Helgoland, auferstanden aus Ruinen

Bombenangriff zerstörte am 18. und 19. April 1945 die Hochseeinsel – Britisch-deutsche Verwicklungen. Von Carl-H. Pierk

Ein Bunker auf Helgoland, der heute Museum ist. Foto: dpa
Ein Bunker auf Helgoland, der heute Museum ist. Foto: dpa

Helgoland (DT) Wenn am 12. Mai die Läuferinnen und Läufer beim 15. Helgoland-Marathon auf Deutschlands einziger Hochseeinsel die 42,195-Kilometer-Distanz in Angriff nehmen, werden sie der Insel kaum noch ansehen, dass sie auf einem Trümmerfeld wiedererrichtet wurde. Nur vereinzelte Betontrümmerteile und überwachsene Bombentrichter erinnern an das Schicksal der Insel.

Das Buntsandstein-Massiv mit seinen roten Felsen hat eine wechselvolle Geschichte: Im Mittelalter dient Helgoland Seeräubern als Stützpunkt. 1714 kommt das Nordsee-Eiland in die Hände der Herzöge von Schleswig-Holstein, die damals der dänischen Krone unterstehen. 1807 übernimmt Großbritannien die Hoheit und behält sie bis 1890. Dann geht die Insel durch den Helgoland-Sansibar-Vertrag an das Deutsche Reich. Die Briten erhalten dafür Sansibar als Protektorat. Da Helgoland eine große strategische Bedeutung hat, lässt Kaiser Wilhelm die Insel als maritime Festung ausbauen. Nach dem Ersten Weltkrieg wird der weitere Ausbau der Seefestung durch den Versailler Vertrag zunächst gestoppt, in der Nazi-Zeit aber fortgesetzt. Die Grundfläche von Helgoland sollte massiv vergrößert und ein riesiger Flottenstützpunkt angelegt werden. Doch während des Zweiten Weltkriegs wird das Projekt auf Eis gelegt. Lediglich ein gigantisches Bunkersystem mit U-Boot-Bunker im Süden der Insel mit bis zu vier Meter dicken Decken wurde errichtet.

Kurz vor Kriegsende beschließt die britische Luftwaffe, Helgoland unbewohnbar zu machen. Am 18. und 19. April 1945 fliegen die Briten mit 979 Flugzeugen den letzten großen Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs. Ziel ist Helgoland. 285 Menschen, überwiegend Soldaten, sterben, die meisten Einheimischen können sich in die Bunker retten. Ihre Häuser werden jedoch komplett zerstört. Einen Tag nach den Bombardements wird die Insel evakuiert, die etwa 2 500 Helgoländer müssen aufs Festland ziehen. Sie reihen sich ein in Millionen von Vertriebenen, die infolge des Krieges ihre Heimat verlassen müssen. Am 11. Mai besetzen die Briten die Nordseeinsel.

Größte nicht-nukleare Explosion 1947

Die Helgoländer sind fort, doch auf der menschenleeren Insel lagert weiter Munition, überall gibt es Bunker und andere militärische Anlagen. Schließlich beschließen die Briten, mit einer gewaltigen Sprengung sämtliche Militäranlagen zu zerstören. Am 18. April 1947 um 13 Uhr zünden sie etwa 6 700 Tonnen Sprengstoff an verschiedenen Stellen der Insel – die größte Explosion mit nicht-nuklearem Sprengstoff in der Geschichte der Menschheit. Eine kilometerhohe Rauchwolke steigt in den Himmel. Bis heute hält sich die Information, dass die Briten mit der „Operation Big Bang“ die gesamte Insel sprengen wollten. Historische Unterlagen sprechen dagegen. Demnach ging es den Briten um eine vollständige Zerstörung aller militärischen Anlagen – dass sie dabei auch Teile der Insel selbst zerstören könnten, nahmen sie allerdings billigend in Kauf. Das unterirdische Stollensystem des einstigen deutschen Flottenstützpunktes flog größtenteils in die Luft. Doch der Felsen trotzte dem Sprengstoff. Bei diesem „Big Bang“ entstand ein riesiger Krater, der das heutige Mittelland an der Südspitze der Insel bildet. Insgesamt verliert Helgoland durch die Sprengung etwa 70 000 Quadratmeter. 350 Meter Stollen existieren noch, mehr als 15 000 Touristen besichtigen sie jedes Jahr.

Die Insel bleibt militärisches Sperrgebiet und dient den Briten fortan als Ziel für Übungsbombardements. Sie ist unbewohnt, liegt weit entfernt vom Festland und doch nah genug, um für die britischen Flieger schnell erreichbar zu sein – ein ideales Trainingsziel für die Royal Air Force. Und so gehen die britischen Bombardements auf deutsches Staatsgebiet auch nach Kriegsende weiter.

Im Dezember 1950 gelingt es Heidelberger Studenten, die Insel zu besetzen. Sie hissen die Europaflagge und verbringen dort die Weihnachtsfeiertage. Bald kommen die ersten Helgoländer zurück auf ihre Heimatinsel. Schließlich gebietet das britische Militär Einhalt. Nach diplomatischen Verhandlungen unter Konrad Adenauer mit Großbritannien kann 1952 die Bundesflagge gehisst werden. Fast alle Häuser sind zerstört. Der 35 Meter hohe Leuchtturm ist das einzige Gebäude auf der Insel, das den Zweiten Weltkrieg ohne größere Schäden überstanden hat. Der Bundeskanzler erklärt den Aufbau der Insel zur „Herzenssache des ganzen deutschen Volkes“. Unverzüglich beginnen die Helgoländer, Trümmer zu räumen. Schon im Sommer 1952 kommen die ersten Badegäste auf die Düne, 1962 wird Helgoland Nordseeheilbad. Schon bald entwickelt sich die Hochseeinsel auch wegen der Möglichkeit zum zollfreien Einkauf zu einem beliebten Touristenziel.

Heute: Windparks und Tourismus im Konflikt

Zwar sind die Helgoländer vor allem vom Tourismus abhängig. Das könnte sich aber nach dem Willen von Bürgermeister Jörg Singer ändern. Neben dem Tourismus soll Helgoland zum Stützpunkt für Windparkbetreiber in der Nordsee werden. Schon fordert die Goldgräber-Stimmung ihren Tribut. Mehr Urlauber auf die Insel locken sollte besonders das 1999 eröffnete luxuriöse Hotel „Atoll“ an Helgolands Südstrand. Doch alle Hoffnung wird mehr oder weniger vom Winde verweht, denn die kommenden zehn Jahre hat das Hotel kein einziges Zimmer mehr frei. Ein Energiekonzern hat vom 1. Januar 2013 an die 50 verfügbaren Zimmer für seine Mitarbeiter und Gäste des Unternehmens gebucht.