Jerusalem

Gräber für die Ewigkeit

Yvelle Gabriel: Ein deutscher Künstler bringt Licht in die Jerusalemer Unterwelt.

Gräbertunnel in Jerusalem
Von der Sonne inspiriert: Yvelle Gabriel hat für den Gräbertunnel einen Lichtsphärenkörper in der Form eines Dodekaeders entworfen. Foto: Fotorechte: Yvelle Gabriel

Das ewige Licht leuchte ihnen – dieses Totengebet ist in dem in der vergangenen Woche eröffneten unterirdischen jüdischen Friedhof Jerusalems durch den deutschen und christlich-geprägten spirituellen Künstler Yvelle Gabriel zu Kunst geworden. In Israel sind Gräber für die Ewigkeit, sie werden niemals aufgelöst und kein zweites Mal verwendet. „Die Friedhöfe werden größer und größer – und dies geht auf Kosten der Lebenden“, erklärt der Rabbiner Chananya Schachor seine Motivation für das vor fünf Jahren begonnene und 70 Millionen Euro teure Bauprojekt.

Er ist der Leiter der Bestattungsgesellschaft, die ohne staatliche Hilfe unter dem größten Jerusalemer Friedhof in den Berg hinein eine Art moderne Gruft gefräst hat, die Platz für 23 000 Gräber bieten wird. Als Yvelle Gabriel vor zwei Jahren von diesem Projekt hörte, war für ihn klar: „Dieser Ort der Toten bedarf einer Kunst, die die Gestorbenen und die Trauernden begleitet.“ Bekannt ist er vor allem für seine Glaskunst, in der er das Thema Versöhnung immer wieder grundlegend bedenkt. Von ihm stammen unter anderem ein Glastryptychon zur Thematik „Kosmischer Christus“ in der katholischen Erlöserkapelle im Bistum Mainz sowie die Synagogenfenster des größten israelischen Krankenhauses, dem Sheba Medical Center in Ramat Gan.

Erste Beerdigungen finden Ende des Monats statt

Im Gespräch mit Yvelle Gabriel wird jeder Gedankengang zu einer spirituellen Suche: Was ist Heiligkeit? Wie ist Versöhnung denkbar? Und für einen Journalisten überraschend stellte er im Gespräch mit der „Tagespost“ direkt die erste Frage: „Was bedeutet für Sie persönlich das Bild Gottes als Licht, das in der Dunkelheit scheint?“ Der reale Hintergrund dieser Frage wird deutlich, wenn man die langen Gänge des neuen unterirdischen Friedhofs betritt. Rechts und links erstrecken sich drei Etagen mit jeweils vier Reihen von Nischengräbern. Dazwischen, in der Mitte der Tunnel, reihen sich Bodengräber aneinander. Die Architektur ist kühl, funktional, wie in einer Fabrik – dieser Eindruck wird auch noch verstärkt durch die großen metallenen Lüftungsrohre, die an der Decke entlanglaufen. „Es sieht hier aus wie Alcatraz, wie ein Gefängnis“, scherzt Yvelle Gabriel.

Aus diesem Grund hatte er aus eigener Initiative Chananya Schachor, mit dem ihn nun eine enge Freundschaft verbindet, angerufen. Der Leiter der Bestattungsgesellschaft war begeistert von der Idee, künstlerisches Licht in diese Unterwelt hineinzubringen und gab dem Künstler die Bitte auf den Weg, „Sonnen“ für die Gräbertunnel zu entwerfen. Bevor im Alten Testament sich der Glaube an die Auferstehung der Toten entwickelte, herrschte die Idee der Sheol vor: Die Toten stiegen hinab in die Unterwelt, die ein Ort von Staub und Finsternis ist, an dem kein Gotteslob mehr erklingt. Doch Gott ist, wie es in Psalm 84 metaphorisch heißt, eine Sonne.

„Viele, die die Lichtsphären hier gesehen haben – besonders viele jüdische Gläubige – haben zu mir gesagt, dass ich dem Raum durch meine Kunst eine Seele gegeben habe“

Von der Sonne inspiriert entwarf Yvelle Gabriel einen Lichtsphärenkörper in der Form eines Dodekaeders, der eine Innenform und eine Außenform besitzt. Nun hängen diese Kunstwerke dort, wo die in den Berg gefrästen Gräbertunnel sich kreuzen – und sie fallen jedem direkt ins Auge mit ihren Farben. „Wir haben eine Kombination aus Echttönen: warme Bernsteintöne, ein schönes Gelb, zwei Rot und ein Orange“, beschreibt er die Farbgebung und verweist dabei besonders auf einzelne verwendete Kathedralgläser, in denen die roten und gelben Töne ineinanderfließen. „Das ist wie die Struktur des Feuers, wie eine Fackel.“

Das Zusammenspiel der Farben, in deren Mitte sich die Lichtquelle befindet, weckt Assoziationen an den Aufgang und den Untergang der Sonne. Dieses dynamische Bild wird noch dadurch gestärkt, dass die wie große Kugeln im Raum hängenden Lichtsphären sich frei drehen können und so in den starr wirkenden Räumen die Atmosphäre aufbrechen. „Viele, die die Lichtsphären hier gesehen haben – besonders viele jüdische Gläubige – haben zu mir gesagt, dass ich dem Raum durch meine Kunst eine Seele gegeben habe“, fasst Yvelle Gabriel die ihm mitgeteilten Eindrücke Anderer zusammen. Je weiter man von einer der Lichtsphären entfernt ist, umso scheinbarer verdunkelt sich das Licht. Je näher man herangeht, umso mehr erstrahlt es – und wenn man in die zweite Etage hinaufgeht und auf Augenhöhe davorsteht, wirken die Lichtsphären wie ein lebendiges Gewebe; als würde das Licht mit den Farben spielen, „fast wie lebendige Blumen“, fügt Yvelle Gabriel hinzu, die zum Ausdruck der Trauer auf den Gräbern liegen.

Lichtsphären, die in der Todesfinsternis leuchten sollen

Bisher hängen in dem Tunnel insgesamt fünf seiner Lichtsphären und am Ende sollen es zehn kleine Sonnen sein, die die Unterwelt erhellen werden. Sie sind der Blickfang, wenn man entlang der noch leeren Grabreihen geht. Wenn die ersten Beerdigungen stattgefunden haben werden, wird dieser Effekt noch verstärkt werden. Die momentan wegen der Bauarbeiten hell erleuchteten Tunnel werden abgedunkelt werden und die Lichter in der Nähe der Grabnischen werden jeweils nur leuchten, wenn eine trauernde Person sich nähert. So wird das Licht mit den Lebenden an den Gräbern der Toten entlangwandern – so wird das Licht zur Trauerbegleitung mit den Fixpunkten der warmes Licht schenkenden Sonnen.

Der Friedhof ist zwar vergangene Woche feierlich eröffnet worden. Doch die ersten Beerdigungen werden erst Ende dieses Monats stattfinden. Bis zur Fertigstellung des gesamten unterirdischen Komplexes werden jedoch noch zwei Jahre vergehen und Chananya Schachor geht davon aus, dass alle Gräber innerhalb von zehn Jahren belegt sein werden. Jährlich entstehen in Israel momentan 40 000 neue Gräber für die Ewigkeit. Für dieses Problem bietet der neue unterirdische Friedhof keine Lösung. In Regierungskreisen wird über die Errichtung eines riesigen nationalen Friedhofs in der Wüste Negev fernab von den Wohngegenden nachgedacht.

Eine Gruppe von Rabbinen um den Professor Rafi Ostroff von der Hebräischen Universität in Jerusalem fordert eine Rückkehr zu den biblischen Beerdigungsformen: Man begrub einen Leichnam für ein Jahr, entnahm nach einem Jahr die verbleibenden Knochen und setzte diese dann an anderer Stelle bei, wo zuvor schon die Knochen der verstorbenen Vorfahren und Familienmitglieder ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Die unterirdischen Gräber unter dem Friedhof in Jerusalem sind jedoch für die Ewigkeit geschaffen und mit ihnen auch die von Yvelle Gabriel aus Glas und Aluminium geschaffenen Lichtsphären, die in der Todesfinsternis leuchten sollen.