Kopten im Alltag der Revolution

Ägyptische Szenen aus Kairo und den Klöstern der Wüste Wadi al-Natrun. Von Andras Boueke

Gottesdienst in al Muallaque, der wohl ältesten Kirche in Kairo. Foto: Boueke
Gottesdienst in al Muallaque, der wohl ältesten Kirche in Kairo. Foto: Boueke

Kairo (DT) „Zur Zeit der Pharaonen haben die Ägypter ihren Göttern gehuldigt“, erklärt der ägyptische Historiker Rami Mounir. „Zum Beispiel Atum, Amun oder Ra.“ Zu Beginn unserer Zeitrechnung wurde diese Religion von den Römern ausradiert. Heute hat sie nur noch archäologische Bedeutung. Rami Mounir steht vor einem Altar der al Muallaqa, der wohl ältesten Kirche Kairos. Das Gebäude wurde vermutlich schon im vierten Jahrhundert gebaut, dreihundert Jahre nachdem der Evangelist Markus das Christentum in Ägypten verbreitet hat. „Der Heilige Markus war der erste Papst der orthodoxen, koptischen Kirche“, sagt Rami Mounir. „Der jetzige Papst Shenouda ist die Nummer 117 seiner Nachfolger.“

Partnerschaft deutscher Gemeinden mit Kopten

Vor dem Eingang der Kirche bewahren die engen Straßen des alten Zentrums von Kairo eine friedliche, beschauliche Atmosphäre. Doch der nächste laute Boulevard des quirligen, modernen Kairo liegt nur wenige Meter entfernt. Etwas nördlich, kaum fünfzehn Gehminuten vom Tahrir Platz, dem Zentrum der ägyptischen Revolution, sitzt der deutsche Pastor Günter Meyer-Mintel im Aufenthaltsraum des Hotels Windsor. Die Geräusche der Straße dringen bis hinauf in den zweiten Stock. Das britische Flair des Raums macht den Eindruck, als habe es seit dem Ende der englischen Besatzung Anfang des vergangenen Jahrhunderts überdauert.

Dreißig Jahre lang hat Günter Meyer-Mintel als kirchlicher Schulreferent Partnerschaften zwischen deutschen Gemeinden und koptischen Kirchengruppen in Kairo betreut. Er weiß, wovon er spricht, wenn er sagt, dass die ägyptischen Orthodoxen besonders stolze Christen sind: „Das Wort Kopt kommt von Aigyptios. Deshalb sagen die Kopten: ,Wir sind die ursprünglichen Ägypter. Die Araber sind erst im Jahr 620 nach Christus hierher gekommen. Wir waren die ersten.‘ Jetzt werden die Rechte neu verteilt. Deshalb erheben die Kopten ihre Stimme.“

Bei den Demonstrationen im Januar gegen den Despoten Mubarak haben Kopten und Moslems Schulter an Schulter protestiert. Sie waren gemeinsam erfolgreich. „Doch eben das lässt nach“, bedauert Pastor Meyer-Mintel. „Durch das Versprechen, Parteien zu schaffen, die es zuvor ja gar nicht gab, ist ein Konkurrenzdenken aufgekommen. Die Solidarität ist zersplittert, obwohl diese Revolution noch nicht zu Ende ist.“

Die politischen und sozialen Umwälzungen haben neue Freiheiten für die Bevölkerung gebracht. Dazu gehört aber auch die Freiheit, ungestraft religiöse Minderheiten zu diskriminieren. In Ägypten leben weit über achtzig Millionen Menschen. Etwa zehn Prozent von ihnen, also acht Millionen, sind nach seriösen Schätzungen Kopten.

Eine Hochburg koptischen Lebens sind die Klöster in der Wüstenlandschaft Wadi al-Natrun, etwa neunzig Kilometer nordwestlich von Kairo. Gemäß dem Matthäus-Evangelium sind Maria, Josef und der Neugeborene Jesus auf ihrer Flucht vor den Schergen von Herodes, dem damaligen König in Judäa, nach Ägypten gezogen. Dabei sollen sie auch durch die unwirtliche Gegend von Wadi al-Natrun gekommen sein. Zahlreiche Kultstätten erinnern an die Reise. An Orten, an denen sich die Heilige Familie aufgehalten haben soll, wurden Kultstätten gebaut. Schon zu Beginn des vierten Jahrhunderts haben sich christliche Eremiten in diese Klöster und Kirchen zurückgezogen. In der Einsamkeit der Wüste wollten sie sich Gott näher fühlen. Diese Tradition besteht bis heute.

Die Wüstensenke Wadi al-Natrun liegt bis zu zwanzig Meter unterhalb des Meeresspiegels. Jedes Kloster stellt eine wirtschaftlich selbstständige Einheit dar, mit ausgedehnten Ländereien, deren Grün deutlich aus der ansonsten sandigen Einöde heraussticht. Das wohl älteste Kloster ist das von al Baramus. Hier lebt ein junger Mönch, der seinen Namen nicht nennen möchte. Aber über sein Leben gibt er bereitwillig Auskunft: „Ich verlasse das Kloster nur sehr, sehr selten. In zwölf Jahren bin ich dreimal rausgegangen. Ich habe dieses Leben selbst gewählt. Deshalb empfinde ich es nicht als eine Beeinträchtigung meiner Freiheit.“

Offenbar hat das Mönchsleben in der Wüste nichts von seiner Anziehungskraft verloren. In den Klöstern von Wadi al-Natrun leben heute mehrere hundert Mönche in selbst auferlegter Armut und Enthaltsamkeit. „Jeder hat eine andere Motivation“, sagt der junge Mönch. „Der eine mag denken: ,Mein Leben auf der Erde wird früher oder später zu Ende sein. Ich muss etwas für mein ewiges Leben tun.‘ Ein anderer hat vielleicht die Geschichte eines Heiligen gelesen und ist davon tief berührt worden. Ich selbst hatte ein sehr komfortables Leben und eine gute Familie. Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert und hatte eine gute Anstellung. Gott sei Dank habe ich ein erfolgreiches Leben geführt. Trotzdem habe ich mich entschieden, die Welt zu verlassen und ins Kloster zu gehen. Ich wollte mehr Zeit für das Gebet und für die Kontemplation nutzen.“

Mönche spüren nur wenig von den Umwälzungen

Das Leben in den Klöstern ist geprägt von Ritualen und Bräuchen. Die Mönche spüren nur wenig von den umwälzenden Ereignissen, die die ägyptische Gesellschaft zurzeit erlebt. „Wir kümmern uns nicht um Politik. Aber immer mal wieder kommen Leute von außerhalb, die uns Nachrichten bringen. Wir haben eine Meinung, so wie jeder Mensch. Ich glaube, dass die Islamisierung des Landes zunimmt. Es gibt jetzt zwar mehr Freiheiten, aber nicht für Christen. In Kairo sind Brandanschläge auf viele Kirchen verübt worden.“

Gewalttätige Übergriffe gegen christliche Gemeinden gab es auch während der dreißigjährigen Herrschaft Mubaraks. Doch die Berichterstattung über diese Ausschreitungen wurde häufig unterdrückt. Seit der Revolution sind solche Informationen weitgehend frei verfügbar. Deshalb wissen die Kopten genau, dass im Laufe der vergangenen Monate viele Kirchen in Brand gesetzt und Dutzende ihrer Glaubensbrüder ermordet wurden. Zu solchen Gewaltausbrüchen kommt es besonders dann, wenn Christen gegen die latente Einschränkung ihrer Religionsfreiheit protestieren wollen. Diese Diskriminierung hat Tradition in Ägypten. Selbst der ehemalige Präsident und Friedensnobelpreisträger Anwar al-Sadat gilt als Gegner der Religionsfreiheit für Christen. Im Jahr 1981 verbannte er den koptischen Papst in das Kloster Sankt Bischoi. Erst vier Jahre später wurde das Oberhaupt der orthodoxen Kopten von Sadats Nachfolger Mubarak freigelassen.

Sankt Bischoi ist die zweite Residenz des koptischen Papstes Shenuda. Auch 120 Mönche leben in dem Kloster. Einer von ihnen ist Bruder Joaquin. Er sitzt auf einem Bett aus Holzplanken in einem kargen Raum, der nicht größer ist als fünf Quadratmeter. Nichts erinnert an die blutigen Konflikte, die auf den Straßen Ägyptens ausgefochten werden. „Dies ist eine Mönchszelle mit zwei Zimmern aus dem neunten Jahrhundert“, sagt der Bruder Joaquin. „Dieser Raum ist für die Andacht, das Gebet, die Lektüre und auch zum Schlafen. In dem anderen Raum kann der Mönch Gäste empfangen, andere Mönche, die ihn als Freunde besuchen. Außerdem ist es der Raum der Arbeit. In vergangenen Zeiten haben die Mönche hier vor allem Körbe aus Palmenblättern geflochten. Die alte Tür ist so eng, weil sie an die Pforte erinnern soll, von der Jesus Christus sprach. Im Evangelium von Matthäus, Kapitel sieben, sagt er, durch eine enge Pforte zu gehen bedeute, sich daran zu erinnern, dass der Weg zum Leben beschwerlicher ist als immer nur so zu handeln, wie es einem selbst gefällt.“

Während sich die Menschen in Ägypten auf grundlegende Veränderungen einstellen müssen, bleibt das Leben der Mönche in den Klöstern weitgehend gleich. „Das System für uns ist jeden Tag dasselbe. Wir beten für die Menschen, die draußen leben. Außerdem haben wir täglich ein spirituelles Programm zu leisten, in dem wir für den Frieden beten. Hier bei uns ist die Sicherheitslage sehr gut. Gott steht uns bei.“

In der Kirche der Heiligen Barbara im alten Zentrum Kairos endet gerade ein Gottesdienst. Der Priester Sarabamoni Zaki ist in sein luxuriös ausgestattetes Büro gegangen. Er sitzt auf einem gepolsterten Bürosessel vor dem flachen Bildschirm eines Computers. Der Mann hat einen langen, grauen Bart. Früher war er gut rasiert. Nach einem Wirtschaftsstudium hat er für eine Ölfirma in Libyen gearbeitet. Doch dann, vor dreißig Jahren, wurde er zum Priester der koptisch-orthodoxen Kirche geweiht. Für die politischen Ereignisse in Ägypten interessiert er sich noch immer. Er meint, die Situation der Kopten habe sich durch die Revolution spürbar verändert: „Seit dem 25. Januar haben einige Christen Angst. Wir wissen nicht, was geschehen wird. Uns ist sehr bewusst, dass es eine Veränderung in der Beziehung zwischen Christen und Moslems gibt. Der moslemische Flügel bemüht sich heftig um die Macht. So etwas haben wir in den vergangenen dreißig Jahren noch nicht erlebt.“

Die meisten koptischen Würdenträger sagen, sie seien froh darüber, dass es der Bevölkerung gelungen ist, Mubarak zu stürzen. Aber sie vermissen auch einige Vorzüge des alten Regimes. „Ich würde nicht sagen, er war gut oder er war schlecht. Aber es gab nicht diese Unsicherheit, unter der wir jetzt leiden. Wir verstehen, dass dies eine Übergangsphase ist. Aber wie wird das Ende dieser Phase aussehen? Nur Gott weiß das. Auf jeden Fall fehlt es an Sicherheit, und das ist das wichtigste. Denn wenn du nicht sicher bist auf deinem Weg zur Arbeit, oder zur Kirche, oder zur Schule, dann betrifft das auch die Wirtschaft. Eine starke Wirtschaft braucht eine starke Sicherheit. Deshalb ist dies eine besorgniserregende Zeit.“

Der Priester macht sich Sorgen um die Zukunft der Kopten in Ägypten. Trotzdem sieht er keinen Grund, sich zu verstecken: „Den jungen Leuten sage ich: ,Haltet durch. Seid stark. Ihr müsst euch unter die Moslems mischen und mit ihnen zusammenleben. Habt keine Angst. Macht sie zu euren Freunden und erklärt ihnen eure Sorgen. Werdet nie wütend oder nervös. Seid respektvoll und sprecht friedlich.‘“