Im Himmelreich der Superlative

Danzig ist nicht nur ein idealer Platz für deutsch-polnische Begegnungen – Vor allem sein christliches Erbe ist anziehend. Von Zofia Zielinska

Die Danziger Marienkirche zieht täglich Tausende von Besuchern an. Foto: Zielinska
Die Danziger Marienkirche zieht täglich Tausende von Besuchern an. Foto: Zielinska

Danzig (DT) Man hört viel Deutsch in der Danziger Altstadt, zwischen dem Hohen und dem Grünen Tor, zwischen der Großen Mühle und dem Neptun-Brunnen. Man hört und man sieht Deutsch, denn obwohl Danzig (Gdañsk) im Krieg zerstört und danach von Polen wieder aufgebaut wurde – breit gestreut sind bis heute die Wurzeln deutscher Kultur. Sie ist vermischt mit christlichen Wurzeln, die im Zeitalter der europäischen Integration als ideale Brücken der Begegnung zwischen beiden Nationen dienen könnten. Trotz mancher historischer Spannungen.

Kein Wunder. Schließlich war es der Deutsche Orden, der hier 1308 die Herrschaft übernahm und Danzig eine erste wirtschaftliche Blüte bescherte. Unter seiner Regentschaft wurde zum Beispiel die Große Mühle (Wielki M³yn) errichtet. Ein beeindruckendes Gebäude, aus Ziegelsteinen gemauert und von einem hohen, steilen Dach bedeckt, das heute ein modernes Einkaufszentrum beherbergt. Auch in anderen Stadtvierteln hat der Orden die für die Region um Danzig so charakteristischen Backsteinbauten hinterlassen, die bei den Polen lange Zeit negative Assoziationen weckten. Mittlerweile jedoch sind die Aversionen überwunden. Man respektiert die kulturellen Leistungen der Kreuzritter, zumal die polnischen Herzöge und Könige bei der Verfolgung ihrer Handelsinteressen auch nicht immer zimperlich waren. Was Religiosität nicht ausschloss.

Bester Beweis: Die älteste Pfarrkirche in der Danziger Altstadt, die Katharinenkirche, welche die Herzöge von Danzig-Pommern in den Jahren 1227 bis 1239 erbauten. Die Kirche befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Großen Mühle, und ihr 76 Meter hoher gotischer Turm ist eines der Wahrzeichen Danzigs. Wer ihn besteigt, bekommt einen wunderbaren Blick auf die Stadt. Wer in die Kirche tritt, findet neben religiösen Gemälden auch den Grabstein des Astronomen Johannes Hevelius (1611–1687), der in diesem Jahr in Polen aufgrund seines 400. Geburtstages besonders geehrt wird.

Das religiöse Schmuckstück Danzigs ist aber natürlich die Marienkirche, die größte mittelalterliche Backsteinkirche Europas, in welcher theoretisch sage und schreibe 25 000 Menschen gleichzeitig Kunstgenuss oder Trost finden könnten, je nach persönlicher Befindlichkeit. So geräumig ist das Bauwerk. 100 Meter Länge misst allein das Kirchenschiff. Die 1343 begonnene Errichtung der Kirche dauerte 150 Jahre. Von 1529 bis 1945, als sie zerstört wurde, war die Marienkirche protestantisch. Mit dem Wiederaufbau wurde sie nicht nur polnisch, sondern auch römisch-katholisch, was sich jedoch auf das Innere nur beschränkt ausgewirkt hat. Trotz zahlreicher gotischer, manieristischer und barocker Kunstelemente dominiert kühle Kargheit die Atmosphäre des Innenraums. Die katholischen Elemente haben es allerdings in sich: Die „Schöne Madonna von Danzig“, ein Standbild aus dem 15. Jahrhundert, das sich in der Annenkapelle befindet, ist ein Muss für jeden Kirchenbesucher. Genauso wie das Gotische Sakramentshaus: ein Sakrarium in Form eines Turms, das – passend zu diesem Himmelreich der Superlative – über acht Meter hoch ist. Auch das an einer Säule platzierte „Tafelbild der Barmherzigkeit“ von Anton Möller aus dem Jahre 1607 gehört mit seinem marianischen Hauptmotiv unverzichtbar zum katholischen Flair der Kirche.

Ein Flair, das bei der berühmten Astronomischen Uhr von Hans Dürunger von 1464–70 für manchen Katechismus-treuen Besucher natürlich ein bisschen Toleranz abverlangt. So zeigt diese Uhr die Apostel, Adam und Eva, sowie die Drei Heiligen Könige in kongenialer Einheit mit den astrologischen Sternzeichen an. In einer Stadt wie Danzig, die neben ihrem Freiheits- und Unabhängigkeitswillen auch jahrhunderte lang von Weltoffenheit und einem „Inein-andergreifen der Kulturen“ geprägt war, wie es der in Danzig geborene Schriftsteller Pawe³ Huelle einmal ausgedrückt hat, überrascht eine solche Kombination allerdings kaum. Die meisten deutschen Touristen, die sich gerade in diesen Wochen durch die Kathedrale schieben, wohl ebenso wenig.

Solides deutsches christliches Flair findet man denn auch im nordwestlich gelegenen Stadtteil Oliva (Oliwa), der mit seinem schönen Park und der Oliva-Kathedrale zu einem inspirierten Besuch einlädt. Von den Zisterziensern gegründet, birgt diese gotische Kathedrale heute nicht nur einen Innenraum im Barockstil, sondern eine 1793 von Jan Wulff und Fryderyk Rudolf Dalitz fertiggestellte Orgel, die damals die größte in ganz Europa war. In den Sommermonaten kann man hier mehrmals täglich Kurzkonzerten lauschen. Mit freiwilliger Bezahlung. Ein besonderer Service in diesem musikalischen Himmelreich der Superlative.

Doch so schön und anregend die christlich-deutschen Spuren in Danzig auch sind, natürlich hat auch der polnische Katholizismus in der Stadt prägende Zeichen hinterlassen. So taucht man, wenn man die Brigittenkirche aus dem frühen 16. Jahrhundert betritt, weniger in einen deutschen (oder schwedischen) geistlichen Raum, als in einen polnischen. In den 1980er Jahren war die Brigittenkirche bekannt als Gebetsstätte der Solidarnoœæ-Mitglieder. Heute erinnern der Hochaltar und ein Denkmal zu Ehren des Priesters Jerzy Popie³uszko, sowie das Grabmal des Danziger Solidarnoœæ-Priesters Henryk Jankowski an diese Zeit. Wie zwischen Bahnhof und Werft natürlich auch das Denkmal der Werftarbeiter, ein aus drei 42 Meter hohen Kreuzen bestehendes Monument, an die dunklen Jahre der Streiks und Demonstrationen erinnert.

Der berühmteste Danziger Solidarnoœæ-Kämpfer, der Streikführer mit der Schwarzen Madonna-Plakette und spätere Nobelpreisträger Lech Wa³êsa hat übrigens sein Büro – für Danzig-Besucher leicht am Eingangsschild erkennbar – im oberen Stockwerk des Grünen Tores, das einst den Königen als Residenz diente. Die Chancen, ihn dort für ein gemeinsames deutsch-polnisches Erinnerungsfoto zu treffen, sind jedoch äußerst gering. Erst kürzlich gab der Mann mit dem inzwischen ergrauten Schnäuzer dem amerikanischen Präsidenten einen Korb, weil er „als Politiker zu beschäftigt“ sei, um Barack Obama „für ein Foto die Hände zu schütteln“. So bietet Danzig also auch auf diesem Gebiet ein Himmelreich der Superlative.