Gemüse, Gebete und viel Geduld

Ein katholischer Verein hat auf einer früheren LPG eine Begegnungsstätte errichtet. Von Benedikt Vallendar

Statt einer Pumpstation: Nun ist das Kreuz das „Insignium des Achorhofes“.
Statt einer Pumpstation: Nun ist das Kreuz das „Insignium des Achorhofes“.

Wir sind auf einem guten Weg, auch wenn der noch weit und steinig ist“, sagt Claudia Paulin, Vorsitzende des katholischen Achorvereins e.V. Auf dem Gelände einer früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in der südlichen Mark Brandenburg bei Trebbin hat der Verein seine Zelte aufgeschlagen, das Gelände vor einigen Jahren gekauft, um dort eine christliche Begegnungsstätte zu errichten. Und in der Tat. Steine gibt es auf dem Achorhof viele, aber eben nicht nur. Neben Stallungen, einem Freigelände und verrosteten Relikten aus DDR-Zeiten ziert noch immer die Aufschrift „1925“ den Querbalken vor der sanierungsbedürftigen Scheune, darunter ein Bibelvers, dessen Konturen schon leicht abgeblättert sind. Und wo früher eine Pumpstation war, steht heute ein Holzkreuz, sozusagen das Insignium des Achorhofes. Und doch. Ein Hauch von Sozialismus liegt noch immer in der Luft, was wohl auch an der grauen Fassade liegt, die so aussieht, wie an den meisten Häusern in der früheren DDR.

Die Mauer fiel, doch der Glaube blieb

Gemüse, Gebete und ganz viel Geduld – so in etwa darf man sich das Leben auf dem Achorhof vorstellen. Und das inmitten satter Idylle vor den Toren Berlins. Seine Geschichte beginnt im 18. Jahrhundert, die der Menschen, die den gleichnamigen Verein gegründet haben, wenige Jahre vor dem Bau der Berliner Mauer. Zu einer Zeit, als Katholiken aus Ost und West den Kontakt zueinander nicht abbrechen lassen wollten. Was dann kam, ist längst Geschichte. Die Mauer fiel und der christliche Glaube blieb. Nach dem Ende der SED-Diktatur ergab sich Anfang der neunziger Jahre die Möglichkeit, das Gehöft mitsamt Außengelände und denkmalgeschütztem Wohnbereich zu kaufen, womit in der Vereinsgeschichte ein neues Kapitel begann, das bis heute eine Erfolgsgeschichte ist. Einer Geschichte unermüdlichen Bemühens, mitten in der Diaspora eine religiöse Insel zu schaffen, auf der der christliche Glaube gedeihen kann, wie es sinngemäß in der Vereinssatzung heißt. „Und ohne den hier gar nichts liefe“, wie Claudia Paulin betont. Jeden Tag beginnt die gebürtige Österreicherin mit einer Andacht im „Raum der Stille“, den ein kleiner Altar und eine Marienstatue zieren. Kürzlich war sogar der Berliner Generalvikar da und hat den Raum gesegnet. Einmal im Monat kommt ein katholischer Priester auf den Achorhof, um die Heilige Messe zu feiern. Gebete geben ihr Kraft, sagt Claudia Paulin, die auch viel in der Bibel liest, und, wie sie sagt, ein offenes Ohr für alle Menschen hat. Im Prenzlauer Berg betreut sie zurzeit einen spastisch gelähmten Mann. Daneben ist die junge Frau eine exzellente Köchin, die auch backen kann, was sich bis in hohe katholische Kreise der nahen Hauptstadt herumgesprochen hat. Die 34-Jährige ist die gute Seele des Achorhofes, diejenige, die vor Ort lebt und die die Menschen im Dorf kennen. Langweilig werde es ihr nie, sagt sie. Paulin führt die Vereinskorrespondenz, stellt Anträge bei Behörden, der EU und bereitet Veranstaltungen vor.

Ein „Fulltime“-Job, den sie weitgehend ohne fremde Hilfe stemmt. „Im Sommer kommen oft Jugendgruppen, die bei uns zelten, Sport treiben oder mitarbeiten können“, heißt es auf der Homepage achor-verein.de. Und in der Tat, Arbeit gibt es auf dem Achorhof genug. Immer und überall. Ob als Maurer, Gärtner, Tischler oder Zimmermann – alle Gewerke finden passende Betätigungsfelder. Wenn sie mal ein technisches Problem hat, bekommt Paulin Hilfe von einem Ruheständler aus dem Nachbardorf, sagt sie. Vor wenigen Jahren haben Handwerker im ehemaligen Pferdestall Ferienwohnungen eingebaut und im Dachgeschoss einen Versammlungsraum hergerichtet, nebst Duschen, Toiletten und einer kleinen Bibliothek. Nach oben führt eine Treppe aus Stahl, deren Einzelteile von einem abgerissenen Bahnhof stammen. Im kommenden Sommer soll der denkmalgeschützte Wohntrakt von 1764 saniert werden, sollten bis dahin die nötigen EU-Finanzmittel geflossen sein. Paulin würde das alte Haus gerne behindertengerecht umbauen, sagt sie, was auch dem Vereinszweck entspräche. Denn für alle, Gesunde und Kranke, Alte und Junge soll der Achorhof Anlaufstätte und Rückzugsort sein, sagt sie. „Früher haben die Menschen in der Region unter höchst kärglichen Bedingungen gelebt“, sagt die Potsdamer Historikerin Jenny Krämer. Kriege, Hungersnöte und eine hohe Kindersterblichkeit waren in der südlichen Mark Brandenburg noch bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts grausame Wegbegleiter. Bevor zwei Weltkriege und die Jahre der SED-Diktatur weitere Spuren hinterließen, die sich bei genauerem Hinschauen noch immer entdecken lassen.

Längst hat auf dem Achorhof eine neue Zeitrechnung begonnen. Sonnenstrahlen künden vom nahen Frühling, die ersten Vögel zwitschern, und im Garten sind Maulwurfshügel zu sehen, ein Zeichen für fruchtbare Böden. Für den Nachmittag hat sich Besuch angekündigt. „Da will ich noch was herrichten“, sagt Claudia Paulin. Nach der Matura am Akademischen Gymnasium Graz studierte sie Kunst und Kunstgeschichte in Wien und schloss das Studium als Magistra Artium (M.A.) ab. Was folgte, waren die Arbeit mit Flüchtlingen, als Malerin in einem Berliner Atelier und einige Zeit im österreichischen Schuldienst. Bevor sie vor drei Jahren die Leitung des Achorhofes übernahm. Von der Kunst zur Verwaltung. „Der liebe Gott wollte es so“, sagt Paulin, die sich auch vorstellen kann, etwas „ganz anderes zu machen“, je nachdem, wo sie gebraucht werde.

Zurzeit beherbergt der Achorhof drei Bewohner, die dort leben, arbeiten und studieren. Eine von ihnen, Agnes, stammt aus China und bereitet sich auf die Taufe vor. Intensives Bibelstudium gehört dazu, neben Zeiten der Einkehr und Kontemplation. Zuvor hatte die 29-Jährige als Designerin in New York gearbeitet und über Umwege den Weg in die Idylle der Mark Brandenburg gefunden, sagt sie in gebrochenem Deutsch. Ihr Mitbewohner Paul stammt aus Indien und besitzt einen britischen Pass. Zurzeit lernt der 33-Jährige Deutsch und möchte später als Buchhalter arbeiten. Paul denkt schon an die Zeit nach dem Brexit, sagt er, und würde gerne einen EU-Pass haben. Sollte es mit dem Buchhalterjob nicht klappen, könnte Paul schon jetzt als Koch arbeiten. „Hin und wieder überrascht er uns mit indischen Reisgerichten“, sagt Claudia Paulin. Mit Curry, gebratenem Fisch und ganz scharfen Gewürzen.

Sinn für Glaube, Kunst und Engagement: Claudia Paulin.s: BV Foto: Foto