In den Nischen der Diktatur

Systematisch verklärten entmachtete SED-Kader den DDR-Alltag – eine Ausstellung zeigt, wie er wirklich war. Von Benedikt Vallendar

Bunter „Westflair“ in grauen Straßen: Junge Damen vor einer Boutique. Foto: Fotos: Vallendar
Bunter „Westflair“ in grauen Straßen: Junge Damen vor einer Boutique. Foto: Fotos: Vallendar

In der Tat, auch sie gehörten zum Alltagsleben in der DDR. Behelmte Damen in luftiger Höhe an den Steuerknüppeln eines Baukrans als Sinnbild der Gleichberechtigung von Mann und Frau. So, wie es führende Funktionäre der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) gerne sahen. Doch der Alltag jenseits von Mauer und Stacheldraht war weitaus facettenreicher als das abgegriffene Klischee vom vertauschten Rollenverständnis der Geschlechter, mit dem die SED-Propaganda gerne hausieren ging. Alltagsleben in der DDR war viel mehr, etwa die noch immer über ostdeutsche Straßen tuckernden Plastikautos vom Typ „Trabant“ sowie ein Getränk namens „Klub-Cola“, das auf keiner Party fehlen durfte. Jene kleinen, braunen Flaschen mit klebrig süßem Inhalt, die es in jedem Tanzlokal der DDR für 30 Pfennige zu kaufen gab und die einen Hauch von Westfeeling in die graue Welt des Sozialismus brachten. Ganz zu schweigen von der bunten Zeitschriftenauswahl, die sich jedoch nur scheinbar an westlichen Labels orientierte und, wie alle Medien in der DDR, als verlängerter Arm der SED fungierte.

Eine neue Dauerausstellung in der Berliner Kulturbrauerei im Stadtteil Prenzlauer Berg widmet sich dem Alltag in Ostdeutschland, so wie ihn viele Menschen bis zum Herbst 1989 erlebt haben. Mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten. „Das Leben in der Diktatur brachte es mit sich, dass der Alltag zwei Seiten ein und derselben Medaille hatte“, sagt der Kulturwissenschaftler Hans-Michael Schulze, der die Ausstellung im Auftrag der Stiftung „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ mit konzipiert hat. „Das Leben im öffentlichen Raum, in Betrieben, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen der DDR war oft ein anderes, als es die Bürger im Privaten führten“, sagt Schulze. Nach Feierabend hat mir die Partei nichts mehr zu sagen, so dachten in der DDR viele, indem sie die wenigen Nischen nutzten, die das Leben im Totalitarismus für Augenblicke zu verdrängen schienen. Vor allem die Kirchen boten Freiräume, in denen Jugendliche das sagen konnten, was sie wirklich dachten und fühlten. Doch manchmal, oft erst nach dem Ende der DDR, entpuppten sich die vermeintlichen Nischen als legendierte Nistplätze des Staates, in denen er ungestört seine Informanten platziert hatte. Nicht umsonst bedeutet Totalitarismus, abgeleitet vom lateinischen Wort totus „alles, ganz“, dass sich ein diktatorischer Staat selbst die letzten Winkel seines Herrschaftsbereich einzuverleiben versucht, koste was es wolle. „Der Alltag in der DDR war nicht selten eine Gratwanderung zwischen ideologischem Anspruch der SED und dem Leben, wie es 95 Prozent aller Bürger führten, ja führen mussten, weil ihnen keine andere Wahl blieb“, sagt Hans-Michael Schulze. Ein Leben, eine sozialistische Daseinsberechtigung, die oft von Mangel, Ohnmacht und staatlicher Willkür geprägt war. In großen wie in kleinen Dingen bekam ein DDR-Bürger mitunter die Omnipräsenz des Staates und seiner Organe zu spüren. Keine Institution, kein Verwaltungsgericht überprüfte, ob eine behördliche Entscheidung „rechtmäßig“ war. Die Macht eines SED-Sekretärs glich der eines mittelalterlichen Grundherrn, der bekanntlich auch zugleich Gerichtsherr war. Mit der Folge, dass sich ab Mitte der achtziger Jahre immer mehr Menschen ins Private zurückzogen. Das, was bis 1989 den Alltag zwischen Oder und Elbe ausmachte, wurde damit immer komplexer, individueller und entfernte sich fast zwangsläufig vom sozialistischen Ideal einer „klassenlosen Gesellschaft“, so wie sie die SED gebetsmühlenhaft propagierte. Und dennoch. Nach der friedlichen Revolution 1989 schwelgten entmachtete Funktionäre bei ihren Alltagsphantasien noch jahrelang in geblaupausten Erinnerungen, was die Verklärung der DDR-Vergangenheit weiter vorantrieb. Die geschassten Genossen sinnierten noch lange über „wunderbare Kollektive“, „engagierte Brigaden“ und „blühende Betriebe“, die in Wirklichkeit hoch verschuldet waren und am Ende in der wertlosen Konkursmasse ihres untergegangenen Staates landeten. Anders als heute bildete der Arbeitsplatz in der DDR den Lebensmittelpunkt eines Menschen, neben der Familie, die von manchen Funktionären als bürgerliches Relikt verfemt wurde. Die Einbindung des Einzelnen in sogenannte Brigaden diente der gegenseitigen Erziehung zur „sozialistischen Persönlichkeit“. In Brigadebüchern, oft mit rotem Kunstledereinband und goldener Aufschrift versehen, dokumentierten die Betriebsangehörigen ihre Bemühungen im „sozialistischen Wettbewerb und hielten Ereignisse im Arbeitsleben fest. Auch im Bildungswesen und in der Freizeit gaben Brigaden den Takt an. Sie dienten der sozialen Kontrolle, waren aber oft auch Ausdruck einer starken Zusammengehörigkeit und Geborgenheit.

Im Oktober 1989 sprach Egon Krenz, frisch gekürter Generalsekretär und letzter DDR-Staatsratsvorsitzende, fast beiläufig von einer „Wende“, die er und seine Partei nun einleiten würden. So als ob alles, was in der DDR bis dahin an Unrecht geschehen war, allenfalls einer Kursänderung, einer unscheinbaren Kehrtwende bedurft hätte. Natürlich unter der Ägide der damals noch alles beherrschenden SED, die ihre Hände in Unschuld wusch und klammheimlich ihr neues Leben im Kapitalismus vorbereiteten. Westliche Medien griffen den von Krenz geprägten Begriff der „Wende“ dankbar auf und damit auch die einsetzende Verharmlosung dessen, was sich mehr als vierzig Jahre jenseits des Eisernen Vorhangs abgespielt hatte. Und es dauerte nicht lange, da war das geboren, was Historiker heute als „Ostalgie“ bezeichnen, also die nostalgische Verklärung dessen, was die DDR an angeblich Schönem für ihre Bürger bereitgehalten hatte. Der Freude über die neue Freiheit folgte vielerorts die Trauer über das verlorene Leben im Paradies der Werktätigen. Der Mensch, vor allem der deutsche neigt, wohl aus gutem Grunde, dazu, Unangenehmes rasch aus seinem Gedächtnis zu tilgen. Nach 1945 war das so, aber auch nach 1989. Rasch vergessen war in Ostdeutschland die Zeit, in der sich der gefürchtete Staatssicherheitsdienst, die Stasi selbst für die schicken Schnittmuster einer behänden Schneiderin in Ostberlin interessierte, weil die Dame es, jenseits aller sozialistischen Planvorgaben, gewagt hatte, eigene Kollektionen zu kreieren. Die natürlich prompt gut ankamen und für Unruhe sorgten, da sich im Umfeld der modebewussten Schneiderin auch immer mehr Jugendliche und textilaffine Ausreisewillige gesammelt hatten, die mithalfen, neue Modelle zu entwerfen. Menschen, die in der DDR etwas Eigenes, jenseits des sozialistischen Mainstreams auf die Beine stellten, zogen damit oft auch andere in ihren Bann. Sie waren die Keimzellen der späteren Protest- und Bürgerbewegung, die bekanntlich zum Sturz des SED-Regimes beitrug und alles, was heute unter „Alltag in der DDR“ firmiert, zu Geschichte werden ließ.