, plötzlich um etwa eine Million Flüchtlinge der irischen Hungersnot erhöht.

Die Katholiken galten als unwissend

Zur gleichen Zeit öffnete die Konversion des heiligen Kardinal Newman die Schleusen für eine Flutwelle von Konvertiten, die alle im Gefolge dieses gegenkulturellen Glaubensaktes in die katholische Kirche eintraten. Dies sandte eine Schockwelle durch das viktorianische England. Wie konnte eine solche Säule des britischen Establishments wie Newman, der für seine Intelligenz und seine außerordentliche Bildung als Anglikaner gefeiert und respektiert wurde, einer Konfession erliegen, die das Establishment dreihundert Jahre lang zu beseitigen versucht hatte – einer Konfession, die die gebildeten Klassen als unwissend und abergläubisch betrachteten? Newmans Überquerung des Tibers beleidigte den Stolz und die Selbstgewissheit der britischen Kultur und löste einen heftigen Kulturkampf aus. Aus diesen Gründen kann das Jahr 1845 als endgültiges Datum der Geburt der katholischen Wiederbelebung in England gefeiert werden. Die Wiederherstellung der katholischen Hierarchie in England, das heißt die Wiedererrichtung eines regulären römisch-katholischen Diözesansystems für England und Wales, erfolgte 1850.

Chestertons Einfluss

Den Einfluss des Schriftstellers und Intellektuellen G. K. Chesterton auf den Erfolg des Katholizismus in England des frühen 20. Jahrhunderts kann man in dieser Hinsicht nicht überbewerten. Chesterton wuchs in einem unitarischen Elternhaus auf. Seine Entdeckung des „orthodoxen“ Christentums, wie in seinem Buch „Orthodoxie“ beschrieben, führte ihn zuerst im Jahre 1901 in die Kirche von England, die aber, wie er später sagte, einfach seine eigene unvollendete Bekehrung zum Katholizismus war. Bevor er katholisch wurde, erkannte Chesterton zwar die Tatsache an, dass er viele andere in die Kirche leitete, ohne sie selbst aber betreten zu haben. Erst 1922, im Alter von 48 Jahren, wurde Chesterton in die römisch-katholische Kirche aufgenommen. Abgesehen von den zahlreichen Konvertiten, die wegen seiner Schriften zum Katholizismus kamen, wurde eines der meistverkauften Bücher aller Zeiten unter Chestertons wohlwollendem Einfluss geschrieben: „Der Herr der Ringe“, das unter den zehn meistverkauften Büchern aller Zeiten ist, wurde von einem Autor geschrieben, der Chesterton als seinen großen Einfluss anführte.

J.R.R. Tolkien wuchs als junger und frommer Katholik im edwardianischen England auf und verschlang Chestertons Schriften. Für Chesterton stellen die Traditionen der Vergangenheit, die durch das Kontinuum, das wir Zivilisation nennen, und im Laufe der Zeit erweitert wurde, eine mächtige Stimme und Präsenz in der Gegenwart dar, die sicherstellt, dass sie im Vertrauen an zukünftige Generationen weitergegeben werden. Tradition ist daher, wie Chesterton betont, eine Erweiterung der Demokratie durch die Zeit, der Stellvertreter der Toten und das Recht des Ungeborenen.

„When England goes back to Walsingham, Our Lady will return to England“ - diese prophetischen Worte von Papst Leo XIII., der sich um die letzte Jahrhundertwende herum so sehr um die katholische Soziallehre verdient gemacht und Chestertons Lehre des Distributismus nachhaltig beeinflusst hat, deuten darauf hin, dass Unsere Frau von Walsingham eng mit der geistigen Gesundheit Englands verbunden ist.

Ein Versprechen, das aus den Wohnungen kommt

Während andere Konfessionen in England sich in der Krise und im Niedergang befinden, sind die katholischen Messen gut besucht und traditionalistische Anglikaner treten der katholischen Kirche bei. Anlässlich einer Tagung im November 2017 beschlossen die englischen Bischöfe, das Land am 29. März 2020 neu zu weihen.

In den vergangenen zwei Jahren hat die „Dowry Tour“ die Statue Unserer Lieben Frau von Walsingham in jede katholische Kathedrale in England gebracht, es wurden 100 000 Exemplare von Pater Michael Gaitleys „33 Days to Morning Glory“ zur Vorbereitung auf den Festtag verteilt, und Hunderte von Pfarreien und Gemeinden meldeten sich für Messen zur Wiederwidmung.

Dieser Nationale Tag der Neuweihung, der auf den fünften Sonntag der Fastenzeit fiel, wurde von Katholiken im ganzen Land begangen, die ein persönliches Angelus-Versprechen an Gott in Verbindung mit dem „Ja“ Mariens bei der Verkündigung geben. Mit den neuen Maßnahmen zur Begrenzung der Ausbreitung von Covid-19 in Großbritannien wurden Christen aufgefordert, sich und ihr Land den Gebeten der Jungfrau Maria von zu Hause aus zu widmen. Da die Messen also wegen der widrigen Umstände ausfallen mussten, erneuten katholische Engländer wie zu Zeiten der Untergrundkirche im Familienkreis ihr Versprechen an die Muttergottes.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.