Köln

„Kölsche Kippa Köpp“

Erstmals hat seit 1933 in Köln wieder ein jüdischer Karnevalsverein in einer öffentlichen Sitzung gefeiert.

Karneval Verein Kölsche Kippa Köpp
Aaron Knappstein (r), Präsident des jüdischen Karneval Vereins Kölsche Kippa Köpp e.V., vor dem Besuch einer Sitzung mit Mitgliedern. Foto: dpa

Der nach eigenen Angaben bundesweit einzige jüdische Karnevalsverein „Kölsche Kippa Köpp e.V.“ hat Anfang 2020 seine erste öffentliche Kappensitzung gefeiert. Im vergangenen Jahr hatte der vor drei Jahren gegründete neue Verein sein Programm nur geladenen Gästen vorgestellt, jetzt ging er zum ersten Mal an die Öffentlichkeit.

Zurück zur Geschichte des deutschen Judentums

Rund 200 Gäste folgten dieser geschichtsträchtigen Veranstaltung, die einmal mehr ein Zurück zu einer Normalität des deutschen Judentums bedeutet, wie der Präsident der „Kölsche Kippa Köpp e.V.“, Aaron Knappstein, erklärte. Die Kappensitzung fand wohl auch aus Sicherheitsgründen in einem Nebensaal der Kölner Synagoge statt.

Der jüdische Karnevalsverein hat nach Präsident Knappstein aktuell 39 Mitglieder, inklusive der Fördermitglieder. Mitmachen können auch Nichtjuden. 2021, zum großen Festjahr „1 700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ will der Verein auch einen eigenen Wagen zum Rosenmontagszug stellen. Zum Sessionsauftakt am 11.11. hatten die „Kölsche Kippa Köpp“ aus gegebenem Anlass auch eine „Applausminute“ gegen Antisemitismus anberaumt.

Die Juden waren Teil des Karnevallebens im Rheinland, aber eigene jüdische Karnevalsvereine gab es kaum. Immerhin kennt das Judentum mit dem Purimfest, das an die Errettung aus dem persischen Exil erinnert, auch ein religiöses Fest, das heute ähnlich ausgelassen und mit Kostümen gefeiert wird wie der Karneval.

Feste regeln und peußische Ordnung

Der 2017 gegründete KKK sieht sich jedoch in der Tradition eines bereits im Jahre 1922 gegründeten jüdischen Karnevalsverein „Kleiner Kölner Klub“ (ebenfalls KKK). Der KKK war in Köln so etabliert und beliebt, dass regelmäßig das Kölner Dreigestirn aus Prinz, Bauer und Jungfrau die Sitzungen des KKK besuchte.

Es klingt paradox, aber der Karnevalsspaß ist im Grunde eine sehr ernste Angelegenheit mit festen Regeln und preußischer Ordnung. Schon 1823 organisierten sich die Kölner Narren und gründeten das „Festordnende Comitee“ als Verfassung des Karnevals, dieses Jahr gilt als Beginn des bürgerlichen Karnevals in seiner heutigen Form. Die sprichwörtliche rheinländische Ausgelassenheit erreichte damit die Duldung und Akzeptanz der preußischen Obrigkeit. Denn seit 1815 gehörte die ehemalige Freie Reichsstadt Köln zu Preußen.

Rheinland revolutionierte den Karneval

Mit dem Einzug der Preußen im Jahre 1815 kam auch das Militärische stärker als bis dato nach Köln, mit dem Karneval wollten sich die Kölner in Form von Persiflagen dagegen wehren. Die weitab in Berlin regierenden Preußen dagegen wollten mit der Karnevalsordnung die Ausschweifungen und das „wilde Umherziehen“ während der im katholischen Rheinland gefeierten Fastnacht besser kontrollieren.

Die Kölner sorgten von nun an für einen geregelten Festumzug in der Fastnacht, die der Fastenzeit vor Ostern vorausging. Im protestantischen Preußen waren Fastnachtsfeierlichkeiten nicht üblich. Im Karneval lernte so manch ein Politiker der Revolution von 1848 sein organisatorisches und rednerisches Handwerk, deshalb wurde das Rheinland ein Zentrum dieser Revolution.

Die Ideen von Demokratie, Gleichheit und Freiheit führten auch dazu, dass sich die zunächst elitären Karnevalsvereine für breitere gesellschaftliche Schichten wie die der Handwerker und Händler, darunter auch viele jüdischen Glaubens, öffneten. Der Karneval verstand sich fortan als der Ort, wo sich Narren aller Schichten und Stände beim gemeinsamen Feiern trafen und wo satirisch über die kleine und die große Politik Bilanz gezogen wurde.

Nazis wollten die Narren kontrollieren

Seit dem 19. Jahrhundert war der Kölner Karneval Aushängeschild, Wirtschafts- und Tourismusfaktor zugleich. Das wussten auch die Nazis seit 1933 zu schätzen und wollten die Fastnacht in der einstigen Domäne des katholischen Zentrums für ihre Zwecke instrumentalisieren. Zentrum-Oberbürgermeister Adenauer hatte zwei Wochen vor seiner Absetzung noch dafür gesorgt, dass 1933 nach zwei Jahren Pause wegen der Weltwirtschaftskrise, wieder ein „Zuch“ durch Köln zog.

Der Karneval hat die Nazipropaganda schon früh übernommen und zum Instrument der Herrschenden gemacht, wie Marcus Leifeld, Autor des Buches „Alaaf und Heil Hitler, Karneval im Dritten Reich“, gezeigt hat. Nach Marcus Leifeld versuchten die Nazis, beim Karneval einen Spagat zu vollbringen. Da Unterhaltung ein wichtiges Instrument zum Machterhalt war, konnte man ihn nicht verbieten. Da Karneval auch etwas mit Narrenfreiheit und Freiräumen zu tun hat, was der Ideologie der Nazis widersprach, kam es gerade im Karneval immer wieder auch zu direkten Interventionen der Partei.

Die wichtigsten Positionen im Karneval wurden deshalb mit treuen Nazis besetzt. Thomas Liessem, NSDAP-Mitglied seit 1931, war die zentrale Persönlichkeit des Kölner Karnevals der Jahre 1935 bis 1939. In der „Narrenrevolte“ vom Mai 1935 gegen den NS-Beigeordneten Wilhelm Ebel wurde Liessem als Sieger einer innerparteilichen Fehde zum Führer des Festausschusses des Kölner Karnevals berufen. Er übernahm damit in Abstimmung mit Gauleiter Josef Grohé endgültig die Organisationsregie über den Kölner Karneval.

Juden aus dem Festkommitee verband

Schon 1934 fuhr in Köln der sogenannte „Palästinawagen“ mit, der die Flucht und Auswanderung der Juden verhöhnte. Obendrauf standen als orthodoxe Juden verkleidete Karnevalisten, und am Wagen prangte die Aufschrift: „Die Letzten ziehen ab.“ Dies war ein Beweis dafür, dass die Kölner Narren sogar in vorauseilendem Gehorsam agierten, erwartet wurden solche antisemitischen Ausfälle von ihnen in diesem frühen Stadium der Nazi-Herrschaft noch nicht. Mit Hermann Schütter wurde 1936 der letzte Halb-Jude aus dem Festkomitee verbannt.

Es hat nur wenige Helden des Karnevals gegeben. So der Büttenredner Karl Küpper, der sich trotz der Bedrohung auf der Bühne über die Nazis lustig gemacht hat. Er verspottete selbst den Hitlergruß, indem er den Arm hob und das Publikum fragte: „Is et am rähne?“ (Regnet es?). Er war im Volke so beliebt, dass es die Nazis nicht wagten, ihn längere Zeit zu verhaften. Erst 1939 verhängte ein Sondergericht ein lebenslängliches Redeverbot gegen ihn.

Ab 1940 war mit dem Karneval und mit den Rosenmontagsumzügen in Deutschland für die nächsten zehn Jahre Schluss, im Krieg und Nachkriegszeit war kein Platz mehr für Humor. Als nach dem Kriege und seiner Entnazifizierung Thomas Liessem wieder die Regie der Kölner Fassnacht übernahm, meinte Küpper trocken, „Et eß ald widder am rähne!“ (Es regnet wieder).

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