Kahlschlag im Regenwald

Das Kreischen der Motorsägen übertönt sämtliche Warnsignale: Der Amazonas droht durch Profitgier zu verschwinden. Von Robert Luchs

Pro Minute werden 35 fußballfeldgroße Flächen Regenwald abgeholzt. Foto: dpa
Pro Minute werden 35 fußballfeldgroße Flächen Regenwald abgeholzt. Foto: dpa

Der Rückschlag ist gewaltig. Im Amazonas-Becken mit dem größten zusammenhängenden Regenwaldgebiet der Erde übertönt das Kreischen der Motorsägen alle Warnsignale: Nach Jahren der Erholung für Brasiliens Wälder nimmt die Entwaldung seit einem Jahr wieder zu. Die Folgen sind dramatisch. Von August 2012 bis Juli 2013 wurden insgesamt 5 843 Quadratkilometer Wald gerodet. Das entspricht mehr als der doppelten Größe des Saarlandes und ist eine Zunahme um rund 1 200 Quadratkilometer im Vergleich zum Vorjahr.

Die aktuellen Zahlen seien eine Quittung für die Aushöhlung des Umweltschutzes, erklärt der WWF (World Wide Fund of Nature). „Präsidentin Dilma Rousseff hat ein vorbildliches Wahlgesetz kastriert, um den kurzfristigen Interessen der Agrarindustrie in Brasilien zu dienen“, kritisiert Roberto Maldonado, Südamerika-Referent beim WWF Deutschland.

Eine Reform des Waldgesetzes hatte im vergangenen Jahr dazu geführt, dass Schutzwälder rund um Gewässer massiv verkleinert sowie illegale Rodungen aus der Vergangenheit von Strafverfolgung freigestellt wurden. Inzwischen beträgt der Anteil des illegalen Einschlags im Amazonas bis zu 80 Prozent. „Wer Kahlschlägern die Amnestie schenkt, darf sich über einen Anstieg der Abholzung nicht wundern“, sagt Maldonado. Eine besonders starke Zunahme der unverantwortlichen Entwaldung verzeichnet mit 52 Prozent der brasilianische Bundesstaat Mato Grosso, wo der Wald fast ausschließlich in privater Hand liegt. Eine derzeit im Parlament behandelte Reform würde den Unternehmen den Zugriff auf staatliche und indigene Schutzgebiete noch weiter ermöglichen.

„Die Industrie bläst zum Angriff auf den Amazonas und die Regierung ist ihr Verbündeter – gegen das erklärte Interesse der brasilianischen Bevölkerung“, so WWF-Mann Maldonado. Jede Minute verschwinden laut WWF weltweit Waldflächen in der Größe von 35 Fußballfeldern.

Um den Menschen diese dramatische Entwicklung eindringlich vor Augen zu führen, hatte die Umweltstiftung in Berlin einen „Waldverlust-Ticker“ aufgestellt. Den Organisatoren ging es nicht um Panikmache, sondern darum, die Bürger zu sensibilisieren – vor allem beim Umgang mit Papierprodukten.

Der Hunger nach Papier ist weltweit groß und wächst ständig. Ein großer Anteil des gefällten Holzes wird zu Papier verarbeitet. In vielen tropischen Regionen trägt die Papier- und Zellstoffindustrie zur Zerstörung der Wälder durch Umwandlung in Zellstoffplantagen bei. Der WWF fand bei Papieranalysen in deutschen Kinderbüchern wiederholt Anteile von Holzfasern, die mit größter Wahrscheinlichkeit aus dem tropischen Urwald stammen.

Deutschland zählt nicht nur beim Papierverbrauch zu den Spitzenreitern; es produziert jährlich über 20 Millionen Tonnen Papier, Karton und Pappe und zählt zu den größten Papierherstellern weltweit.

Kambodscha ist ein gutes Beispiel, wie sich der Raubbau, vor dem Umweltschützer eindringlich warnen, auswirken kann: Die Überschwemmungen haben hier in den vergangenen Jahren Ausmaße angenommen, wie sie in dem südostasiatischen Land früher unbekannt waren. Andererseits führt zunehmende Trockenheit zu Missernten, sodass die Ernährung nicht mehr in allen der über 20 Provinzen gesichert ist. In den Seen sinkt der Wasserspiegel, und der Fischbestand nimmt von Jahr zu Jahr ab. Die Perioden der Trockenheit sind inzwischen von früher sechs auf nunmehr acht Monate angewachsen. Das hat schwerwiegende Folgen für die Landwirtschaft, die Existenzgrundlage Kambodschas, aber auch wiederum für den im Wortsinn „angeschlagenen“ Wald, der sich kaum mehr regenerieren kann. Vor allem in den Provinzen Pursat und Kampong Chhang fressen sich die Sägen tief in die Wälder hinein. Akazien-Plantagen sollen da entstehen, obwohl der Boden dafür gar nicht geeignet ist. Dann sollen später – ähnlich wie in Vietnam – auch noch Gummi- und Eukalyptus-Bäume gepflanzt werden. Die Größenordnungen dieser Plantagen sind aus europäischer Sicht kaum vorstellbar. Der Schaden, der hier aus reiner Profitgier entsteht, wird in Generationen nicht wieder gutzumachen sein. Das Monopol für das Anlegen der Plantagen haben große Konzerne, deren Betreiber beste Kontakte zur Regierung in Phnom Penh pflegen.

Aber auch die Menschen in Europa sind am Raubbau des Tropenwaldes nicht unschuldig: Der größte Teil der für Gartenmöbel verwendeten Hölzer kommt laut Greenpeace-Experten aus Indonesien. Holzarten wie Teak gelten als besonders robust und pflegeleicht. Seit Jahren geht die britische Umweltorganisation „Global Witness“ jedem Hinweis auf illegale Aktivitäten nach, sammelt in akribischer Kleinarbeit Beweise für die Machenschaften in den höchsten Kreisen von Politik und Militär. Bevor die britischen Umweltschützer sich in Kambodscha so unbeliebt gemacht hatten, dass sie des Landes verwiesen wurden, hatten sie den Waldfrevel vor Ort aufgedeckt und genau dokumentiert.

Zunächst kamen Warnungen, dann massive Drohungen, schließlich mussten die mutigen Öko-Aktivisten dem politischen Druck weichen. Ein früherer Mitarbeiter von „Global Witness“ sprach nach gründlichen Recherchen von einer „Monopolisierung des Holzgeschäftes um die machthabende Elite herum, um den Premierminister, seine Verwandten und die Geschäftsleute an seiner Seite“. Auch neuere Untersuchungen der Umweltorganisation belegen, dass nicht nur Minister von dem Holzdiebstahl profitieren, sondern auch die Spitze der Armee. Die Erkenntnisse der Briten decken sich mit Analysen der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO. Durch den Waldfrevel habe Kambodscha in den vergangenen Jahren etwa ein Drittel seiner mehr als 100 000 Quadratkilometer großen Urwaldflächen verloren. Sehen sie sich ihrer Pfründe bedroht, dann schrecken die Mächtigen auch nicht vor Mord zurück. Chut Wutty (40), einer der prominentesten Umweltschützer Kambodschas, war mit zwei Journalisten im Kardamongebirge in der südwestlichen Provinz Koh Kong unterwegs, um Beweise wegen des illegalen Einschlags zu sichern. An einem Kontrollpunkt der Militärpolizei wurde Wutty aufgefordert, die Speicherkarte seiner Digitalkamera auszuhändigen. Als er sich weigerte und in seinen Wagen zurückgehen wollte, eröffneten die Polizisten das Feuer. Wutty war auf der Stelle tot. Der Umweltschützer hatte immer sofort die Alarmglocke gezogen, wenn er illegalem Handel mit Tropenholz auf die Spur kam.

Was kann getan werden? Für den Schutz und Erhalt der Wälder sowie eine nachhaltige Bewirtschaftung haben sich in den vergangenen Jahren einige Standards und politische Instrumente etabliert. FSC steht für Forest Stewardship Council. Das bedeutet soviel wie ein Rat, der sich um die verantwortungsvolle Bewirtschaftung der Wälder kümmert. FSC wurde gegründet von Umweltorganisationen wie dem WWF, der Holzindustrie und Waldbesitzern, kurz Gruppen, die ein Interesse am Wald haben.

Erarbeitet wurde ein internationales Zertifizierungssystem – es garantiert, dass Holz- und Papierprodukte aus verantwortungsvoll und gut bewirtschafteten Wäldern stammen. Dabei müssen sowohl Umwelt, als auch Sozialstandards eingehalten werden. In einem nach FSC-Kriterien bewirtschafteten Wald werden Bäume zur Gewinnung von Holz und Papier schonend entnommen, um die Tier- und Pflanzenwelt möglichst wenig zu beeinträchtigen. Außerdem werden die Rechte der im Wald lebenden Menschen respektiert. Ob skrupellose Waldfrevler sich nach Umweltstandards richten und von Zertifizierungen beeindrucken lassen, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt.