Lust auf „Modesty-Fashion“

In der Modewelt ist Verhüllung wieder angesagt. Doch was steckt hinter dem neuen Trend?

Gwyneth Paltrow
Hochgeschlossen und attraktiv: Schauspielerin Gwyneth Paltrow. "Audi Night" in Kitzbühel. Foto: Ursula Düren (dpa)

Katholikinnen, holt die verstaubten Wickelröcke und Andachtsschleier aus den Kästen! Vergesst Skinny Jeans, Minirock und Spaghetti-Tops, dass ist sowas von 2010!

Manch einer hat noch lebhaft die Zeiten im Kopf, als unter Teenager-Mädchen enge Jeans der letzte Schrei waren. Die Hosenbünde waren damals im Wettstreit darüber, wer unter ihnen wohl der am tiefstliegendste ist. Noch trendiger war es, wenn darüber Stringtanga und eine Tätowierung oberhalb des Steißbeins keck hervorblitzten. Als ich mir neulich zusammen mit meinen Geschwistern den Film „Spider-Man“ ansah, hatten wir einen kleinen Schock-Moment, als eine junge Frau mit exakt diesen Hosen den Bildschirm betrat. Meine Schwester bemerkte: „Könnt ihr euch vorstellen, dass wir das früher cool fanden?“ Der Blockbuster ist von 2002.

Auch in kirchlichen Kreisen spiegelt sich die Mode wider

Seitdem ist es mit dem guten Geschmack in der Mode wieder bergauf gegangen. Bestimmte Tätowierungen werden mittlerweile als Jugendsünde bezeichnet. Die Hosen von Heute tragen im Geheimen einen Konkurrenzkampf aus, wer von ihnen bis über den Bauchnabel reicht. Das gleiche Schicksal wie die Hüftjeans traf auch die „Deep V-Neck“ T-Shirts der Herren. Dieser in den frühen Nullerjahren besonders unter freikirchlichen Lobpreisleitern beliebte Schnitt, der eine trainierte Brust betont und gerade noch die Brustwarzen bedeckt, wurde abgelöst von XL T-Shirts mit Rundhals.

Unter der Jugend sind weite Klamotten wieder angesagt. Ikone dieses Trends ist Popsängerin Billie Eilish. Die 18-Jährige trägt konsequent nur schlabbernde und hochgeschlossene Kleidung, da sie möchte, dass alleine ihre Musik bewertet wird und nicht ihr Äußeres. Auf den Punkt gebracht: Modest-Fashion (zurückhaltende, bescheidene Kleidung) ist In – nicht nur bei jungen Leuten! Längst hat die Modewelt Maxikleider, Rollkragenpullover und breit geschnittene Hosen wieder für sich entdeckt. Hollywood-Stars wie Tilda Swinton oder Gwyneth Paltrow wurden in den letzten Monaten mit bodenlangen Röcken und hochgeschlossenen Blusen gesichtet.

Die britische Modesuchmaschine „Lyst“ verzeichnet in ihrer neuesten Analyse den enormen Nachfrageanstieg von 145 Prozent gegenüber dem Vorjahr bei konservativ geschnittenen Kleidungsstücken. Ein Minus gab es bei Suchen nach Miniröcken und figurbetonter Jeans. Das Wort „sexy“ hat sogar um ein Fünftel abgenommen.

Fragen tun sich auf: Handelt es sich bei dieser Modeströmung einfach nur um einen Gegentrend oder liegen tiefere Ursachen dahinter? Tatsächlich hat der Begriff „modest clothing“ einen religiösen Hintergrund. Der Anspruch, sich in der Öffentlichkeit möglichst dezent und bedeckt zu kleiden, spielt vor allem im Islam, aber auch im orthodoxen Judentum eine gewichtige Rolle. Die äußerliche Zurückhaltung soll dabei die innere Einstellung reflektieren. Es gilt, bescheiden und demütig zu sein und in keinster Weise die Aufmerksam auf sich lenken zu wollen. Individualismus ist eher ein Schimpfwort als ein erstrebenswerter Zustand. Im Christentum ist das dezente, bedeckte Kleiden eher ein Randthema. Ausnahmen, die Bekleidungsregeln vorwiegend für Frauen aufstellen, sind einige evangelikale Freikirchen sowie erzkatholische Gruppen in den USA. Die zunehmende Globalisierung, die Verbreitung von Internet und Kapitalismus, aber auch die Zunahme des Islams in den westlichen Gesellschaften führten dazu, dass unter Musliminnen und Jüdinnen der Wunsch nach modischer Kleidung stärker wurde. Ein neues Bewusstsein erwachte unter ihnen: Man kann religiöse Regeln beibehalten und zugleich modisch gekleidet sein.

Doch wo ließen sich Klamotten, die die Vorschriften nicht verletzen, herbekommen? Die großen Modeketten führten keine Kopftücher und keine weit geschnittenen, bodenlange Kleider. Doch das änderte sich. Geht frau heute auf die Internetseite Asos, dem beliebtesten Onlineshop von jungen Leuten weltweit, findet sie unter der Kategorie „modest fashion“ die begehrten Stücke modisch interpretiert. Inzwischen verkauft Nike Sportkopftücher und H&M und Mango haben sogenannte Ramadan-Kollektionen. Luxusmarken wie Channel oder Burberry führen islamische Mode. 2018 setzte die britische Vogue zum ersten Mal ein muslimisches Model mit Hijab auf ihr Cover.

Es gibt auch religiöse Motive für den Trend

Trotz der religiösen Wurzeln lassen sich die Gründe für die derzeitige „modesty“-Welle nicht auf den Glauben allein reduzieren. Mode ist immer auch Kunst und hält dem jeweiligen Zeitgeist einen Spiegel vor. Wo stehen wir im Bezug auf Kleidung? Welche Beziehung haben wir zu Körper und zu Sexualität? Eins ist sicher: Nacktheit schockiert nicht mehr, im Gegenteil. Sie ist zur Normalität geworden. In der von Popkultur durchdrungenen Gesellschaft kennt jeder Kim Kardashians Hinterteil. Es ist nicht verwunderlich, wenn in einer durch Pornografie abgestumpften Mehrheit die Playboy-Hefte am Kiosk ohne schlechtes Gewissen neben den Lifestyle Magazinen aufgelegt werden. Jegliche Intimität ist entzaubert, davon zeugen Lutscher in Penisform und Gipsabdrücke von Vulven. Knappe Bekleidung wurde von Feministen als die große Befreiung der Frauen gefeiert.

Was als prüde galt, gilt nun als radikal

Es ist die Ironie der Geschichte, dass das Tragen von eben jenen als prüde und unterdrückend geltenden Kleidungsstücken jetzt als „befreiend“ und „radikal“ gilt. „In Zeiten wo die Leute nur mit Nippelabdeckungen bekleidet zu einer Modeshow erscheinen, ist das einzige, was sie schockieren kann, ein maßgeschneiderter Anzug“, witzelt der Designer Michael Kors. Das, was früher das Nacktsein war, ist heute das Verhülltsein.

Wer denkt, die neuen It-Teile sind prüde, langweilig oder grau-in-grau, liegt falsch. Vielmehr handelt es sich um Kleider mit interessanten Schnitten, kräftigen Farben, spielerischen Accessoires und aufgenähten Rüschen. Lediglich auf das Zeigen von nackter Haut wird verzichtet. Adjektive, die mit dem Modesty-Trend in Verbindung gebracht werden, sind „klassisch“, „elegant“, „intellektuell“ und „sophisticated“. Lange Mäntel, hochgeschlossene Blusen und flache Schuhe spiegeln innere Werte nämlich viel besser wider als Minirock und High Heels. Die zugeknöpfte Mode kann Medizin für unsere durch Nacktheit gelangweilten Augen sein. Sie ist Heilung und lässt den Blick für wahre Schönheit und ewige Qualitäten genesen.