Hoffnung für die Abgehängten

An sechs Standorten in Ungarn hilft die „Schule der Möglichkeiten“ Erwachsenen dabei, ihren Schulabschluss nachzuholen. Initiiert von den Jesuiten und unterstützt durch zahlreiche Ehrenamtliche lernen hier Menschen im Alter von 16 bis 64 Jahren. Eine Reportage im Rahmen der „Renovabis Pfingstaktion 2019“. Von Achim Pohl

Ungarn: "Schule der Möglichkeiten" hilft Erwachsenen beim Schulabschluss
Christliche Motivation: Krisztian holt dank der Hilfe des Ehrenamtlichen Gábor Nényei an der „Schule der Möglichkeiten“ seinen Abschluss nach.s: A. Pohl Foto: Foto

Der Stadtteil Pest in Budapest ist ein typisches Hipster-Ausgehviertel, wie man es in vielen europäischen Hauptstädten findet: In schicken Straßencafés sitzen Touristen und junge Einheimische, die Speisekarten sind in englischer Sprache und selbstverständlich gibt es überall „Free WIFI“. Die Modernisierungsverlierer leben im Schatten, junge Leute ohne Schulabschluss bekommen höchstens schlecht bezahlte Jobs als Hilfsarbeiter. Für sie gibt es einen Steinwurf von den schicken Restaurants entfernt in einem Raum des Jesuitenkonvents die „Schule der Möglichkeiten“.

Einer von ihnen ist der 18-jährige Krisztian: „Ich habe die Schule ohne Abschluss verlassen, ein Freund hat mir einen Job in München als Küchenhilfe besorgt. Aber ich spreche natürlich kein Wort Deutsch und das Zimmer, das ich mir mit drei Kollegen teilte, war sehr teuer. Von meinem wenigen Geld blieb kaum etwas übrig. Also kehrte ich zurück, und hier habe ich die Möglichkeit, endlich meinen Schulabschluss zu machen. Der Lehrer ist nur für mich da, so etwas kannte ich gar nicht.“

Gábor Nényei ist der 78-jährige Lehrer, der sich geduldig um Krisztian kümmert: „Ich habe sieben Kinder und 32 Enkel, die es Gott sei Dank alle zu etwas gebracht haben. Das macht mich glücklich, aber ich möchte auch etwas zurückgeben. Ich komme zweimal die Woche zum Unterrichten. Der christliche Glaube ist meine Motivation, besonders das Bibelwort ,Ihr sollt in die Welt gehen und den Glauben verbreiten‘ hat es mir angetan. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass damit auch Bildung gemeint ist.“

Für den Führerschein ist ein Schulabschluss nötig

In den acht Jahren seit Bestehen haben die „Schulen der Möglichkeiten“ über 120 Schulabbrechern die Möglichkeit gegeben, an sechs Standorten im Land ihren Abschluss der achten Klasse nachzuholen. Das Alter reicht von 16 bis 64, doch mehrheitlich sind es junge Menschen. Eine wichtige Motivationsquelle ist der Führerschein, den in Ungarn nur erhält, wer einen Schulabschluss vorweist. Barbara Csapó, die Koordinatorin der „Schule der Möglichkeiten“, versteht ihre Arbeit darin, Knoten im sozialen Netz zu flechten: „Wir haben angestellte Lehrer, aber setzen hauptsächlich auf ehrenamtliche Mitarbeiter wie Gábor, der zweimal die Woche hierherkommt.“

Ein weiterer Schüler ist Márk Pasoma, ein Roma: „Ich bin ein Kind armer Leute und habe Probleme mit den Ohren – deshalb brauche ich ein Hörgerät. Zu meiner Schulzeit wusste das keiner, deshalb bin ich nicht richtig mitgekommen und wurde gehänselt. Ich bin dann einfach nicht mehr zur Schule gegangen und habe das meinen Eltern verschwiegen. Mittlerweile arbeite ich als Gelegenheitsarbeiter auf dem Bau, habe eine Freundin und drei Kinder im Alter von zehn, acht und drei Jahren. Ich lege Wert darauf, dass sie zur Schule gehen und nicht den gleichen Fehler machen wie ich. Nach meinem Abschluss möchte ich eine Lehre als Maler und Lackierer machen.“

Mit zehn Prozent der Gesamtbevölkerung stellen Roma die größte ethnische Minderheit des Landes dar. Im Durchschnitt sind sie weniger gebildet, mehr als jeder Vierte ist arbeitslos. Oft heiraten sie im Teenager-Alter, viele 15-jährige Mädchen haben bereits ihr erstes Kind und deshalb die Schule abgebrochen. Die meisten der Roma leben in heruntergekommenen Siedlungen am Stadtrand. Barbara Csapó ist auf dem Weg zu einer solchen Roma-Siedlung in Bag, etwa eine Autostunde von Budapest entfernt. Hier wartet schon Ildikó Kanalos, eine junge Romni. In einem kleinen Gebäude leitet sie einen Frauen-Gesprächskreis. Umgeben von jungen Müttern und Großmüttern, die Kleinkinder auf dem Schoß, erzählt Ildikó: „Ich bin, wie so viele Mädchen, mit 14 schwanger geworden. Und bald darauf kam das zweite Kind. Aber mein Mann taugte nichts, er nahm Drogen und ich habe mich auch der Kinder wegen von ihm getrennt. Mit 25 habe ich dann wieder die Schule besucht, und nur ein Jahr für den erfolgreichen Schulabschluss gebraucht.“ Mittlerweile hat sie eine Arbeit und ein eigenes Auto. Mit ihrem Beispiel will sie den anderen Frauen in der Siedlung Mut machen. Denn als Frau ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen ist in der Kultur der Roma nicht vorgesehen.

Ihre Fahrt führt Barbara Csapó nach Miskolc, hier wurde die erste „Schule der Möglichkeiten“ gegründet. Miskolc ist die viertgrößte Stadt des Landes, aber Touristen sucht man vergebens hier: Zu sozialistischen Zeiten war die Stadt von der Schwerindustrie geprägt, doch in den 1990er-Jahren ging es damit bergab. Die Stadt verlor die Hälfte ihrer Einwohner, für junge Leute gab es kaum Arbeitsmöglichkeiten. Menschen ohne Schulabschluss haben es in einer derart komplizierten Situation besonders schwer.

Andrea beispielsweise, eine junge Romni, die seit zwei Wochen die Schule besucht. Schüchtern und mit gesenktem Blick sitzt sie der Lehrerin Eva Vargáne Réti gegenüber, sie schaut sich ihr letztes Zeugnis aus der achten Klasse an. „Sie hat drei Einsen“, erklärt die Lehrerin. In Ungarn gilt ein umgekehrtes Notensystem: Die Eins ist die schlechteste Note, vergleichbar mit unserem Ungenügend. „Wir müssen erst einmal ihr Selbstbewusstsein aufbauen. Die Lehrer hielten Andrea für minderbegabt, auch ihre Eltern glauben das, am Ende sie selbst. Das stimmt aber nicht; hier bekommt Andrea die Förderung, die sie braucht.“

Der 26-jährige Gábor hat es schon geschafft: Freimütig gibt er zu, früher mit den falschen Freunden zusammen gewesen zu sein. Er schwänzte die Schule, verließ sie ohne Abschluss und arbeitet jetzt als Hilfsarbeiter im Schichtbetrieb in einer Fabrik: „Zum Glück war die ,Schule der Möglichkeiten‘ sehr flexibel, ich konnte sie immer in meiner arbeitsfreien Zeit besuchen. Jetzt will ich das Abitur machen. Auf keinen Fall möchte ich mein Leben als Hilfsarbeiter verbringen.“

Vom sechzehnten Stock ihres Hochhauses blickt Ilona Nyúri auf die Stadt, die am Abend ein bisschen Schönheit aufblitzen lässt. Als ältestes Kind einer Roma-Familie musste sie auf die kleineren Geschwister aufpassen, bald bekam sie selbst Kinder. Ihre zwei Töchter leben mittlerweile in Deutschland, dafür wohnen in der kleinen Wohnung jetzt ein Onkel und ihr dementer Vater. Trotz allem holte sie mit über 50 Jahren den Schulabschluss nach: „Mein Leben war nicht einfach, aber jetzt bin ich glücklich, eine gute Arbeit zu haben. Ich wollte mir auch selbst beweisen, dass ich es kann.“